Meine Reise mit Goloka (4) – Aus dem Langzeitprotokoll 2016 – 2020

Die Nächte bleiben unangenehm. Meine Schuldgefühle halten mich wach. Es wird immer dasselbe Thema verhandelt. Ich habe es schon wieder getan. Habe mich auf etwas eingelassen, und nun will ich das plötzlich nicht mehr. Das ist in meinem System nicht vorgesehen. Wenn ich einmal Ja gesagt habe, dann muss ich immer weiter zu diesem Ja stehen, auch wenn daraus längst ein Nein geworden ist.

Ich kann solche Situationen nicht einfach beenden. Schon gar nicht, wenn ich sie mir doch selber ausgesucht habe. Mit diesen Gefühlen mir selbst überlassen drehe ich mich im Kreis, ich komme zu keiner Lösung, im Gegenteil, alles wird noch verworrener.

Bei dem nächsten Treffen erklärt mir Goloka, dass diese Schuldgefühle für einen Menschen mit meinen Erfahrungen völlig normal sind. Ich musste als Kind bei meinen Großeltern bleiben. Eine andere Entscheidung war ausgeschlossen. Kinder werden nicht nur durch körperliche Gewalt eingeschüchtert und manipuliert. Behauptungen wie jene, dass meine Großeltern sterben würden, sollte ich sie verlassen, stellen eine Form psychischer Gewalt dar. Den Wahrheitsgehalt dieser Aussage kann ich sofort körperlich spüren.

Interessant ist für mich aber vor allem die Einsicht, dass ich seit dieser Zeit mir selbst immer wieder ähnliche Konstellationen konstruiere. Denn das ist mir vertraut. Das kenne ich.

„Aber trotzdem ist ja etwas aus dir geworden.“

„Was denn? Was ist aus mir geworden?“

„Nun. Das frage ich dich. Was bist du?“

Ich überlege eine Weile.

„Schriftstellerin.“

„Mach dich doch nicht so klein.“

Hat dieser Hindu eigentlich eine Vorstellung davon, wie wenig Schriftstellersein mit Kleinheit zu tun hat? Ist der blöd? Ist er nicht. Er will darauf hinaus, dass das nur Worte sind, die wenig ausdrücken. Ich bin dies, oder ich bin das – meist haben solche Aussagen etwas mit Status zu tun. Und wenn dieser Status sich ändert – wenn wir unsere Arbeit verlieren, keine Bücher veröffentlichen, der Partner mit einer Jüngeren verschwindet –, was sind wir dann noch?

„Was bin ich denn nun deiner Meinung nach?“

„Nun. Offensichtlich ein Mensch, der Liebe empfinden kann. Für deinen Sohn zum Beispiel. Der muss sich diese Liebe nicht einmal verdienen. Der muss nichts dafür tun, der muss sich nicht mit dir treffen, nicht mit dir telefonieren. Weißt du eigentlich, warum er den Kontakt zu dir abgebrochen hat?“

Ich schüttle den Kopf. Ich weiß es nicht, da er über dieses Thema nicht mit mir redet.

„Vielleicht ist ihm eine emotionale, gelegentlich depressive, bei der Erbschaftsfrage übergangene Mutter peinlich. Vielleicht fühlt er sich auch schuldig. Aber du hast recht, es ist egal, ich liebe ihn. So oder so.“

„Weiß er das?“

„Zumindest habe ich ihm das schon einige Male versichert.“

„Schreibe ihm doch, was er dir bedeutet. Du musst den Brief ja nicht abschicken.“

Da Schreiben mein Handwerk ist, ich dem geschriebenen Wort fast magische Kräfte zuweise, fange ich gleich nach meinem Treffen mit Goloka an. 

Lieber S.,

es tut mir leid, dass es zwischen uns so gekommen ist, wie es ist. Du hast nie mit mir darüber gesprochen, warum Du keinen Kontakt zu mir möchtest, letztendlich spielt es auch keine Rolle.

Ich bin mir darüber im Klaren, dass ich Dir oft keine gute Mutter war, dass Du von mir mehr Zeit und Aufmerksamkeit gebraucht hättest, als ich Dir gegeben habe. Bitte glaube mir, dass ich mir wünsche, ich wäre damals eine andere gewesen. Sicherer in mir selbst, und deswegen verlässlicher für Dich als Deine Bezugsperson.

Dabei hat es doch so gut angefangen mit uns. Du warst ein Wunschkind. Ich hatte mich auf Dich gefreut. Wir hatten uns auf Dich gefreut. Doch verzeih, wenn ich anfüge, dass ich eigentlich zu jung war, um zu wissen, was ein Kind mir abverlangen würde. Ich hatte nicht darüber nachgedacht, ob ich tatsächlich in der Lage wäre, eine gute Mutter zu sein. Liebe allein genügt manchmal nicht.

Du hast nie darüber gesprochen, ob Dir ein Vater gefehlt hat. Du hast über vieles nicht gesprochen. Vielleicht habe ich Dich auch nicht auf die richtige Weise eingeladen, mir von Deinen Träumen und Wünschen zu erzählen. Ich weiß es nicht. Ich weiß so viele Dinge nicht.

Aber ich bin froh, dass Du trotz meines Unvermögens ein solch liebenswerter Mann geworden bist. Großzügig, herzlich, ein treuer und verlässlicher Partner.

Wie oft habe ich früher über Deinen Humor gelacht. Über die Art, wie Du Dich künstlich ereiferst. Du hattest schon als Kind eine Abneigung gegen Ungerechtigkeit. Auch das mochte ich immer.

Und ich glaube, dass Du – vielleicht ähneln wir uns darin – viel nachdenkst. Weißt Du noch, wie Du als Neunjähriger am Atlantik in Portugal auf einer Düne saßest, ganz in Dich versunken, und Du machtest nichts anderes als zu schauen? Als ich Dich gefragt habe, was in diesen Momenten in Dir vorgeht, sagtest Du, Du würdest über die Unendlichkeit des Universums nachdenken.

Ich liebe Dich. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Du musst mich auch nicht anrufen oder etwas für mich tun. Ich wünsche mir nur eins, ich wünsche mir, dass Du glücklich bist. Dass es Dir gut geht.

Während ich noch schreibe, weine ich. Es ist Monate her, dass ich mit meinem Sohn gesprochen habe. Früher meldete er sich nach ein paar Stunden, wenn er sah, dass ich ihn angerufen hatte. Das macht er heute nicht mehr. Nicht einmal zu meinem sechzigsten Geburtstag hatte er mir gratuliert.

Als wir uns ein paar Monate später bei meinen Eltern sahen und ich ihn darauf ansprach, sagte er, das wäre doch unlogisch. Er riefe mich das ganze Jahr über nicht an, warum er es dann ausgerechnet an meinem Geburtstag tun solle? Das entbehrt nicht einer gewissen Logik, ich musste es zugeben.

Während ich weine, sehe ich die weißen Wolken am Himmel, die sich so langsam bewegen, sehe die kleinen Vögel in den Sträuchern vor meinem Fenster – Grünfinken, Meisen –, höre ihr fröhliches Getschilpe. Goloka würde jetzt sagen: Sieh, das ist alles für dich.

Und auch wenn ich darüber noch einmal weinen muss, fühle ich mich von dieser Annahme doch getröstet.

 

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