Am Morgen Blitz und Donner, jetzt ein leiser Landregen.

Mag ich. Auch die Abkühlung gefällt mir. Obwohl es gestern längst nicht mehr so heiß wie vorgestern war, fühlte ich mich wie aus der Spur geraten. Die zwei selbst gemachten Eisvarianten – Brombeersahne vom Moppedfahrer, Mangosahne von mir – sorgten zwar für etwas Erleichterung, aber viel mehr als ein Herumlungern in der Hollywoodschaukel habe ich nicht geschafft.

Allerdings lässt es sich mit guter Lektüre vorzüglich lungern. Ich bin froh, dass ich in meinem ersten Ärger das Buch „Das glückliche Geheimnis“ von Arno Geiger nicht weggelegt habe. Mir wäre doch einiges entgangen. Anfangs fand ich, er mache zu viel Gewese um die Tatsache, dass er über viele Jahre einmal wöchentlich – wenn er sehr verzweifelt war, auch zweimal – in fremde Papiercontainer gestiegen war. Als wäre das in irgendeiner Weise obszön. Oder als wäre dieses Tieftauchen nur gewissen Menschen vorbehalten.

Von mir kann ich sagen – ich bin bisher nur nicht auf die Idee gekommen. Aber die Idee gefällt mir. Wenn ich mir vorstelle, welche Schätze er dort zutage gefördert hat. Und damit meine ich nicht nur Bücher und schönes Papier. Nein, er fand immer wieder Konvolute an Briefen, Tagebüchern. Einmal 37 Bände Tagebücher.

Später erzählte er einer Geliebten von den Einsichten, die ihm die Lektüre verschafft hatte: „In ihren Persönlichkeiten zeigen sich mir die Menschen weniger fest umrissen, als die meisten Romane glauben machen wollen. Die Menschen sind gescheiter und begabter, als man vermuten müsste, aber meistens auf geradezu unwahrscheinliche Art inkonsequent, unordentliche Charaktere in mehrfacher Hinsicht. Die Männer furchtbare Narren, und die Frauen um kein Haar besser.“

Aber dieses Buch erzählt nicht nur von den papierenen Funden, sondern auch davon, wie einer Schriftsteller wird. Ein sehr erfolgreicher noch dazu. Und eigentlich ist es ein Buch über das Leben. Darüber, wie es auch gelebt werden kann.

Wie manche wissen, bin ich ganz vernarrt in derartige Lektüre. Dann lese ich auch zusätzlich Kritiken auf Amazon. Fast alle Reaktionen waren positiv, nur eine Leserin schrieb, sie hätte all das von Arno Geiger lieber nicht gewusst. Er solle doch bitte bei seinen fiktiven Geschichten bleiben.

Ich musste an die Frage denken, die mir vor einigen Wochen gestellt worden war. Es ging um einen Abschnitt von „Einfach leben“, in dem ich von der Vergewaltigung erzähle. Warum würde ich so viel von mir preisgeben.

Etwas Ähnliches hatte vor Jahren eine Freundin wissen wollen. Da ging es nicht nur um die Vergewaltigung, da ging es eher um ihren Gesamteindruck nach der Lektüre. Warum willst du, dass andere Menschen das lesen?, hatte sie mich gefragt. Man könnte ja denken, du wärest unglücklich.

Mal davon abgesehen, dass ich nicht glaube, dass meine Texte die einer unglücklichen Frau sind, aber wenn doch: Was wäre daran verwerflich? Oder unangenehm? Ist Unglück unanständig?

Zu meinem Leben gehört Schmerz. Eine Menge sogar. Dazu gehören Wunden, die zwar vernarbt sind, aber manchmal wieder aufbrechen. Und gleichzeitig ist mir auch viel Gutes widerfahren. Auch darüber schreibe ich. Es gibt das eine nicht ohne das andere. Und damit sich jetzt gleich ein kleines Glücksgefühl einstellt, werde ich mich dem kleinen Rest vom Brombeereis widmen, das sich noch im Eisfach befinden müsste.

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