Meine Reise mit Goloka (5) – Aus dem Langzeitprotokoll 2016 – 2020

Goloka hat mir eine Übung vorgeschlagen. Es wäre an der Zeit, die Laube endgültig zu verlassen. Und deswegen gehe ich in meiner Fantasie an drei Abenden hintereinander kurz vor dem Einschlafen noch einmal nach Buchholz.

Ich laufe die Mühlenstraße entlang, vorbei am Friedhof, an dem kleinen Laden gegenüber vom Haus meiner ersten Freundin, lasse das Gehöft des Bauern rechts liegen, passiere den Konsum und den kleinen Platz mit der einzigen Telefonzelle weit und breit – die meiste Zeit funktionierte sie nicht –, biege links in den Wagnerweg. Dann gehe ich durch die Gartentür über den Steinplattenpfad zur Laube.

Als ich die Tür öffne, steht sie vor mir. Das Mädchen. Das Kind, das ich einmal war. Sie wundert sich nicht, fast sieht es aus, als hätte sie auf mich gewartet. Ich nehme ihre kleine warme Hand in meine, schließe hinter uns die Tür, so laufen wir zur Straße. Wir schauen nicht zurück.

Seitdem ist sie bei mir. Sie ist klein und zart, aber auf eigenartige Weise auch robust. Mal ist sie ernst und traurig, dann wieder schelmisch und komisch. Wenn ich nachts Angst habe, hole ich sie zu mir in mein Bett, unterhalte mich mit ihr. Ich decke sie gut zu und verspreche ihr, dass sie sich keine Sorgen machen muss, dass sie hier bei mir sicher ist. Vor allem aber sage ich ihr, wie sehr ich sie liebe.

Auch wenn ein Teil von mir murrt und das Ganze als esoterischen Kram verurteilen möchte – diese Fantasie wirkt. Vielleicht ist das auch gar nicht so abwegig, wie ich anfangs dachte. Wenn in unseren Zellen alles gespeichert ist, was wir erlebt haben, dann ist da auch noch das Kind vorhanden, das wir einmal waren. Seine Erinnerungen, seine Schmerzen, die Ängste, auch seine Freuden natürlich, alles ist da.

Mir dieses Kind tatsächlich vorzustellen, betrachte ich als unterstützende Maßnahme in meinem Heilungsprozess. Und um den geht es schließlich.

Am Tage lenke ich mich ab. Wenn ich schreibe, eine Ausstellung besuche, mir im Kino interessante Filme ansehe, dann denke ich nicht an mein Dilemma. Wenn ich aber daran denke, dann fällt mir etwas auf. Offensichtlich habe ich einen sensiblen Körper, einen Körper, der häufig an meiner Stelle reagiert.

Ich stelle Sinn und Zweck dieser Fortbildung infrage – ich werde krank. Ich will nicht die Freunde der Mitbewohnerin treffen, nicht zu diesem Geburtstag, jenem Fest – ich werde krank.

Einerseits fürchte ich, es könnte sich bei solchen Veranstaltungen wie Geburtstagsfeiern niemand für mich interessieren – tatsächlich bin meist ich diejenige, die auf andere zugeht, die Fragen stellt, sich Geschichten anhört, umgekehrt ist das selten der Fall –, andererseits kann ich eine gewisse Oberflächlichkeit in Gesprächen, den sogenannten Small Talk, schlecht aushalten. Ich langweile mich, finde viele Gespräche uninteressant, und anstatt das amüsiert zu beobachten oder mich zu verabschieden, fühle ich mich verkehrt oder gar schlecht, bleibe aber.

Und weil ich dies alles von mir kenne, entwickle ich schon vor dem Ereignis Ängste, auf die mein Körper dann reagiert.

Vielleicht bin ich bei solchen Zusammenkünften auch verkehrt. Würde es etwas ändern, wenn ich sagen könnte, ich bin eine Helferin für Geflüchtete? Wäre das besser als Schriftstellerin? Was ich ja nicht von mir behaupte, wenn ich mit fremden Menschen zusammen bin. Drückt dieses Ich-bin überhaupt meine Begabungen aus?

Ich kann gut mit Zahlen, mit Hunden, mit Kindern, mit Kinogutscheinen, mit Worten, mit Freunden, aber das ist ja längst nicht alles. Ich bin Freundin, ehemalige Geliebte, ehemalige Partnerin. WG-Bewohnerin. Mutter. Tochter. Leserin. Erinnerungssammlerin. Filmbetrachterin. Aufräumende. Im Garten Arbeitende. Fotografierende. Beobachtende. Turnende. Kranke. Gesunde. Liebende. Leidende. Weinende. Lachende. Sich sorgende. Sich freuende. Aufgeregte. In sich Ruhende. Nervöse. Durchgeknallte. Hilfsbereite. Neurotische. Ungeduldige. Geduldige. Stadtliebhaberin. Landliebhaberin. Runde. Eckige. Vegetarierin. Fleischfresserin. Kluge. Dumme. Ängstliche. Mutige. Verträumte. Realistische. Pazifistin. Militante. Wahrheitsliebende. Lügnerin. Ordnungsliebende. Chaotin. Und das ist immer noch nicht alles.

Vor allem bin ich eine Neugierige. Vielleicht ist diese Neugier der Hauptgrund, warum ich beschließe, es noch einmal mit der Fortbildung zu versuchen. Ich möchte wissen, was dieser verrückte Dozent dort treibt. Was er mit den anderen veranstaltet, die mir über WhatsApp versichern, wie sehr sie sich auf mich freuen.

Und obwohl ich schon zwei Tage vor meiner Rückkehr in die Fortbildung Magenschmerzen habe, richtige Angst also, obwohl ich peinliche Fragen fürchte, nehme ich all meinen Mut zusammen und gehe zurück in die Gruppe.

Der Dozent ist Kroate, Regisseur, ein Mann vom Theater, der neben seinen Kursen in Berlin zu Hause noch an einer philosophischen Fakultät unterrichtet. Er ist groß, attraktiv, hat volles graues Haar und einen kleinen, vermutlich festen Bauch.

Er begrüßt mich wie eine alte verschollene Bekannte. Er hätte schon einiges von mir gehört, sagt er. Dann geht es los. Und ich habe von der ersten Stunde an das Gefühl, nach Hause gekommen zu sein.

Setz dir eine rote Nase auf und tu so, als wärest du jemand anderer. Lies laut Gedichte, singe, tanze sie, schreibe selber eins. Lass dir eine Geschichte vorlesen, erzähle anschließend, was du gehört hast. Nur die Fakten. Gib keine Wertung ab. Benutze Farbe und Klang und sieh zu, wie du mit Menschen, die nicht unsere Sprache sprechen, in Kontakt kommen kannst.

Scheinbar geht es bei dieser Arbeit darum, mit unserer eigenen Kreativität in Verbindung zu treten. Für viele in der Gruppe sicher das erste Mal, dass sie sich selbst so erfahren.

Dem Kroaten gelingt es ohne Anstrengung, andere über die selbst gesteckten inneren Grenzen – das kann ich nicht, das will ich nicht, warum soll ich das machen, das ist Blödsinn – hinauszuführen. Immer genau durch die Angst und die Abwehr hindurch.

Der Körper – oder die Seele? Gibt es eine? – belohnt ein solches Verhalten mit Endorphinen. Mit neuer Lebendigkeit. Mit einem Gefühl von Sinnhaftigkeit sogar.

Ich zumindest fühle mich nach jeder Stunde ein bisschen mehr wie ein Kind, das seine Geburtstagsgeschenke auspackt. Nichts davon habe ich mir gewünscht oder gar erhofft, aber alles ist genau richtig. Ich könnte vor Begeisterung und Freude tanzen und hüpfen.

Am zweiten Tag machen wir eine Übung, die mit Nähe und Distanz zu tun hat. Wie nah darf oder möchte ich einem anderen kommen? Ist dieser Abstand auch für den anderen richtig? Erkenne ich das?

Als ich an der Reihe bin, scheint mir nach einem kurzen Spüren der Abstand zwischen dem Kroaten und mir der richtige zu sein. Als ich schon wieder zu meinem Platz gehen will, fragt er mich, wie meine Nacht war.

„Schlecht.“

„Geträumt?“

„Ja. Aber nicht erinnert.“

„Wer nicht erinnert, hat nicht gut geträumt. Kannst du dich sonst erinnern?“

„Ja. Manchmal.“

„Sag einen Traum.“

Ich weiß nicht, warum mir gerade dieser einfällt – oder ich weiß es doch –, jedenfalls erzähle ich von dem roten Backsteinhaus am Meer, von den vielen Zimmern, in denen ich noch nie war. Der Traum ist mindestens zwanzig Jahre alt, ich habe ihn bis heute wie einen Schatz gehütet.

Und den spielt er mir nun pantomimisch vor. Bezieht mich nach einer Weile sogar in seine Vorstellung mit ein. Nimmt mich am Arm, hält mich fest, geht mir voraus. Und dann sehe ich mit seinen Augen die Schönheit in diesen unbekannten Zimmern.

Auf mein Leben bezogen gibt es also entweder in mir Bereiche, die noch unentdeckt sind, oder in der Zukunft wird noch einiges passieren, was mein Leben reicher macht.

Ich wusste immer um die Bedeutung dieses Traums, aber ihn auf diese Weise gespiegelt zu bekommen, bestätigt meine Ahnung, und das berührt mich.

 

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