Frau Amsel hüpft auf dem braunen Boden – Erde, verdorrtes Gras – neben der Vogeltränke herum.

Hömma meine Kleine. Eine kurze Anstrengung, schon könntest du ein Bad nehmen. Ich habe den Behälter saubergemacht und mit frischem Regenwasser aufgefüllt. Davon gibt es im Moment reichlich. Die Tonne unter dem Abflussrohr ist übergelaufen, in die schwarze Wanne hinein, die ebenfalls übergelaufen ist.

Als es heute Morgen noch überall nass war, habe ich mich mit meinem Tagebuch auf den Balkon gesetzt. Zu dem dicken Basilikumbusch, der demnächst den Blumenkasten sprengen wird. Im Efeu, der die gesamte Giebelseite überzieht, ein buntes Treiben. Bienen, Wespen, Schwebfliegen. Schmetterlinge.

Ich gebe zu, ich mag es nicht, von Wespen belästigt zu werden, und doch bin ich jetzt in diesem Moment froh um jede einzelne dieser Nervensägen, wenn ich mir noch einmal die Zahlen und Fakten anschaue, die ich mir gestern beim Lesen von Charles Eisensteins Buch „Klima“ notiert habe.

In geschützten Naturreservaten hat die Biomasse fliegender Insekten in einem Zeitraum von 27 Jahren zwischen 78 bis 82 Prozent abgenommen.“ 

Das allein wäre schon schlimm genug, doch es kommt ja einiges hinzu.

„Die Biomasse der Fische hat sich halbiert. Die Wüsten haben sich in einem nie dagewesenen Ausmaß ausgebreitet. Die Korallenriffe sind um die Hälfte zurückgegangen. Die Mangroven in Asien sind um 80 Prozent zurückgegangen. Der Regenwald in Borneo ist so gut wie verschwunden. Die Regenwälder bedecken weltweit weniger als die Hälfte der früheren Flächen. Tausende Arten sind ausgerottet. Das alles ist real, und es ist nur ein Bruchteil der gesamten Zerstörung, die auf dem Planeten vor sich geht.“

Und doch scheinen diese Fakten nur wenige zu beunruhigen. Oder sie reduzieren diese vielschichtige Krise auf den CO₂-Ausstoß, als ließe sich mit einer einzigen Stellschraube ein lebendiger Planet reparieren.

Wie einfach wäre es z. B. die Stadt nicht nur grüner, sondern auch ökologischer zu gestalten. Fassaden könnten begrünt, zubetonierte Flächen könnten aufgebrochen und bepflanzt werden. Und warum ist es erlaubt auf einem Grundstück sämtliche Bäume zu fällen, wenn es neu bebaut wird? Warum dürfen öffentliche Plätze in Betonwüsten verwandelt und als Alibi mickrige Bäumchen in Töpfen aufgestellt werden?

Noch bin ich nicht am Ende des Buches angekommen, ich kenne also nur einen Teil der  Gedanken und Strategien, die Charles vorschlägt. Jeder kann dort etwas tun, wo er gerade ist. Das ist logisch. Mal einen Straßenbaum gießen. Vögel füttern. Insektenwohnhäuser aufstellen. Einen Balkon bepflanzen. Einen Abschnitt an einem Fluss, einem See sauber halten.

Viele kleine Aktionen bewirken etwas. Das vergesse ich manchmal, wenn ich wütend werde und mich die Verzweiflung über den Zustand dieser Welt überkommt. Dummerweise habe ich aber auch schon gelesen, dass der Kampf gegen Feindbilder oft genau das stärkt, was wir überwinden wollen. Andererseits: Ich will sie – die anderen – gar nicht alle lieb haben.

Anmerkung: Keine halbe Stunde nach der Veröffentlichung dieses Textes erhielt ich über den Newsletter der Galerie Qerndu eine Nachricht von Ragnar Axelsson: Postcard from Vatnajökull.

Iceland’s glaciers are like books written over thousands of years. Each year they melt, about five years of Earth’s climate history disappears with them. Layers of volcanic ash leave abstract patterns and faces across the ice, each one marking a specific eruption. Scientists can trace a single grain of volcanic ash back to the volcano it came from.

A record of a world that is disappearing before our eyes.

(Das Video dazu findet sich auf https://qerndu.com/. Weitere Infos – auch zur aktuellen Ausstellung von Ragnar Axelsson in München – gibt es auf https://rax.is/ oder auf qerndu.)

 

5 Gedanken zu „Frau Amsel hüpft auf dem braunen Boden – Erde, verdorrtes Gras – neben der Vogeltränke herum.“

    1. Danke dir. Dieses Gefühl der Hilflosigkeit kenne ich auch. Dann versuche ich, mich auf die kleinen – oder auch größeren – Dinge zu konzentrieren, die gut sind. Die gibt es ja immer noch.

      1. Ja, so mache ich das auch, es ist schon wichtig, sich das immer mal wieder vor Augen zu führen, aber man darf sich nicht nur damit beschäftigen, sonst geht man vor die Hunde, wobei man da ja zumindest unter emotional guter Gesellschaft wäre.

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