Es ist ein paar Tage her, dass ich Anidana gesehen habe, nur manchmal habe ich ihn über mir gehört. Das ist nicht weiter erstaunlich, so ist das manchmal, wenn er frei hat. Er ist Grabredner, einer der besten in seiner Branche, sagt man, deswegen hat er auch mit Mitte siebzig noch jede Menge zu tun. Die Arbeit ist anstrengend, ständig muss er reden, mit Menschen in Kontakt sein, da genießt er zu Hause die Ruhe.
Dann nimmt er an freien Tagen seine erste Mahlzeit am Nachmittag ein, füllt in der Küche ein Tablett mit allerlei Köstlichkeiten und verschwindet damit wieder im Bett, wo er Radio hört, liest, später auch Wein trinkt.
In der letzten Zeit saß er manchmal im großen Zimmer unten, wenn ich nach Hause kam. Der Fernseher grölte, und neben ihm ein halbvolles oder leeres Grappaglas. Früher wurde in diesem Raum meditiert, er macht das immer noch gelegentlich morgens, singend meist, wir anderen sitzen im Winter gern allein oder mit Freunden vor dem Kamin, wer mag das nicht.
Einmal habe ich ihn angeschrien, was das solle, ob er neuerdings schon mittags mit dem Saufen anfangen würde. Er war wortlos in seinem Zimmer verschwunden, und ich habe mich geschämt. Warum kann ich ihn nicht trinken lassen, wenn es das ist, was er tun möchte? Er ist ein erwachsener Mann, und ich weiß doch, dass er Alkoholiker ist.
Jetzt liegt der Kerl auf der Intensivstation, nachdem er hier ein paar Tage mit einem Herzinfarkt herumgeschlichen war. Von dem keiner der WG-Mitbewohner etwas gemerkt hatte, von dem er auch niemandem etwas erzählt hatte.
Vermutlich würde er immer noch in seinem Bett liegen, wahrscheinlich tot inzwischen, wenn mich nicht die Frau angerufen hätte, die sich um seine Termine und Steuerunterlagen kümmert. Sie hatte ihren Sohn zu uns geschickt, weil sie Anidana weder auf seinem Handy noch auf seinem Festnetz erreichen konnte, was völlig untypisch für ihn ist.
Dem Sohn hatte niemand geöffnet, deswegen war er um das Haus herumgegangen, hatte an der Gartenseite eine Leiter gefunden, hatte sie vor Anidanas Fenster gestellt und war hinaufgeklettert. Und da hatte er dann Anidana im Bett liegen sehen. Der nur herumgepoltert hatte, man möge ihn gefälligst in Ruhe lassen.
Mein Ärger war größer als mein Mitgefühl. Ich hatte ihm ein Ultimatum gestellt. Entweder er geht binnen vierundzwanzig Stunden selber zum Arzt, oder ich rufe einen Krankenwagen.
Natürlich musste ich den Krankenwagen rufen, aber wenigstens hatte er sich in sein Schicksal ergeben, hatte sich sogar freiwillig angezogen und später kleinlaut die Fragen des Notarztes beantwortet. Auch dass er seine Diabetesmedikamente nicht nimmt, hatte er zugegeben.
In seinem Herzen ist jetzt immer noch ein Gerinnsel, sie wollen es mit Ultraschall zertrümmern, aber da dies sehr gefährlich ist, verschieben sie es immer wieder. Auch einen Blasenkatheter haben sie ihm gesetzt, aber das war so schmerzhaft, nun trägt er eine Art Kondom mit Abfluss am Penis. Den Ernst der Lage erkenne ich auch daran, dass er mir dieses Ding zeigt.
Zwischen uns ist jetzt eine Vertrautheit, wie man sie vielleicht in einer langen Ehe findet. Dabei hatten wir noch nie eine Liebesbeziehung. Und das ist gut so. Sonst hätten wir es vermutlich nicht – mit einer Unterbrechung von fünf Jahren – dreizehn Jahre miteinander in einer WG ausgehalten können.
Mit den anderen Mitbewohnern lebe ich „irgendwie“, das hat sich so ergeben, besonders nah war mir keine oder keiner, jedenfalls nicht, nachdem die Schwestern 2001 ausgezogen sind. Mit ihm war das von Anfang an anders. Er ist nicht nur ein Mensch, mit dem ich im selben Haus lebe, er ist im Laufe der Jahre auch ein Freund geworden.
Gerade in den letzten sechs Jahren sind wir uns noch näher gekommen. Dabei habe ich in der ersten Zeit nach meiner Rückkehr in die WG, nach dieser Trennung, die mich so unverhofft getroffen hatte, Freunden gegenüber oft das Wort „Übergangslösung“ benutzt. Die WG sollte eine sein. Bis ich mir darüber klar wäre, wie ich leben wollte. Was wohl eher hieß: bis ich wieder einmal einen Mann träfe, mit dem ich mir vielleicht ein gemeinsames Leben vorstellen könnte. Was nicht eben einfach ist, da ich in der Vergangenheit mit den meisten Männern, die mir näher standen, nicht leben wollte. Unter gar keinen Umständen. Es gab nur wenige Ausnahmen.
Mit Anidana kann ich gut leben. Was vor allem daran liegt, dass wir keine Erwartungen aneinander haben. Zumindest er akzeptiert mich so, wie ich bin. Ich muss nichts tun, muss mich nicht verstellen, kann jederzeit Nein sagen, wenn er mir einen Vorschlag unterbreitet, da gibt es nie Vorhaltungen.
Ich bin nicht ganz so großzügig, hadere manchmal mit dem Umstand, dass er trinkt. Er macht ja kein Hehl aus dieser Tatsache, und dass er ein Messie ist, das erzählt er zwar nicht jedem beim ersten Treffen, aber ihm ist bewusst, dass alle, die ihn näher kennen, davon wissen. Das akzeptiere ich, jedenfalls so lange er seine Sachen nicht im Haus verteilt. Und darauf muss man ein Auge haben.
Wir kennen unsere Vergangenheit, die kleinen und großen Tragödien, die glücklichen oder unglücklichen Liebesgeschichten, wir wissen um unsere Fehler, unsere Macken, und unsere Vorlieben kennen wir auch.
Oft erzählt er mir einen Witz, wenn wir uns in der Küche oder im Esszimmer treffen, und freut sich stets, wenn ich auch über die frauenfeindlichen lache. Wenn ich mich künstlich über das Wort „Blödmöse“ aufrege.
Manchmal trinken wir zusammen Wein. Wir gehen essen, ins Kino, nie ins Konzert, dahin lasse ich mich nicht locken, und im Sommer sitzen wir in entgegengesetzten Ecken des Gartens und lesen Zeitung.
Auch in dieselbe Pension an der Ostsee fahren wir manchmal, wo wir dann in unterschiedlichen Etagen – wie zu Hause – unsere Zimmer beziehen und unsere Tagesabläufe so gestalten, wie jeder das mag. Meist sehen wir uns zum Frühstück und zum Abendessen.
Er ist der Hauptmieter des Hauses, alle anderen haben mit ihm einen Untermietvertrag, das ist von der Eigentümerin so gewollt. Ich bin diejenige, die das Hauskonto führt, die sich um Rechnungen, Überweisungen kümmert, die den Bürokram macht eben. Und weil ich so schnell tippen kann, keine Korrekturen nötig sind, erledige ich gelegentlich auch Schreibarbeiten für ihn.
Manchmal wünschen die Angehörigen seine Rede in schriftlicher Form, und obwohl es zusätzlich Geld einbringt, kommt er diesem Ansinnen nicht gerne nach. Es ist eben auch zusätzliche Arbeit. Da niemand seine Notizen lesen kann, es auch keine formulierten Sätze gibt, muss er mir den Text diktieren.
Dann sitzt er neben mir an meinem Schreibtisch, seine Unterlagen vor sich, oft fluchend, weil er die richtige Reihenfolge der Seiten nicht erkennen kann, und dann diktiert er mir in die Tasten. Hinterher lädt er mich auf ein Glas Wein, manchmal auch zum Essen ein.