In der Sonne ist es zu warm. Deswegen habe ich die schwere Holzliege in den Schatten gezerrt. In zwei Tagen wird Anidana in die Reha wechseln. Es sieht tatsächlich so aus, als hätte er noch eine Chance bekommen, als wäre ihm noch eine Runde auf dem Karussell vergönnt.
In der Luft ist ein solch süßer Maienduft, im Garten summt und brummt es, und ich denke darüber nach, ob ich tatsächlich noch dieselbe Frau bin, die vor nicht allzu langer Zeit am liebsten diesen Planeten verlassen hätte. Jetzt lebe ich plötzlich so gern. Alles ist gut. Und das, was noch nicht gut ist, das wird noch gut werden. Davon bin ich jetzt, hier in diesem Moment überzeugt.
Das Handy klingelt kurz nach vier. Ich verstehe den Namen der Anruferin nicht, nur dass es sich um jemanden aus dem Krankenhaus handelt. Es täte ihr leid, mir diese Mitteilung machen zu müssen, aber zwischen zwei und vier Uhr sei Herr E. verstorben.
Anidana hatte mich als Kontaktperson angegeben, deswegen bin ich jetzt diejenige, die diese Nachricht erhält. Die Frau wird mir die Wahrheit gesagt haben, aber ich kann es nicht glauben. Es ist noch keine drei Stunden her, dass ich mit ihm gesprochen habe.
Während mich die Yogalehrerin ins Krankenhaus fährt, versuche ich, Anidanas Sohn zu erreichen. Danach den Cousin in Göttingen. Ich überlege, wen ich noch informieren soll, aber da ich so durcheinander bin, fällt mir niemand ein.
Eine Krankenschwester bringt mich zu seinem Zimmer, dann lässt sie mich dort allein.
Mit offenem Mund liegt der Freund auf seinem Bett. So still und so erschreckend tot. Ich versuche, noch einen Rest von ihm zu spüren, einen Hauch wenigstens, aber ich spüre nichts. Er ist fort. Das dort auf dem Bett ist die Hülle. Alles, was ihn ausmachte, was so lebendig an ihm war, ist nicht mehr da. Dieser Teil ist vielleicht unterwegs nach Korfu, denn dahin wollte er heute eigentlich fliegen, wäre dieser Infarkt nicht dazwischengekommen.
Ich sitze und schaue. Sehe, wie hinter dem sich leise bewegenden Vorhang Sonnenstrahlen auftauchen und wieder verschwinden. Die metallene Jalousie macht sanfte Geräusche. In mir ist eine große Ruhe. Ich beobachte mich und meine Gefühle, wundere mich darüber, dass ich gar nicht weinen muss.
Nach einer Stunde verlasse ich den Raum. Ich kann mich später nicht daran erinnern, woran ich in der Zeit gedacht habe, ob ich überhaupt etwas gedacht habe.
Man bringt mir seine persönlichen Sachen, und dann ist plötzlich auch eine junge Ärztin da. Sie hat ihn auf der Intensivstation betreut und ist jetzt selber bestürzt und den Tränen nah. Auch für sie ist sein Tod ein Schock. Damit hatte hier niemand gerechnet.
Jetzt weine ich doch, aber ich bin auch ärgerlich. „Er könnte noch leben, wenn er nicht so dumm gewesen wäre.“
Ich denke an den Alkohol, an die nicht eingenommenen Medikamente, die den Diabetes hätten regulieren können. Von all dem weiß die junge Frau. Sie nimmt meine Hand und schaut mir in die Augen.
„Ihr Partner war ein besonderer Mensch. In der kurzen Zeit, die ich ihn kennenlernen durfte, hat er mich sehr berührt. Er hat sich entschieden, so zu leben, wie er gelebt hat. Das sollten wir akzeptieren.“
Wir umarmen uns und weinen nun beide. Ich lasse sie in dem Glauben, dass ich die Partnerin bin. Wie kann es sein, dass eine so junge Frau schon so klug ist? Natürlich war es seine Entscheidung. Jeder trifft Entscheidungen, die irgendwann Konsequenzen nach sich ziehen. Wer bin ich, ihm deswegen Vorwürfe zu machen?
Abends kommen die Schwestern, Freundinnen seit fast zwanzig Jahren, seit wir uns hier in der WG getroffen und die ersten drei Jahre miteinander gelebt haben. Sie kennen Anidana viel länger als ich, allerdings war ihre Beziehung im Laufe der Zeit schwierig geworden, was an seinem Alkoholkonsum lag. Trotzdem sind sie von seinem Tod jetzt genauso betroffen wie ich.
Wir machen ein ordentliches Feuer im Kamin, trinken eine von seinen guten Flaschen Wein, wir erzählen Anekdoten, weinen und lachen. Immer abwechselnd.
Anidana kannte viele Menschen. Schon während des Klinikaufenthaltes war ich die Schaltstelle und Informationszentrale für Familie, Freunde, Bekannte und Kollegen. Diesen Status behalte ich auch in den Tagen nach seinem Tod. Ich telefoniere, schreibe Mails, rede mit unbekannten, aber sympathischen Verwandten, mit Freunden.
Schon am nächsten Tag sind Sohn und Cousin da, wir fangen auch gleich an, seine Zimmer auszuräumen. Vor diesem Moment habe ich mich gefürchtet, aber da es Helfer gibt, ist der schwierigste Teil der Arbeit nach einem halben Tag erledigt.
Auch mein Freund, der Taxifahrer, packt mit an, er trägt die schwersten Sachen. Ich habe ein wenig Angst, dass er sich einen Wirbel ausrenkt, aber darüber soll ich mir keine Sorgen machen.
Was da alles in den Zimmern zum Vorschein kommt. Der große Container, den wir uns vor das Haus haben stellen lassen, ist schnell gefüllt. Oft denke ich, jetzt wird gleich Anidana auftauchen und fragen, was wir uns da erlauben.
Es ist eine hektische Zeit. Momente der Ruhe gibt es selten. Psychisch befinde ich mich nach ein paar Tagen im Ausnahmezustand.
Deswegen begebe ich mich in meiner Phantasie nachts manchmal auf jene Insel, die ich unter Golokas Anleitung als sicheren Ort erschaffen habe. Es sieht dort ein bisschen so aus wie auf dem nördlichen Teil von Hiddensee. Allerdings habe ich keinen Leuchtturm, dafür in der ersten Zeit eine Art Kapelle auf den Klippen. Goloka hatte sie gesehen, obwohl ich ihm nicht von ihr erzählt habe. Ich weiß nicht, wie er das macht.
Später wird aus der Kapelle ein einfaches Holzhaus mit überdachter Terrasse. Dort steht ein großes weißes Sofa, zwischen Birken hängt eine breite Hängematte, und auf meinen Wiesen blühen weiße Margeriten. Hunde habe ich dort natürlich auch. Vier verschiedene.
Dorthin, auf meine Insel also, beame ich mich und das Mädchen. Wir toben mit den Hunden im Sand, baden im Meer, rollen uns auf weichem Gras einen Hang herunter, liegen still auf dem Rücken und bestaunen die Wolken, oder wir ruhen uns auf dem schattigen Sofa aus.
Diese Phantasiereisen sind real. Sie helfen mir inmitten der Trauer, an irgendetwas festzuhalten.
In dem Buch „Rot“ von Uwe Timm finde ich einen Satz, den ich mir in mein lila Notizbuch schreibe: „Erst in der Trauer beginnt ein wissendes Erinnern, in dem wir uns selber und des anderen inne werden.“
Wie es meine Art ist, fange ich an, Anidana einen Brief zu schreiben. Zwischen seinen Büchern habe ich ein Buch mit leeren Seiten gefunden – No Book – auf dem Umschlag ein Foto von Osho, darin schreibe ich.
Ich liege in Deinem Zimmer, in Deinem Bett. Nicht auf Deiner Matratze, die ist, wie Du Dir denken kannst, im Container gelandet.
Um mich herum Deine Bücher. Warum dieses Buch hier wohl No Book heißt? Weil es nur weiße Seiten enthält? Oder weil schon alles gesagt, geschrieben wurde?
Jetzt habe ich auch noch Deine weiße Robe angelegt. Sie erinnert mich an das Lied von der weißen Wolke, das Du so gern gesungen hast.
Weißt Du noch? Es war Frühling, als wir uns das erste Mal sahen. 1998. Ich hatte eine heftige Liebesgeschichte hinter mir. Mit DG, Du wirst Dich an ihn erinnern.
Eure Annonce hatte ich in der Zitty gelesen. WG in Haus mit Garten, Meditationsraum und Kamin sucht Mitbewohner. Oder so ähnlich. Ein Anruf, schon hatte ich einen Vorstellungstermin.
Du hast mir damals die Tür geöffnet. Richtig bekleidet, nicht in dem fadenscheinigen grünen Morgenmantel, in dem Du Dich später so oft gezeigt hast.
Ich war sofort beeindruckt und eingenommen von Deiner freundlichen und liebenswürdigen Art. Du hast mir das Haus und den Garten gezeigt, das frei gewordene Zimmer.
Ich erinnere mich an diesen Mann, einen halben Kopf größer als ich, schlank, dunkle Locken. Waren Deine Haare damals tatsächlich so dunkel?
Vor allem erinnere ich mich an die entspannte Atmosphäre, an das Vertrauen, das ich Dir nach wenigen Minuten entgegenbrachte.
Kurz war ich auch oben unter dem Dach, bei der Übersetzerin, wie Du mir K. angekündigt hattest. Wusste ich damals schon, dass sie auch Schriftstellerin ist? N. hatte mir Tee gekocht, mit ihr hatte ich im Esszimmer gesessen und geredet, am Ende kam sogar P., allerdings war sie in Eile und hatte keine Zeit für eine ausgiebige Befragung.
Ich hatte ihren dicken Kater als ‚stattlich‘ bezeichnet, und wie sie mir später einmal gestand, hatte das den Ausschlag für ihr Ja zu meinem möglichen Einzug gegeben.
Jede hatte auf ihre Weise versucht, etwas über mich herauszubekommen. Ob ich kompatibel wäre. Ob ich meditiere, denn das machten die Frauen abends oft gemeinsam.
Damals war der Mediraum noch leer. Gab es das große Foto von Osho schon?
Ich glaube nicht, dass ich bei meinem ersten Besuch schon etwas von den Spannungen ahnte, die zwischen Dir und den drei Frauen bestanden. Was ich dagegen sehr schnell wusste, es dauerte keine halbe Stunde, dass dieses Haus mir Heimat werden könnte. Weil ich in Neukölln schon lange nicht mehr glücklich war. Zu laut, zu dreckig, zu kaputt. Die Kneipe gegenüber, die mich jede Nacht mit ‚Mein Dingeling‘ beschallte. Dazu diese Sehnsucht in mir nach Grün, nach einem Garten.
Ob ich mich tatsächlich nach Gemeinschaft sehnte? Ich habe es vergessen.
Trotzdem erschien mir alles hier perfekt, genau richtig für mich. Und dieses schnelle Ja von mir, das hatte sehr viel mit Dir zu tun, mit Deiner Wärme und Großzügigkeit.
Später hast Du mir Deine Lieblingsplätze gezeigt. Die Rehwiese und den See, das Große Fenster und die Wannsee-Terrassen. Die winzige Kneipe am Bahnhof.