Nachdem ich mal wieder eine Woche in Schlachtensee das Haus, den Hund, die Katze gehütet habe, fällt mir der Abschied schwer. Der Retriever zerlegt einen Stock. Im Obergeschoss trudelt der Wäschetrockner. Das Erdgeschoss ist gesaugt, die Mülltüten sind ausgewechselt.
Mir gefällt der Gedanke nicht, dass ich zurück in die WG muss. Manchmal fühle ich mich unter den neuen Menschen fremd. Vielleicht ziehe ich mich zu oft zurück. Obwohl ich mich nach Nähe sehne, kann ich sie nicht auf Knopfdruck herstellen. Manchmal stellt sie sich ein. In einem Gespräch, in einem Moment, in dem ich etwas mit einem anderen teile.
So wie letzte Woche, als ich mit unserem jungen Mann aus Hamburg, der sich für drei Monate für ein Praktikum in Berlin befindet, über seine Ängste geredet habe. In Berlin fühlt er sich sicher, darüber wundert er sich selbst. In Hamburg hat er anderes erlebt, hat sich bedroht und alleingelassen gefühlt. So etwas erzählen mir andere Menschen, Männer vor allem. Offensichtlich wirke ich vertrauensvoll.
Bin ich ein einsamer Mensch oder eher einer, der gern allein ist? Manchmal verschwimmen die Fronten. Wenn ich nachts um zwei wach werde, fühle ich diese existentielle Einsamkeit, die ich am Tage manchmal vergessen kann.
Und dann ist es schon wieder Zeit für das Havelland. Prietzen hat uns gerufen, sechs Frauen sind gefolgt. Ein besonderer Platz immer wieder. Morgens krähen Hähne, tagsüber hört man den Esel, Vögel, Insekten, auch die Blätter der Pappeln rauschen, nachts schnattern Gänse am See. Manchmal hören wir auch die Rufe der Kraniche. Was sich eben auf dem Land so äußert. Dazu der Garten mit seiner Fülle an Obst und Gemüse, die Felder und der Deich, die Sonnenuntergänge am See. Dann sieht es aus, als würde der Himmel brennen.
Die Veranda ist besonders einladend, wenn die Sonne hereinscheint. Hier schreibe ich manchmal Morgenseiten. Manchmal unterhalte ich mich auch mit der Freundin aus Giessen, während die anderen Damen unter dem Dach meditieren. An meinem Geburtstag bekomme ich sogar den Kaffee hierher serviert.
„Möchtest du Obst und Porrige Nanetti?“
„Ja. Gern. Soll ich etwas tun?“
„Nö. Alles in Arbeit.“
Obwohl das Wasser kalt ist, überwinde ich mich und bin später froh darüber. Nicht alle baden nackt, ich liebe es. Ich finde meinen Körper schön, obwohl er objektiv betrachtet bestimmt nicht schön ist. Oder er ist altersgemäß schön.
Es gibt kleine, kostbare Momente, in denen ich vor Glück fast platze. Alles erscheint mir richtig, ich liebe meine Freundinnen, das Leben. Vor allem aber liebe ich den Umstand, dass ich hier für nichts zuständig bin. Nicht für das Haus, nicht für eventuelle Reparaturen, es gibt keine Anfragen von Mitbewohnern, die es zu bearbeiten gilt, nichts eben. Ich kann auch keine Erwartungen enttäuschen, brauche Verabredungen weder zu- noch abzusagen. Ich bin nämlich entschuldigt, weil nicht da. Das entlastet meine Psyche sichtlich.
Und schon denke ich wieder einmal darüber nach, wie es wohl wäre, auf dem Land zu leben. Nicht in einer Frauen-WG, das muss nun auch nicht sein. Ein kleines Haus, ganz allein für mich vielleicht. Oder wenigstens mal eine Saison auf dem Land leben. Einen Bus, der mich in die nächste Stadt bringt, sollte es ebenfalls geben.
Aber dann würden mir vermutlich doch ein paar Menschen fehlen. Nein. Werden sie nicht. Die Stimme, die das in mir ruft, klingt eher verzweifelt als überzeugt. Denn am letzten Tag, als ich allein unter dem Dach am Eingang sitze, in der Ferne Kraniche höre, fühle ich mich eigenartig. Die anderen sind längst fort, für mich und meine Tasche war kein Platz im Auto, und weil ich nicht am Vormittag mit einer der Schwestern mit dem Zug fahren wollte, bin ich jetzt hier die letzte. Doch so richtig genießen kann ich die verbliebenen Stunden nicht. Liegt es doch an den Menschen, die fehlen? Vielleicht wäre ein Leben auf dem Land nur möglich, wenn es Gleichgesinnte gäbe. Die mir aber nicht zu nahe kommen, die keine Erwartungen an mich haben sollten.
Wieder zu Hause begrüßen mich Blitz, Donner, Wolkenbruch. Gut, dass ich nicht gegossen habe. Mein Herz ist schwer. Ich hätte nicht zum Taxifahrer fahren sollen. Denn natürlich ist es nicht beim Essen geblieben. Ich sollte ein Buch über eine unmögliche Liebe schreiben. Aber das habe ich ja längst getan. Ich habe von der Frau erzählt, die einen wortkargen, ein wenig autistischen Mann liebt, die in seiner Nähe irgendwann selber stumm wird.
Der Taxifahrer ist der einzige Mann, zu dem es mich in den vergangenen Jahren immer wieder hingezogen hat. Ich sehe ihn, möchte ihn berühren, möchte berührt werden. Bei jedem Treffen flackert eine kleine Sehnsucht auf. Aber es sind kurze Momente, in denen ich ihm wirklich nah bin. Wenn wir in der Dunkelheit auf der Terrasse sitzen, Fledermäuse oder Sterne beobachten, wenn aus seinem Schlafzimmer die Stimmen von Leonhard Cohen oder Sade nach draußen dringen. Wenn sein Gesicht in der Dunkelheit unter mir leuchtet. Wenn seine Hände über meine Arme streichen und er mehr als nur meine Haut berührt.
Wären nur die Morgen danach nicht so ernüchternd, so bar jeder Worte. Eigentlich dachte ich, dass ich immun wäre jetzt, aber nein, wieder bin ich auf diese leise Sehnsucht, auf meine nicht endende Zuneigung zu ihm hereingefallen.
Ich falle herein, nur manche Wörter wollen mir nicht einfallen. Gestern habe ich nach dem Wort für „Dauerauftrag“ gesucht. Es war fort. Abgetaucht in Bereiche meines Gehirns, zu denen ich keinen Zugang habe.
Nachdem der Kroate mit der Familie fort ist, fast acht Wochen waren sie hier, wirkt das Haus leer. Die Terrasse ist verwaist, aus dem Mediraum, wo die Mädchen oft vor dem Fernseher saßen, kommen keine Geräusche.
Jetzt muss für den Mann vom Bodensee gefegt und gesaugt werden. Seine Stimme am Telefon war mir auf Anhieb sympathisch, das Foto, das ich von ihm gesehen habe, auch. Jo hat sich in den letzten Jahren um seine Eltern gekümmert, hat auch in ihrem Haus gelebt, und weil das nach deren Tod verkauft wurde, möchte er noch einmal etwas Neues anfangen. Er scheint ein kreativer Mensch zu sein, ab und zu verdient er etwas Geld mit Zeichnungen. Berlin ist seit vielen Jahren sein Sehnsuchtsort.
Es kommt ihm entgegen, dass die Räume hier möbliert sind, da würde sein Auto für den Umzug genügen. Schreibtisch, Bett, Schrank, das gehört alles mir, ich weiß nicht, ob ich die Sachen irgendwann verkaufen möchte. Es wäre schön, wenn ich meine Bücher noch eine Weile unten in den Regalen lassen könnte. Oben ist einfach kein Platz.
Nach dem Telefonat überlege ich für einen Moment, ob ich mich in diesen Jo verlieben könnte, etwas lag da doch eben in der Luft. Andererseits weiß ich, dass Männer nicht ins Haus geliefert werden. Stop the thoughts.