Meine Reise mit Goloka (16) – Aus dem Langzeitprotokoll 2016 – 2020

Auf den Blättern der Bäume sitzt der Frost. Wir harken das Laub und füllen es in Säcke, die wir auf die Straße stellen. Die Eigentümerin will jetzt doch jedem von uns einen eigenen Mietvertrag geben. Wahrscheinlich hat unsere Bockigkeit sie zermürbt.

Der Himmel ist dunkel. Blätter wirbeln durch die Luft, drehen sich wie im Taumel. So wie ich mich auf diesem Work-Away-Portal im Taumel drehe, von Jerusalem nach Ungarn springe, von Spanien in die Uckermark. Überall könnte man gegen ein paar Stunden Arbeit täglich Kost und Logis bekommen. Gleichzeitig habe ich Angst vor meinen eigenen Plänen, fühle mich zunehmend beklommen. Nur noch drei Monate.

Bevor ich hier meine Zelte abbreche, würde ich gern einen Verlag für „Einfach leben“ finden. Dieses Buch halte ich immer noch für das Beste, das ich bisher geschrieben habe. Deswegen überarbeite ich es noch einmal, obwohl ich eigentlich dachte, es wäre längst fertig.

Die Freundin ließ neulich mein Argument gegen das Schreiben nicht gelten. Natürlich gäbe es schon viele Bücher. Aber meins gäbe es noch nicht.

So geht das mit uns, seit wir uns kennen. Immer wieder macht eine der anderen Mut, wenn der sie gerade mal wieder verlassen hat. Und das geschieht in regelmäßigen Abständen, sogar ihr, die immerhin eine echte Schriftstellerin ist, die auf eine längere Liste von Veröffentlichungen verweisen kann.

Wer weiß, ob ich ohne ihr penetrantes Nachbohren mein erstes Buch überhaupt geschrieben hätte. Damals hatten sich Freunde immer nach den Fortschritten erkundigt, die mein Partner mit seinem Projekt macht. Das nagte an mir. Warum fragt mich eigentlich nicht mal einer? Die wissen doch, dass ich ebenfalls schreibe. Aber natürlich habe ich das nie laut gefragt. Bis die Freundin es dann tat.

Sie hat die Gabe, den Finger in die Wunde zu legen, wie man so schön sagt. Das mag ich an ihr. Ihre Hartnäckigkeit und ihren Mut, sich auch unbequemen Situationen auszusetzen, schätze ich. Wenn es zwischen uns mal knirscht, ist oft sie diejenige, die nachfragt, die das Problem klären will.

Weiße Wolken schieben sich am Blau entlang. Zwischen den Kiefern im Nachbargarten ein heller Schein.

Am Tage genieße ich die Ruhe, die Zeit, die ich mit mir allein verbringe. Kommen Menschen tatsächlich zur Stille, weil sie meditieren? Die Freundin würde es vielleicht so formulieren. Gibt es nicht eher ein natürliches Bedürfnis nach Stille? Das nur unter einer Schicht von scheinbaren Wichtigkeiten verborgen liegt?

Schreiben ist immer wieder ein Prozess, der mich auf mich selbst zurückwirft. Der mich gleichzeitig empfänglicher für Stille macht, mich sie suchen lässt sogar. Ich halte es trotzdem nicht für einen Widerspruch, dass ich auch gern in Cafés schreibe, mich von der Geräuschkulisse dort wie in einen Kokon einspinnen lasse.

Der Moppedfahrer und sein Freund haben mich zu einem Ausflug ins Havelland eingeladen. Der Freund will sich dort ein Haus anschauen, das verkauft werden soll. Es liegt in der Nähe der Garzer Schleuse, also eigentlich dicht bei unserem Sommerrefugium.

Nach der Besichtigung, nach einem kleinen Spaziergang – der Wind weht frisch bis eisig –, sitzen wir auf einer alten, kaum befahrenen Brücke in dem ausgebauten Bus vom Moppedfahrer. Es ist angenehm warm, gemütlich geradezu. Wir kochen Kaffee, essen den mitgebrachten Kuchen. Das Gespräch fließt unangestrengt dahin, auch Pausen halten wir aus. Ich fühle mich geborgen.

Der Himmel leuchtet, der Fluss unter uns glänzt dunkel, über dem nahen Wald kreist ein Raubvogel. Ich weiß nicht, woher es kommt, was es angerührt hat, aber plötzlich spüre ich diese flirrende Lebendigkeit in mir, dieses Einverstandensein mit allem, was mich umgibt, dieses gleißende Glück eben, das sich so rar macht, das ich nicht durch Wollen hervorbringen kann, das sich scheinbar nach Belieben einstellt oder eben nicht.

Alles in mir wird weit und offen, diese geheimnisvolle Quelle sprudelt und sprudelt, und meine Behauptung, gleich würde ich vor lauter Glück platzen, ist nicht ganz falsch. Natürlich platze ich nicht. Im Gegenteil, das Gefühl hält länger als eine Stunde an.

In dieser Zeit kommt es mir vor, als würde ich von innen heraus leuchten, als könnte ich alles, was mich umgibt, mit diesem Leuchten einhüllen. Ob die beiden Männer etwas davon bemerken, weiß ich nicht. Vielleicht ist es nur für mich spürbar.

Später denke ich, es sind tatsächlich diese Momente, für die ich lebe, für die es sich lohnt, am Leben zu sein und zu bleiben. Sie machen mir diese Existenz, die ich so oft sinnlos finde, ein wenig erträglicher. Vielleicht öffnen mich die krassen Nächte, die ich manchmal erlebe, sogar für diese Momente der Gnade. Denn eine Gnade sind sie.

Als ich ein paar Tage danach spät aus der Stadt komme, ist mein Fahrradsattel vereist. Der Himmel hängt voller blinkender und vibrierender Sterne.

Mit dem Kreuzberger Freund habe ich darüber gestritten, ob er ein Künstler ist oder nicht. Warum mache ich das nur? Es könnte mir egal sein. Wenn er sich nicht für einen hält, bitte. Für mich ist er einer, ein Schreiber, das ist doch offensichtlich. Aber ich kann nicht ausschließen, dass ich mich so engagiere, weil ich Angst davor habe, dass ich in seinen Augen auch keine Künstlerin bin, wenn er sich selbst nicht für einen Künstler hält.

Durch Zufall habe ich von einem Gospel-Workshop gelesen, der in den Räumen einer freikirchlichen Gemeinde in der Bergmannstraße stattfindet. Ich habe mich spontan angemeldet, und ehe ich mich versehe, stehe ich abends ein paar Stunden in dieser eigenartigen Kirche und singe, bis mir der Hals weh tut.

„Open the flood gates of heaven.“

Meine flood gates sind schon geöffnet. Ich weine jedes Mal, wenn wir den Song proben.

Obwohl wir gerade mal vier Tage Zeit hatten, stehen wir am fünften Tag in Potsdam auf einer Bühne vor einem uns freundlich gesonnenen Publikum und geben ein Konzert. Was habe ich für Ängste vorher. Mich lächerlich zu machen, den Text nicht zu können, ständig falsch zu singen.

Doch dann ist es in erster Linie ein großer Spaß. Ein wunderbares Gemeinschaftserlebnis, das mich den Menschen in dieser zufällig zusammengewürfelten Gruppe noch näher bringt.

Ja. In diesen Stunden kann ich sagen, dass ich sie alle liebe. Und das bedeutet auf keinen Fall, dass ich mit einem von ihnen in Beziehung sein oder mit einem leben will. Nichts dergleichen. Es ist eher ein tiefes Einverständnis. Ein Erkennen: Du bist genau so richtig, wie du mir hier und heute begegnest.

Verändert eine solche Liebe Menschen? Verändert sie mich?

Der Kreuzberger Freund, den ich nach einer der Proben in der Kneipe traf, schreibt in seiner Mail, nie wäre ich so schön gewesen wie neulich.

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