Gestern Morgen bin ich zu Fuß in die Stadt.

Von meinem Hotel sind das fünf bis zehn Minuten. Ich komme an einem Schaufenster voller Bücher vorbei und denke natürlich sofort: Das muss ein Antiquariat sein. Was sonst?

Ein Mann mit Fahrrad geht auf die danebenliegende Haustür zu, öffnet sie, schiebt sein Rad hinein. Ich laufe ihm hinterher und frage nach dem Antiquariat.

Es ist keins. Es ist nur ein Raum, in dem sich seine Bücher befinden. Im weiteren Verlauf der Unterhaltung löst sich das Rätsel: ein zugezogener ehemaliger Buchhändler aus Bonn, der vor vier Jahren wegen der Landschaft hierhergekommen ist.

Haben Sie es schon bereut?

Er denkt kurz nach. Neulich habe er jemandem geschrieben: Keine Sekunde. Das würde er jetzt revidieren. Sekunden schon, aber noch keinen Tag.

Er wohnt mitten in der Stadt, ohne Balkon oder Garten, aber er braucht das auch nicht. Er hat seine Bücher, und mit dem Rad fährt er in die Landschaft, wegen der er gekommen ist.

Ein hilfsbereiter Mann. Wir tauschen Telefonnummern aus. Er will sich umhören.

Ich hole mir mein reservierte Rad, bekomme sogar eine Telefonnummer. Ich rufe später dort an, die Wohnung ist zu teuer, aber danke. Dann fahre ich auf den Elbdeich bis zur Fähre, weiter zum „Charon“, einer Skulptur des Bildhauers Bernd Streiter. Eine wunderbare Ausfahrt, die mir leider ziemliche Schmerzen beschert, weil der Sattel ergonomisch nicht zu meinem Hintern passt.

Als ich später beim Bäcker vor einem Stück Kuchen sitze, ruft mich der freundliche Buchhändler an. Er bietet mir an, abends mit ihm zu der Stelle zu fahren, von der er mir erzählt hatte. Dort in der Nähe sammeln sich die Kraniche.

Das wäre natürlich wunderschön. Aber insgesamt zwanzig Kilometer – das schaffe ich heute nicht mehr.

Noch eine Stunde später ruft er ein weiteres Mal an. In einer Stadtzeitung hat er die Telefonnummer von jemandem gefunden, der eine Wohnung anbietet. Die gibt er mir.

Die Menschen sind alle sehr hilfsbereit und freundlich, stelle ich fest. So auch die beiden Männer, die an der offiziellen Badestelle am See mein Handy gefunden haben, das ich auf einer Bank vergessen hatte.

Gut, dass in der Innentasche ein Zettel mit der Telefonnummer vom Hausmann steckt. Der ist zwar im Moment am Bodensee, kann den Männern aber weiterhelfen mit dem Hinweis, ich würde in einem Hotel wohnen, in dem es auch eine Falknerin gibt.

Gleichzeitig bemerke ich, dass mein Handy nicht mehr da ist. Der freundliche Hotelbesitzer ruft meine Nummer an. Wir denken, das Klingeln hier im Haus würde mir verraten, wo ich es liegen gelassen habe.

Stattdessen hat der Hotelbesitzer einen der freundlichen Männer am Telefon, die mein Handy gefunden haben. Er setzt sich ins Auto, fährt dorthin, wo die beiden gerade sind, und fünfzehn Minuten später habe ich mein Handy wieder.

Ich glaube, ich muss mal mein System runterfahren. Sage ich mir und dem freundlichen Paar, das nicht nur Vögel rettet, wie ich gerade erfahren durfte. Ich bin doch ein bisschen durch den Wind.

Der NaturPoesieGarten an der Burg Lenzen ist ja auch gleich um die Ecke. Ein wunderschöner Garten mit Skulpturen und philosophischen Texten. Leibniz, Kant, Meister Eckhart und andere. Nur Herren, stelle ich fest.

Ich lese die Tafeln und verstehe kein einziges Wort. Nicht, weil die Herren nichts zu sagen hätten. Mein Kopf kann einfach nichts mehr aufnehmen.

Eine letzte Runde mit dem Rad. Hin zu den beiden besichtigten Wohnungen. Schöne Plätze zum Daußensitzen gibt es tatsächlich nicht. So ist es hier also am frühen Abend. Ein bisschen deprimierend, oder?

Aber die Devise lautete ja auch runterfahren. Nicht rumfahren. Und das habe ich dann auch gemacht .

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