Meine Reise mit Goloka (18) – Aus dem Langzeitprotokoll 2016 – 2018

Es ist Zeit für eine kleine Kochlektion für den jungen Syrer. Seine Ernährung ist etwas einseitig, manchmal riecht sie auch nicht gut. Kichernd stehen wir in der Küche. Man gebe die Nudeln in kochendes Wasser, brate das Gemüse nacheinander an. Würze mit frischen Kräutern, nicht nur mit Salz und Pfeffer.

Mir fällt unser Gespräch ein, das wir vor ein paar Tagen führten. Da hatte er mich dabei ertappt, wie ich „Tiere suchen ein Zuhause“ geschaut habe. Er fand es befremdlich, dass Menschen so großen Anteil am Leid eines Tieres nehmen. Vielleicht ist das aus der Sicht eines Menschen, der aus einem Land kommt, in dem viele Menschen unter schrecklichsten Bedingungen inhaftiert sind, kein Wunder. Dann kommen sie nach Deutschland und sehen, wie Tiere gehätschelt werden.

Ob Hunde kleine Kinder fressen, wenn sie Hunger haben, das hatte er ebenfalls wissen wollen.

Wie ihm erklären, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der alle Lebewesen geachtet werden? Was natürlich gar nicht stimmt, denn wäre es so, gäbe es keine Massentierhaltung. Die Menschen hätscheln ihre Haustiere, und dann gehen sie in den Supermarkt und kaufen Fleisch aus Schweinemastanlagen.

Ich bin hier wirklich von Nutzen. Nicht nur als diejenige, die sich um Reparaturen und Finanzen, um Nachmieter, den Kontakt zur Eigentümerin oder den Garten kümmert. Es gibt so viele Dinge, die ich erklären, weitergeben kann. So wie ich ja auch dazu beitrage, dass sich das Deutsch meiner Mitbewohner verbessert, wenn ich mit der Spanierin Gedichte lerne, wenn ich Aussprache und Grammatik korrigiere.

Der Syrer braucht außerdem immer wieder jemanden, der ihn in bürokratischen Dingen berät. In Bezug auf gutes Essen habe ich ebenfalls einiges zu sagen. Oder darüber, was in einem Garten im Laufe des Jahres zu erledigen ist. Von meiner generellen Lebenserfahrung einmal ganz abgesehen.

Mit dem Kreuzberger Freund wandere ich mal wieder um den See, auch in die Fischerhütte kehren wir ein. Das Glas Wein kostet inzwischen sechs Euro, dafür schenken sie aber auch einen guten aus.

Wieder einmal reden wir stundenlang, kommen vom Höcksken aufs Stöcksken. Und wieder denke ich, von diesem Mann würde ich gern etwas Autobiographisches lesen. Von dem schüchternen stillen Jungen, den sie dazu zwingen mussten, sich zu prügeln, der mit der depressiven Mutter, dem Alkoholiker-Vater und dem schizophrenen Onkel lebte.

Ich stelle mir vor, wie es für diesen Jungen gewesen sein könnte, zwischen den unausgesprochenen, anfälligen Gefühlen der Erwachsenen aufzuwachsen. Ob er sich für sie verantwortlich fühlte? Ob darin vielleicht auch seine frühe Sehnsucht nach der Stadt ihren Anfang nahm? Es musste Berlin sein. Später Paris. Ich möchte von seiner nicht nachlassenden Liebe zu antiquarischen Schätzen lesen, von Flohmärkten, interessanten Bekanntschaften, seinem Laden. Was für ein Stoff.

Immer will ich Menschen zum Schreiben bekehren, als wüsste ich nicht, wie schwierig das mit dem Veröffentlichen ist. Ich mache das, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, wie gut mir der Prozess tut. Dafür lohnt sich der Einsatz dann doch, oder nicht?

Über mangelnden Stoff kann ich mich selber ebenfalls nicht beklagen. Es ist nämlich so weit. Ich bin drei Wochen lang als Assistentin – manchmal ist auch von Praktikantin die Rede – mit dem Kroaten in einer Gruppe. Ich protokolliere die Übungen, die vorgestellten Techniken, denke mir selber welche aus, wenn ich die Gruppe leite.

Man könnte allerdings auch sagen, dass ich drei Wochen lang jeden Morgen in den Krieg ziehe. Denn das bedeutet diese Welt, bedeutet dieses Leben für mich. Vor allem, wenn ich dafür auf mein Morgenritual verzichten muss, wenn ich glaube, präsent sein zu müssen, mich aktiv in einen Gruppenprozess einbringen zu müssen.

Meine Gefühle schwanken. Es ist alles da. Morgens oder noch in der Nacht wache ich mit Angst auf. Ich freue mich nicht auf das, was vor mir liegt, weil ich nicht einschätzen kann, was genau von mir erwartet wird.

Die Angst legt sich, wenn ich aufstehe. Häufig gibt es im Laufe des Tages sogar freudiges Erleben, im besten Fall kleine magische Momente.

Im Musikinstrumenten-Museum treibt mir zum Beispiel eine Musik aus dem fünfzehnten Jahrhundert, die ich über Kopfhörer höre, binnen weniger Sekunden die Tränen in die Augen. Ich höre das Stück wieder und wieder, und immer wieder weine ich. Hinterher bin ich euphorisch. Begeistert. Lebendig.

Goloka hat mir empfohlen, darauf zu schauen, was der Kroate macht. Nicht wie er es macht, sondern auf ihn, den Lehrer. Ist er zu Hause derselbe wie in der Gruppe?

Nein.

Zu Hause erlebe ich ihn anders als bei seiner Arbeit. Dort ist er nicht der Lehrer, dort wirkt er auf mich oft in sich gekehrt, nicht ganz bei der Sache. In der Gruppe dagegen nehme ich etwas von dieser Lebendigkeit, von diesem Vibrieren wahr. Ich frage mich, ob er es selbst auch so empfindet. Ob vielleicht genau darin etwas von dem liegt, was ihn an seiner Arbeit begeistert.

Aber vielleicht ist das auch nur eine schöne Phantasie von mir. Vielleicht weiß er gar nichts von diesen Gefühlen.

Er hat mich gebeten, sein Buch zu lesen und ihm zu sagen, was ich davon halte. Die Übersetzung finde ich nicht gerade gelungen, aber darüber reden wir kaum. Über die einundzwanzig Fragen, die beim Lesen in mir aufgetaucht sind, hat er sich allerdings gefreut. Ich weiß nur nicht, was er mit ihnen anfangen wird.

Vielleicht bin ich diejenige, die sich mit diesen Fragen auseinandersetzen sollte. Zum Beispiel mit der, ob jedes durchlebte Leben vollständig ist. Oder ob es nur vollständig ist, wenn wir unsere Träume gelebt und die beste Version unserer selbst geworden sind. Eine Frage wirft gleich drei neue auf.

Was wäre die beste Version von mir? Und steht diese Frage nicht im Widerspruch zu meiner Ablehnung gängiger Methoden der Selbstoptimierung? Ich weigere mich, beweglicher, jünger, klüger, attraktiver oder sportlicher zu werden.

Die beste Version von mir wird nichts mit diesen Attributen zu tun haben. Die beste Version von mir ist diejenige, die mit ihrem gelebten Leben glücklich ist. Die das, was sie tut, mit Leidenschaft macht.

Dann müsste ich mit meinem Schreiben ja auf der richtigen Spur sein.

Und noch etwas ist mir aufgefallen: Ich möchte über Trauma reden. Ich möchte gerade diesen Menschen, die zukünftig mit Geflüchteten arbeiten werden – jedenfalls, wenn sie Glück haben und tatsächlich einen Job bekommen, woran ich zunehmend zweifle –, etwas über die Auswirkungen eines Traumas erzählen. Am liebsten in Form eines Vortrags. Damit würde ich anderen vielleicht helfen, am Ende aber auch mir selbst.

Vor allem möchte ich davon reden, dass es tief in mir offensichtlich etwas gibt, das unverletzt ist. Auch wenn ich es selten spüre, es ist da. Ein Wesen, eine Energie, die pulsiert, hüpft, die unerschrocken, vital und neugierig ist, die sich mit der Welt verbunden fühlt. Wenn diese Energie in mir ist, dann ist sie auch in anderen Menschen. Sie gilt es zu wecken, herauszufordern.

Die kreativen Techniken des Kroaten könnten dabei behilflich sein, genauso wie Begegnungen mit der Natur oder mit anderen Menschen.

Vielleicht würde auch das nackte Tanzen vor dem Einschlafen helfen, das er uns vorgeschlagen hat. Mir jedenfalls tut es gut. Allerdings sollte ich dabei nicht versuchen, lasziv zu sein. Das gefällt meinem Körper nicht. Es geht um die einfache Bewegung, ohne Posen, ohne den Versuch, etwas darzustellen. Einfach nur sein. Nichts darstellen wollen.

Immer wieder komme ich auf diese einfache Formel zurück, die sich auf alles anwenden lässt, nicht nur auf das nackte Tanzen. Wenn ich mich damit nur nicht so schwertun würde.

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