Bei meinem nächsten Treffen mit dem Freund aus Kreuzberg gehen wir nach dem Kino noch in eine Kneipe auf ein Glas Wein. Unser Gespräch dreht sich wieder einmal darum, dass er eigentlich seinen Laden aufgeben müsste, dass er endlich ein richtiges Leben will. Für ihn würde das bedeuten, Zeit zum Schreiben zu haben und sich nicht länger abzuhetzen für die paar Euro, die es inzwischen nur noch für gebrauchte Bücher gibt.
Er kommt auch auf meine Mail zu sprechen, in der ich ihm noch einmal erklärt habe, was ich unter dem Begriff Vegetieren verstehe. Wie ich diesen Begriff für die Beschreibung meines Lebens benutzen kann, versteht er nicht, er findet das hart. Außerdem ärgert es ihn.
Das kann ich nachvollziehen. Trotzdem frage ich mich, was ihn daran ärgert. Ob meine Beschreibung meines Lebens etwas in ihm berührt? Aber vielleicht will ich seinen Ärger auch nur verstehen, weil es mir schwerfällt, ihn einfach stehen zu lassen.
Noch ärgerlicher wird er, als ich wieder versuche, ihm diese Momente gesteigerter Lebendigkeit zu beschreiben. Das ist ihm alles zu nebulös, zu wischiwaschi. Aber warum ärgert es ihn?
Nach zwei intensiven Stunden laufen wir nebeneinander zur U-Bahn. Dabei betrachte ich ihn kurz von der Seite. Der schmale Kopf, das schöne Gesicht, das jetzt jünger wirkt. Er trägt die Haare kürzer, ab und zu schimmert die Kopfhaut an einigen Stellen durch, aber das stört den frischen Eindruck nicht.
Warum ist das mit uns damals eigentlich in die Brüche gegangen?
Weil ich viel zu schnell Ja zu dieser Beziehung gesagt hatte, in der ich doch vor allem meinen heftigen Liebeskummer vergessen wollte. Ich hatte mich in seinen Intellekt verliebt. In seine Worte, vor allem in die geschriebenen.
Obwohl ich mit meinen Freundinnen keinen Sex habe, einfacher ist es mit ihnen trotzdem nicht. Wenn mir eine Freundin zusetzt, weil sie wissen will, warum ich denn unbedingt weg will – ich hatte in einem unbedachten Moment laut darüber nachgedacht, ob ich für ein Jahr nach Celle ziehe und der Freundin dort ein bisschen mit den Kindern helfe –, wenn sie wissen will, warum ich diesen letzten Text über mich veröffentlichen möchte, man könnte ihm schließlich entnehmen, ich wäre unglücklich über mein Leben, dann bin ich überrascht, wie sehr mich Fragen dieser Art beeinflussen.
Hinterher fühle ich mich durcheinander und schuldig. Manchmal auch arm. Auf jeden Fall ungenügend.
Am Himmel ein paar Wolken. Ich habe mich in die Terrassentür gesetzt. Der Rücken fühlt sich an wie eine Wand. Eine Wand, in der ein Waldbrand wütet.
Früher saß ich mehr im Garten. Aber dieses Zimmer hier hat etwas von einem Wintergarten. Wenn ich alle Fenster öffne, dann habe ich das Gefühl, draußen zu sitzen.
Ich warte auf Goloka.
Im Traum habe ich heute Nacht mit meiner Mutter gesprochen, der es nicht gut ging. Sogar im Traum empfand ich kein Mitleid für sie. Immerhin hat sie meinen Sohn.
Obwohl er mich ignoriert, ist mein Herz voller Liebe, wenn ich an ihn denke. Gerade habe ich mir vorgestellt, wie ich in einem Heim liege, alt und krank, und dann sagt jemand: „Sie haben Besuch. Ihr Sohn.“
Und ich frage den Mann, der an mein Bett tritt: „Wer sind Sie? Ich kenne Sie nicht.“
Nicht, weil ich ihn bestrafen will, sondern weil ich tatsächlich vergessen habe, wer er ist.
Obwohl mein arabischer Masseur goldene Hände hat, werde ich ihn nicht mehr besuchen. Ich mag es nicht, wenn er mir die Beule in seiner Hose, seinen harten Penis, fast in die Hand drückt, während er an meinem Rücken arbeitet. Das ist gestern fast beiläufig geschehen, es wurde kein Wort gesprochen.
Mein Körper ist in eine Art Starre gefallen, und ich fühlte mich außerstande, ihm zu sagen, er solle das gefälligst sein lassen. Beim Abschied umarmte er mich, auch dagegen wehrte ich mich nicht.
Bei der ersten Massage hatte ich mich bis auf den Slip ausgezogen und dann auch noch geduldet, dass er meine Brüste massiert. Und sofort beginnt etwas in mir nach einer Erklärung zu suchen, die mit meinem eigenen Verhalten zu tun hat. Vielleicht habe ich ihm falsche Signale gegeben. Vielleicht hätte ich schon beim ersten Mal eine Grenze ziehen müssen. Vielleicht habe ich durch mein Verhalten den Eindruck erweckt, dass ich mit all dem einverstanden bin.
Ich weiß, was Goloka sagen würde. Dass ich mich immer wieder in Situationen begebe, in denen ich Missbrauch ausgesetzt bin. Deswegen werde ich es ihm auch nicht erzählen.
Dafür erzähle ich ihm von der Geburtstagsfeier eines Freundes, von meiner Erleichterung, als ich die Party nach drei Stunden endlich verlassen konnte. Wieder dauert es eine Weile, bis mir klar wird, was ich in solchen Situationen eigentlich mache beziehungsweise zu tun versuche.
Ich spalte mich auf. In eine, die Anteil nimmt, die sich für andere Menschen interessiert, Fragen stellt – und gleichzeitig checke ich genau, was sonst noch um mich herum passiert. Langweilen sich einige? Brauchen sie mehr Beachtung? Und vielleicht noch wichtiger: Könnten Situationen entstehen, mit denen ich nicht umgehen kann?
Natürlich erwarte ich keine echten Bedrohungen, ich entscheide mich auch nicht bewusst für diese Art der Beobachtung. Etwas in mir weiß eben, dass sich Situationen jederzeit ändern können. Ich habe erlebt, dass sich ein Mensch ohne Vorwarnung in einen anderen verwandelt. Man schläft ein, alles ist gut, und dann wird man unangenehm geweckt.
Diese Erfahrungen haben mich in meinem Inneren verunsichert. Deswegen lebe ich mit einer Art Frequenz, die mich übertrieben aufmerksam sein lässt, versuche aber, diesen Umstand zu verbergen. Das ist alles in allem sehr anstrengend. Zumal ich so nicht sein will.
Dabei wäre es viel einfacher, könnte ich akzeptieren, dass ein Teil meines Selbst eben Kontrolle ausübt. Und weil wir gerade beim Thema Akzeptanz sind, dann könnte ich auch akzeptieren, dass ich tatsächlich eine andere Rolle habe in solchen Runden als die, die ich gern hätte.
„Du bist doch gar nicht für die Rolle des Unterhalters vorgesehen, du hast doch andere Prioritäten, oder nicht?“
Ich muss Goloka – zögernd zwar – recht geben.
Ich brauche Authentizität. Berührung. Tiefgang. Und das finde ich nur in Ausnahmefällen.
Wenn ich mich in einer Runde also wieder einmal fehl am Platz fühle, dann könnte ich sie einfach verlassen. Könnte eventuell zur Begründung noch sagen: Sorry, aber darauf habe ich keine Lust.
Immer wieder komme ich auf den Umstand zurück, dass ich erst dann anders agieren kann, wenn ich weiß, wer ich bin. Wenn ich weiß, welche Informationen in meinen Zellen gespeichert sind und welche Auswirkungen diese Informationen haben.
Ohne Golokas Hilfe käme ich mir selbst nicht auf die Schliche. Nicht, weil seine Ideen völlig neu für mich wären. Aber in dieser analytischen Weise hat mir noch niemand die Zusammenhänge deutlich machen können. Weil ich nichts von der Wirkung dieses Traumas wusste, konnte ich auch keinen Frieden mit mir schließen. So einfach ist das.