Ende April fahre ich mit der Freundin für eine Woche ins Havelland. Ich preise immer wieder den glücklichen Zufall, der uns vor sechs Jahren diesen wunderbaren Ort finden ließ, an dem wir uns so gern der Stille hingeben und uns auf das Wesentliche konzentrieren.
Es ist das erste Mal, dass wir beide allein hier sind. Allerdings haben wir schon einige Male einen sogenannten Schreiburlaub gemacht. An der polnischen Ostsee, auf Hiddensee, an der Gülpe, die nur drei Kilometer von unserem Hof entfernt ist, und nun sind wir also hier. Auf dem Prietzenhof, den ich seiner Besitzerin gegenüber auch als meine Heimat bezeichne.
Ich liebe diese unspektakuläre Landschaft, den Deich vor dem See, auf dem die Wildgänse rasten – leider diesmal keine Kraniche –, die Seitenarme der großen Havel, die Trockenwiesen und die noch nackten Felder, an denen wir bei unseren kleinen Radtouren vorbeikommen. Hier bin ich Mensch.
Weil es mir hier so gut geht, überlege ich, ob es möglich ist, dass ich mich gerade neu erfinde. Doch dann kommt wieder eine Nacht, in der ich Angst habe und nicht schlafen kann. Es könnte an der Dunkelheit liegen, die hier so vollkommen ist, und an der Stille. Außer dem Wind und den Lauten der Vögel am See hören wir nicht viel. Vielleicht beunruhigt mich aber auch das Gespräch mit der Freundin. Ich habe Dinge von mir erzählt, über die ich in dieser Form noch nie gesprochen habe. Es ging nicht nur um meine Empfindungen im Umgang mit anderen Menschen, die von meinen frühen Erfahrungen beeinflusst sind, ich habe auch von diesen besonderen Momenten erzählt, die mich am Leben halten. Nun denkt ein Teil von mir, ich hätte diese Überlegungen für mich behalten sollen.
Wenn ich auf einer der grob gehauenen Bänke am Feuerplatz liege, dem Fliegengesumm lausche, dem Zwitschern der Vögel, dem Gänsegeschnatter vom See, wenn ich nur den Wind auf meiner Haut spüre und die Sonne, dann bin ich mit mir im Einklang. Dann würde ich gern bleiben. Aber nicht nur die Freundin sagt, dass mir das auf Dauer nicht gefallen würde.
Von welcher Dauer reden wir eigentlich? Ich merke doch nur, wie ich hier still werde. Wie ich mich entspanne. Frieden finde.
Auch dies hat vielleicht mit meiner Kindheit zu tun. Denn ich war ja nicht nur unglücklich dort bei meinen Großeltern, in der Laube, im Garten.
Wenn ich auf der Wiese lag, die Geräusche des Sommers hörte, all die Insekten und Käfer um mich herum, wenn ich die Sonne auf meiner Haut spürte, wenn ich mit einem Buch im Baum saß und manchmal das Lesen vergaß, weil der Wind so schön mit den Blättern raschelte, dann war ich auch glücklich.
Oder wenn ich im Winter durch die Kolonie ging und außer dem Knirschen des Schnees unter meinen Füßen nichts weiter zu hören war.
Ich habe solche Sehnsucht nach einem einfachen Nur-Sein.
So wie ich es in den zwei Sommern nach dem Tod meiner Großmutter hatte, als ich mit meinem Freund und unserem kleinen Sohn in der Laube wohnte. Diese ruhigen Tage, an denen nichts weiter passierte, an denen ich manchmal nackt durch den Garten lief – sehen konnte mich ja niemand.
Wie habe ich das genossen.
Wie gern saß ich unter einem Baum und schaute in das Gewirr aus Ästen und Blättern über mir. Ich liebte es, wenn der Regen gegen die Fensterscheiben prasselte. Sogar heute noch verbinde ich dieses Geräusch mit Kindheit. Wenn ich es höre, steigt eine Art schöne Wehmut in mir auf. Ich wäre sogar im Winter in der Laube geblieben, aber dazu konnte ich meinen Freund nicht überreden.
Eigentlich habe ich immer darauf gehofft, ich würde eines Tages einen Mann kennenlernen, der mit mir aufs Land zieht. Mit einem Mann könnte ich mir das tatsächlich vorstellen. Aber es ist ja keiner in Sicht.
Bevor wir heimfahren, können wir noch den Storch bewundern, auf den hier seit drei Jahren ein Nest gewartet hat. Klappernd wirft er den Kopf zurück. Wenn der Wind ihm das Brustgefieder gegen den Schnabel weht, sieht er erstaunt aus.
Der Kreuzberger Freund hat mir eine lange Mail geschrieben. Er hat auf einem Online-Portal eine Frau kennengelernt. Ich drücke ihm die Daumen. Ich kann seine Sehnsucht nach einem anderen Menschen gut verstehen. Wer sonst sollte das verstehen, wenn nicht ich?
In der nächsten Nacht träume ich, dass ich mit der Freundin in Sellin in einem Hotel bin. Es handelt sich dabei um kein Hotel, das ich kenne. Ein Mann möchte ebenfalls ein Zimmer, aber sie haben keins mehr frei. Wir schauen uns an. Dieser Blick.
Dann bekommt er doch ein Zimmer, aber wir reisen ab. Zum Abschied hält er mich im Arm. In seiner Stimme ist eine solche Sehnsucht nach mir. Wenn ich bleiben könnte, würden wir uns vielleicht kennen- und liebenlernen.
Dann denke ich im Traum aber, dass ich etwas Neues ausprobieren sollte. Ich sollte ehrlich sein. Sollte dem Mann sagen, dass ich mir sicher bin, dass aus uns beiden nichts wird.
Durch Zufall bin ich auf Satprem gestoßen. Bisher kannte ich vor allem sein Buch über das Mental der Zellen, eigentlich ein Buch über Mira Alfassa, die Lebensgefährtin von Aurobindo. Jetzt habe ich ihn in einer alten Dokumentation von Georg Stefan Troller gesehen, und darin redet er über Gefühle, die ich kenne.
Nach ein wenig Recherche finde ich ein Interview mit ihm. In mir jubelt es. Zum ersten Mal lese ich bei einem anderen Menschen etwas über jene Gefühle, die mich manchmal unverhofft überkommen und für die ich bisher wohl nicht die passenden Worte gefunden habe. Sonst würden sich manche Menschen nicht so schwer tun mit meinen Beschreibungen.
Ich erkenne mich in diesen Worten wieder. Bei ihm lese ich Sätze, die ich selbst hätte schreiben können:
„…es sind diese kleinen Sekunden, die so unerklärlich funkeln, die sogar so stark strahlen, als würden sie überfließen und alles, was sie berühren, in ihr Licht tauchen…“
Er nennt diese Augenblicke, in denen wir ganz bei uns selbst sind, „ca“.
Das.
Aber wie erreiche ich diese Momente, wenn mein Eindruck doch der ist, dass sie einfach so über mich kommen?
Goloka schlägt mir vor, meinen Geist auszurichten. Das hat er schon einmal getan. Ich soll ihn auf das Gewünschte richten.
Und dann passiert es?
Ich weiß es nicht.
Was ich dagegen sicher weiß: dass ich für das Zustandekommen dieser Momente ungestört sein muss. Leider sind da immer so viele Dinge und Angelegenheiten, die mich aus dem Gleichgewicht bringen, die mich stören.
Als ich mich das nächste Mal mit Goloka treffe, erstelle ich mit ihm zusammen eine Liste.
Mich stören Erwartungen, Ungewissheiten, ungelöste Konflikte, Spannungen, Druck, sinnloses Geplapper, Ungerechtigkeit, Lieblosigkeit, Unausgesprochenes, Trivialität, Banalität, Unaufrichtigkeit.
Es ist also schwierig, in den Zustand des Ungestörtseins zu kommen. Und das wiederum macht ihn vielleicht so besonders.