Meine Reise mit Goloka (21) – Aus dem Langzeitprotokoll 2016 – 2020

Zwei Wochen später bin ich mit dem Kroaten in einer neuen Gruppe. Diesmal sind es nur vier, eventuell fünf Teilnehmer, eine Frau ist wohl krank, und die, die da sind, halten die Übungen für überflüssig, für Kinderkram gar. Aber das kenne ich inzwischen. Meist verändert sich das nach ein paar Tagen der Abwehr. So auch diesmal.

Allerdings fällt mir auf, dass der Kroate nicht ganz bei der Sache ist. Ich habe ihn als einfühlsamen Dozenten kennengelernt, aber vor allem war es seine enorme Präsenz, die mich beeindruckte. Nun scheint es oft so, als wäre er innerlich an einem anderen Ort. In den Pausen sitzt er nur noch an seinem Laptop. Wirkt sich das vielleicht aus? Muss man ganz da sein, wenn man diese Arbeit macht?

Als ich selbst die Gruppe anleite, clustern wir. Ausgehend vom Thema Dankbarkeit überlegen wir, wofür wir in unserem Leben gerade dankbar sind, dann schreiben wir alles auf, was uns dazu einfällt, egal ob einzelne Wörter, Wortgruppen oder ganze Sätze. Das Material wird immer weiter reduziert, bis am Ende kurze poetische Texte entstehen. Gedichte.

Alle sind bei der Sache, sie staunen selbst, dass so etwas möglich ist. Denn natürlich haben sie noch nie Gedichte geschrieben, hätten sich vermutlich auch geweigert, dies zu tun, wenn ich gleich am Anfang gesagt hätte, worauf das Ganze hinausläuft.

Jo hat mir mit einem improvisierten Zirkel – Faden an Bleistift – eine Spirale auf einen großen Bogen Packpapier gezeichnet. In diese Spirale schreiben wir nun abwechselnd und in unterschiedlichen Farben unsere Texte. Immer nur eine Zeile, dann ist der Nächste dran.

Am Ende haben wir ein farbenfrohes Schriftbild, das sogar hintereinander gelesen einen Sinn ergibt. Ein langes Gedicht. Das habe ich nicht voraussehen können, aber es scheint nicht nur mich zu erstaunen und zu beglücken. Ich erlebe einen dieser besonderen Momente gesteigerter Lebendigkeit. Und aus den geplanten neunzig Minuten sind locker zweihundert geworden.

Ich selbst habe ein paar Zeilen über Harry geschrieben, den Retter aus meiner Kindheit. Über jenen Onkel, der mir über Jahre immer wieder kleine Geldsummen zusteckte, wenn er in die Laube kam, weil er wusste, dass meine Mutter mir nichts gab. Ich war die Tochter, die er sich immer gewünscht hatte.

Seine drei Söhne behandelte er schlecht, als Kinder hatte er sie geschlagen und in den Keller eingesperrt. Das wusste ich. Ich mochte ihn trotzdem. Zu mir war er liebevoll und großzügig.

Du warst schweigsam wie dein Vater
sparsam in deinen Gesten
und oft schwermütig
doch mit mir hast du gelacht
ohne deine Fotos wüsste ich nicht, dass es eine Zeit gab,
in der ich ein heiteres kleines Mädchen war.

Die Leserunde trifft sich diesmal bei den Freunden in Schlachtensee. Wir trinken ein Glas Sekt als Willkommensgruß. Ich weiß nicht, ob es am Sekt liegt oder an meinen Gefühlen der Hilflosigkeit inmitten dieser Menschen, später habe ich eine Art Blackout. Ich kann mich nicht erinnern, welche Bücher ich gelesen habe, ich kann nicht mehr richtig sprechen.

Ob es jemandem auffällt, weiß ich nicht, ich weiß nur, dass ich eine enorme Herausforderung meistern muss. Ich muss mich irgendwie zu der Tatsache verhalten, dass ich keinen Zugang zu den anderen bekomme. Dass ich mir die Geschichten über ihre Reisen, ihre kulturellen Erlebnisse anhöre, ohne selbst einen Beitrag zur Unterhaltung beizutragen.

Hinterher sagt die Gastgeberin, es wäre schade, aber von mir hätte sie nun gar nichts erfahren. Das stimmt. Nur das „schade“ erreicht mich nicht. Ihre Stimme klingt für mich anders, höher als sonst, und sofort glaube ich, darin etwas zu hören, was ihren Worten widerspricht. Ich vertraue meiner Wahrnehmung in solchen Dingen. Und doch kann ich nicht genau wissen, was sie empfindet.

Dass ich mich von der Freundin nicht wirklich gefragt und gemeint fühle, beschäftigt mich schon seit einiger Zeit. In solchen Runden komme ich mir manchmal vor wie eine Zeugin für das wunderbare und erfüllte Leben der anderen.

Wieder einmal überlege ich, wie es möglich ist, dass sie so fertig, so rund und gelungen sind. Das hätte ich sagen oder fragen können, wäre ich mutig, aber ich habe geschwiegen. Denn ich schäme mich dafür, so zu fühlen. Mir ist außerdem völlig klar, dass ich sofort in Tränen ausbrechen würde, müsste ich über all das offen sprechen.

Wahrscheinlich hätte ich längst keine Freunde mehr, wenn ich immer an den entsprechenden Stellen gesagt hätte: Sorry, aber die Themen, über die ihr redet, interessieren mich nicht. Erzählt mir lieber etwas von euren Gefühlen, euren Ängsten, von dem, was euch glücklich macht.

Aber das habe ich nicht getan. Und deswegen muss ich mir jetzt selbst verzeihen, dass ich so bin, wie ich bin. Dass ich hinter die Fassade schauen und selbst gesehen werden möchte. Und dass mir die Meinungen, die andere über mich haben, nicht einfach schnuppe sind, das verzeihe ich mir auch gleich noch. Denn ich kann mich nicht anders machen, als ich bin. Damit muss ich endlich Frieden schließen.

Heute saßen junge Amseln im Strauch neben dem Kompost. Sie konnten noch nicht richtig fliegen. Als wären sie aus dem Nest gefallen. Kann ich denn fliegen?

Verstecke deine Narben nicht länger
sei mutig
zeige, wer du geworden bist
trotz allem
vertraue der Kraft
die in dir ist
wir sind viele.

Ich schreibe nicht nur kurze Gedichte, sie kommen inzwischen auch in meinen Träumen vor.

Da geht es um Gedichte, die ich vor langer Zeit einmal aus Steinen im Garten gelegt habe. Was ich meines Wissens nie getan habe.

In der darauffolgenden Nacht träume ich, dass ich mit dem Kroaten im Schwimmbad bin. Vor uns sitzt eine barbusige junge Frau. Etwas wehmütig sage ich: „Früher habe ich mich auch ausgezogen.“

Die ebenfalls anwesende Freundin nimmt meine Hand und zieht mich hoch:
„Früher hast du dich ausgezogen. Aber dafür hast du keine Gedichte hinterlassen.“

War das jetzt eine Art Fortsetzungstraum?

Wenn ich morgens aus dem Haus trete, habe ich als Erstes den Duft der Rosen in der Nase. Der hohe Busch hat viele kleine pinkfarbene Blüten, der große betört mit Weiß. Mit dem blauen Stuhl rücke ich im Vorgarten der Sonne hinterher.

Ich telefoniere mit Avi. Mit jenem Avi, mit dem ich vor dreiunddreißig Jahren drei Monate zusammen war. Er hat mich auf Facebook ausfindig gemacht.

Gleich zu Beginn unseres Gesprächs erzählt er mir, wie wir damals Mitte der Achtziger in Neukölln in der Kneipe miteinander ins Gespräch gekommen sind, wie er eigentlich mit zu mir hätte kommen wollen, was ich aber abgelehnt hätte. Stattdessen hätte ich mir in jener Nacht mitten auf der Schillerpromenade die Bluse ausgezogen, die ich unter dem Blazer trug, sie ihm in die Hand gedrückt und gesagt, er könne sie mir bei Gelegenheit zurückbringen.

Eine eigenwillige Methode für eine Verabredung. Ich mag die junge Frau, die ich damals war. Noch keine dreißig. Vor allem erinnere ich mich daran, wie einfach und leicht der Sex mit Avi war. Oft lagen wir anschließend lachend im Bett und sangen „Spaniens Himmel breitet seine Sterne …über unsere Schützengräben aus.“

Aber er wollte sich damals nicht festlegen. Nun sagt er, ich wäre die einzige Frau gewesen, die er je geliebt hätte. Dass er mich nie vergessen konnte. Und dass er damals nur aus Angst behauptet hätte, sich in eine andere Frau verliebt zu haben.

Ich kann nicht leugnen, dass mir der Gedanke gefällt, dass ein Mann seit dreißig Jahren in dieser Weise an mich denkt. Sofort stellt sich ein beschwingtes Gefühl ein. Seine Stimme ist so jung, wie ich sie in Erinnerung habe.

Was will er nach all den Jahren von mir?

Er will mich sehen, möglichst schnell, deswegen schlägt er gleich ein Treffen vor. Die Dringlichkeit in seinen Worten lässt mich überlegen, ob in ihm eine Hoffnung gewachsen ist, es könne vielleicht eine Fortsetzung geben.

Doch vorher fahre ich mit dem Moppedfahrer ans Meer. Dort bläst der Wind mein dünnes Kleid hoch. Eine dunkle Hummel sucht etwas unter unseren Rädern. Die Ringeltauben röcheln. Der Moppedfahrer liest in einem dicken Buch, in dem der Autor den iranischen Dichter Sadegh Hedayat zitiert: Es gibt im Leben Wunden, die wie Lepra langsam in der Einsamkeit an der Seele zehren. Ich bekomme eine Gänsehaut. Nur wegen dieses einen Satzes kaufe ich mir später das Buch. Auch wenn ich noch nie von diesem Autor gehört oder gar etwas von ihm gelesen habe. Ich kenne die Wunden. Ich weiß, wovon er spricht.

Wir sind wieder auf demselben Platz in Born, fahren täglich mit dem Rad zum Weststrand. Alles ganz gemütlich. Schon wieder überlege ich, ob ich nicht bleiben könnte. Ob ich nicht etwas mieten oder ein komfortables Zelt aufstellen könnte. Mit einer kleinen Außenküche vielleicht. Ein Tisch. Ein Stuhl. Immer träume ich.

Männer kommen in diesen Träumen seltsamerweise nicht vor. Mich beschäftigt die Frage, ob ich wirklich noch einmal einen Mann an meinen Körper lassen möchte. Ich brauche Goloka, wir müssen endlich intensiver über das Thema Sexualität reden. Obwohl ich eigentlich alles weiß, was ich wissen muss.

Nein. Ich will keinen Mann. Eigentlich möchte ich oft allein sein. So wie meine Mutter das immer sagt. Oder sagte. Sie wollte immer allein sein und ihre Ruhe haben. Nur dasitzen und schauen.

Vielleicht hat sich die Stille, die in meiner Kindheit so vorherrschend war, tatsächlich in mein System eingeschrieben. Vielleicht ist das der Grund, warum ich mich so stark nach ihr sehne.

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