Meine Reise mit Goloka (27) – Aus dem Langzeitprotokoll 2016 – 2018

Ein paar Tage später kommt mir beim abendlichen Sitzen in der Dämmerung eine Erkenntnis, die mich fast umhaut. Ich kann niemanden glücklich machen. Sogar mein Kind habe ich nicht glücklich gemacht. Ich konnte es schon damals nicht.

Wenn ich James Hillman ernst nehme, ist das auch gar nicht vorgesehen. Dann kommen wir mit einem Plan auf die Welt, den wir erfüllen müssen. Mit einem Plan, den unser Schutzgeist – Hillman nennt ihn Daimon – festgelegt hat.

Und wenn das für mich gilt, dann gilt das natürlich auch für meine Mutter. Dann könnte ich ihr gegenüber großzügiger sein, oder nicht? Aber bin ich das nicht? Verziehen habe ich ihr doch längst. Ich möchte sie nur nicht regelmäßig sehen.

Seit Tagen überarbeite ich den Anna-Roman. Ob er tatsächlich besser wird? Oder nur so, wie er anfangs gedacht war? Die Absage vom Ebook-Verlag vor zwei Jahren hatte meine Hoffnungen sehr gedämpft, vielleicht doch einen Verlag für das Buch zu finden. Dabei hatte ich ihn überarbeitet, wie sie das gewünscht hatten. Andererseits hatten sie recht, es ist ein anderes Buch geworden.

Und nun sitze ich schon wieder an diesem alten Text, versuche das Gute aus der Überarbeitung beizubehalten und das Alte wiederherzustellen. Ich weiß nicht, warum ich mir diese Arbeit mache. Es gibt neuere Texte von mir, bessere wahrscheinlich, und ich mühe mich mit Geschichten, die ich vielleicht für immer ruhen lassen sollte.

Ich bin müde und fühle mich erschöpft. Schlafe schlecht. Verlasse nur selten das Haus, treffe nur selten Freunde. Habe ich überhaupt noch welche? Das sind Fragen, die in solchen Momenten auftauchen. Wenn ich in der geöffneten Balkontür sitze, habe ich Angst, abzustürzen.

Am frühen Abend ist die Rehwiese in Nebel getaucht. Menschen bleiben stehen, machen Fotos. So habe ich sie im Oktober noch nie gesehen, da bin ich mir sicher.

Ich habe mich mit dem Kreuzberger Freund verabredet, wir fahren nach Caputh, von dort mit dem Dampfer nach Werder, weiter nach Potsdam.

Unser Gespräch plätschert dahin. Von den neuen Entwicklungen mit seinen Parship-Frauen hin zu dem, was wir suchen, wenn wir auf Reisen sind. So unterschiedlich sind unsere Wünsche gar nicht. Es sind spezielle Momente, die wir in Erinnerung behalten. Das beglückende Gefühl der Nacktheit. Körpergefühle überhaupt. Leere Strände. Besonderes Licht. Gerüche.

Ein paar Tage später treffe ich die Schreibfreundin. Wir reden über ihre Beziehung zu den Schwestern, über Freundinnen, die ihr nicht immer die Aufmerksamkeit schenken, die sie sich wünscht.

Ich vermute, dass ich auch eine von denen bin, die ihr oft nicht das gibt, was sie gern hätte. Deswegen habe ich dann ein schlechtes Gewissen. So geht es mir auch mit anderen Menschen. So geht es mir immer dann, wenn ich Wünsche oder Erwartungen nicht erfüllen kann oder will.

Als ich mit Goloka darüber rede, fällt mir für diese Grundschuld in mir das Wort Treibsand ein. So fühlt es sich an. Es hört nicht auf. Ich versinke. Weil ich nicht das geben kann oder geben möchte, was andere Menschen gern von mir hätten.

Eigentlich ist es nicht erstaunlich, dass ich mich so oft mit dem Thema Tod und Sterben beschäftige. Tod würde Erlösung von der lebenslangen Haft bedeuten, zu der ich verurteilt wurde. Ohne den Grund zu kennen, ohne zu wissen, für welches Vergehen sie mich bestraft haben.

Nur wenn ich diese besonderen Momente der gesteigerten Lebendigkeit erlebe, dann ist das Urteil für kurze Zeit aufgehoben.

Für eine Woche bin ich mal wieder im Nachbardorf, wo ich das Haus hüte. Auch hier gleichen die Tage einander. Hund und Katze füttern, den Hund bewegen, kleine Mahlzeiten zubereiten, ein wenig lesen, ein wenig schreiben, Dokumentationen anschauen.

Vorüberziehende Wolken beobachten, das sich verändernde Licht, manchmal von diesem Vorgang ergriffen werden, weinen.

Ich habe noch einmal über den Film Maudie nachgedacht. Über diese kleine Frau, die von den Kindern geärgert wird, weil sie komisch läuft, komisch mit dem Kopf wackelt, und die eigentlich nichts weiter möchte als ein normales, selbstbestimmtes Leben. Ein Leben, in dem sie ihre Gefühle malend zum Ausdruck bringen kann.

Und dann fängt sie bei diesem groben Klotz von Mann mit dem Putzen und Malen an und ist am Ende glücklich. Glücklich sogar mit diesem Sonderling.

Es gibt diese Menschen, die sich nicht nur in einem einfachen Leben einrichten müssen, sondern die es freiwillig tun. In den Augen der anderen sind sie nicht interessant, werden übersehen. Nur wenige erkennen den Diamanten, den Schatz, den sie darstellen.

Wir glauben ja an das Wort, an den Geist, der sprühen muss, und das soll er bitte so, dass andere das mitbekommen.

Im November ist es um siebzehn Uhr schon dunkel. Das ist gewöhnungsbedürftig.

Ich unterhalte mich mit Jo über das Thema Geflüchtete. Er kommt mir immer wieder mit der Phrase, dass Mauern auch Schutz bieten. Es können nicht alle kommen. Wir müssen durch Grenzen begrenzen.

Einerseits gebe ich ihm recht, andererseits würden wir doch auch unsere Heimat verlassen, wenn wir hier nichts zu essen hätten, wenn man uns einsperren würde, weil wir für Meinungsfreiheit eintreten, wenn unsere Lebensumstände aufgrund des Klimawandels immer unerträglicher werden würden.

Eine Freundin von ihm geht regelmäßig zur Tafel. Dort bekommt sie jetzt weniger als früher. Ich höre den unausgesprochenen Satz: Die nehmen uns etwas weg.

Goloka hat mich in eine Galerie im Prenzlauer Berg eingeladen. Er wird dort singen. Das Gewölbe unter dem Hauptraum wirkt einladend. Ein guter Klangort.

Golokas Stimme ist zart und gleichzeitig kräftig. Für einen Hindu ist dieser Gesang eine Art Gebet.

Wladimir Prib, der Betreiber der Galerie, die gleichzeitig auch eine Malschule ist, wurde in Kasachstan geboren und ist so alt wie ich. Seine Zartheit, das Zurückgenommene scheint mir gar nicht typisch russisch zu sein. Andererseits, was weiß ich schon von Russen?

Natürlich hat er eine deutlich jüngere Frau, eine süße dreijährige Tochter. Ich muss wieder einmal meine persönliche Gekränktheit überbrücken. Was ich ganz gut kann, aber es ist trotzdem immer wieder eine Kränkung. Die alten Männer – gleichaltrige – mit den jungen Frauen.

Auch sonst ist es wie immer. Während ich mit ehrlichem Interesse Fragen stelle, interessiert sich umgekehrt kein Schwein für mich.

Anders als in Freundeskreisen beschäftigt mich dieser Zustand allerdings nicht länger. Ich bin weder betrübt noch traurig, ich registriere es lediglich.

Als ich später mit Goloka über den Abend rede, wird mir klar, dass manche Menschen einer Situation, einem Treffen eine besondere Note einfach dadurch geben, dass sie ihre Wertschätzung zum Ausdruck bringen. Das kann durch Fragen geschehen, manchmal genügt aber auch die schlichte Anwesenheit.

Vielleicht ist das der Grund dafür, dass ich gerne eingeladen werde, dass ich als Gast geschätzt bin.

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