Meine Reise mit Goloka (28) – Aus dem Langzeitprotokoll 2016 – 2018

Während ich in alten Tagebüchern lese, wundere ich mich. Mein Geist ist ständig on tour. War das jetzt alles? Sollte ich nicht noch etwas tun? Nur was?

Das ist schon früher dem einen oder anderen Menschen aufgefallen. Nur ich glaube in jeder neuen Phase, diese Unruhe, diese Zweifel zum ersten Mal so zu erleben. Dabei ist das seit Jahrzehnten so. Wie die Gezeiten, die sich eben ereignen. Auf und ab. Hoch und nieder.

Ich möchte etwas ausdrücken. Auch etwas sein. „Wer-Sein.“ Nicht irgendeine Frau, immer älter werdend, nein, eine, die etwas zu sagen hat, die etwas tut. Die vielleicht nicht die Welt rettet, aber den anderen, die ähnlich leiden, möglicherweise dadurch hilft, dass sie Zeugnis ablegt.

„Einfach-nur-sein“ ist eine berührende Phantasie. Aber sie ist so schwer lebbar. Da muss doch noch etwas kommen. Eine neue Liebe?

Wie halten Menschen das mit mir aus? Mir wäre das umgekehrt mit jemandem wie mir wahrscheinlich zu anstrengend.

Andererseits kann es so schlimm auch nicht sein, sonst würden Menschen nicht so oft meine Nähe suchen, würden mir nicht von ihren Schwierigkeiten berichten, würden mir nicht zu verstehen geben, wie wohl sie sich mit mir fühlen.

Ich muss anerkennen, dass ich bin, wie ich bin. Ich kann keine andere aus mir machen. Auch mit Golokas Hilfe wird mir das nicht gelingen. Ihm geht es eher darum, mich darin zu unterstützen, dass ich mich mit all den unterschiedlichen Anteilen akzeptiere.

Der Kroate wünscht sich, dass ich in seine neue Gruppe komme. Das schreibt er in seiner Mail in einem Nebensatz, ohne Begründung, warum und weshalb.

Obwohl ich das eigentlich nicht möchte, sage ich zu.

Und dann schlafe ich mal wieder nicht, gar nicht. So durcheinander war ich morgens lange nicht. Auf der Fahrt nach Steglitz überlege ich, wie ich aus dieser Nummer wieder herauskomme. Zum Beispiel könnte ich mit der S-Bahn bis zur Endhaltestelle fahren und dann behaupten, ich wäre eingeschlafen. Das wäre dann nicht ganz gelogen.

Ich will dort also nicht hin, will ihm das aber so auch nicht sagen. Stattdessen suche ich nach Ausreden.

Weil ich von mir selber enttäuscht bin, steige ich doch an der richtigen Station aus. Und womit werde ich überrascht? Der Kroate steckt noch irgendwo im Stau, sämtliche Teilnehmer der Gruppe haben sich krankgemeldet. Hat man ihnen Dinge über die Arbeitsweise des Kroaten erzählt, die sie dazu veranlasst haben?

Bevor ich beschwingt nach Hause fahre, entdecke ich eine Frau aus der letzten Gruppe, wir freuen uns beide über die unverhoffte Begegnung.

Natürlich hat sie keinen Job gefunden, stattdessen steckt sie in der nächsten Fortbildung, diesmal von der EU finanziert. Dort werden sie weitere sechs Monate darin geschult, Ausbildungsplätze für junge Geflüchtete zu finden beziehungsweise die jungen Leute zu motivieren.

Eigentlich bräuchten sie selber alle Unterstützung darin, sich immer wieder neu zu erfinden, weiter daran zu glauben, dass das, was sie hier lernen, ihnen tatsächlich eines Tages einen Arbeitsplatz bescheren wird.

Ich bin skeptisch, behalte meine diesbezüglichen Gedanken aber für mich. Schließlich geschehen ja immer wieder Wunder. Und wenn es nur eine von ihnen schafft.

Als ich mit Goloka über meine ambivalenten Gefühle in Bezug auf den Kroaten rede, macht er mich darauf aufmerksam, dass sie wahrscheinlich daher rühren, dass ich mich missbraucht fühle.

Wenn er dieses Wort noch einmal benutzt, platze ich vor Ärger.

Aber am Inhalt ist etwas dran, ich kann es nicht leugnen. Ich habe in dieser Arbeit mit ihm in den Gruppen keinen Status, jedenfalls keinen klar definierten. In den letzten Gruppen war ich die Assistentin – unbezahlt selbstverständlich –, am Anfang war ich die Praktikantin.

Doch was auch immer ich bin, durch mich bekommen die Gruppen eine weitere Komponente. Jemanden, der die Arbeit des Kroaten schätzt, dies den anderen auch vermittelt, der selbst kreative Angebote macht. Ich habe also durchaus etwas beizutragen. Nur fehlt mir dafür die Anerkennung, die ich mir eigentlich wünsche.

Auch wenn mir dies bis vor kurzem nicht klar war, etwas in mir spürt dieses Unstimmige, und dann reagiert mein Körper, reagiert meine Psyche. Ich kann nicht schlafen, fühle mich unwohl.

Dabei ist es eigentlich ganz einfach. Ich müsste mir nur – ha – immer wieder ins Bewusstsein rufen, dass ich für mein psychisches Wohlbefinden Entscheidungen spontan und freiwillig treffen muss. Wenn ich eine Erwartung oder einen Anspruch erfülle, obwohl etwas in mir Nein sagt, hat das nichts mit Freiwilligkeit zu tun.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Leserunde, an der ich nur noch teilnehme, weil man mich  gern dabeihat. Weder fühle ich mich gesehen noch geschätzt. Von meinen Wortbeiträgen über gelesene Bücher einmal abgesehen. Dabei weiß ich doch inzwischen, dass ich nur solche Beziehungen pflegen sollte, die ich als bereichernd und liebevoll empfinde.

Während ich das Gemüse schneide, tropfen meine Tränen auf die Möhren. Jo findet das Essen später gut abgeschmeckt.

Der November mit seinem Grau trägt vermutlich noch zusätzlich zu meinem Zustand bei. Ich kann nicht schlafen. Obwohl ich so müde bin. Mein Herz rennt. Es ist unterwegs. On the road to nowhere.

Ich bin mir nicht sicher, ob das, was ich spüre, Angst ist. Es könnte sein. Wenn, dann ist das, was mich da seit einiger Zeit umtreibt, mehr als eine „kleine Episode“.

Als ich in der Nacht wach werde, bin ich davon überzeugt, jetzt endgültig verrückt zu werden. In meinem Kopf ist ein unangenehmes weißes Rauschen. Es sieht dort aus wie früher auf dem Bildschirm des Fernsehers beim Sendeschluss. Lauter krisselige weiße Punkte.

Es ist mir nicht möglich, einen einzigen Gedanken zu fassen. Denken an sich scheint mir unmöglich. Panik erfasst mich.

Ich weiß nicht, wie lange der Zustand anhält, wahrscheinlich nicht länger als eine Minute. Etwas scheint aus der Bahn geraten zu sein. Was, wenn ich zukünftig nur noch lallen kann?

Tagsüber habe ich keine Angst. Warum dann nachts, wenn ich im Bett liege? Ist es mal wieder der Tod, der mich beunruhigt?

Goloka hat mich schon einige Male gefragt, warum ich in schwierigen Situationen nicht Gott um Hilfe bitte. Manchmal habe ich gebetet, häufiger auch nicht. Weil ich glaube, dass er mich nicht hört, selbst wenn es ihn oder sie gibt.

Wie groß meine Not ist, erkenne ich an der Art und Weise, wie ich nun bete.

Bitte hilf mir. Lass mich durch diese Nacht kommen. Nimm diese unangenehmen Gefühle von mir. Bitte!

Dann fällt mir mein magischer Ort ein. Ich nehme die Kleine, um die ich mich lange nicht gekümmert habe, wir fliegen auf unsere Insel.

Neuerdings wohnen wir in einem Leuchtturm. Dort haben wir nicht nur den besten Rundumblick, wir sind auch sicher. Unangenehmer Besuch hätte es schwer, wir würden ihn einfach die steile Treppe hinunter schubsen.

Zusätzlich zu den Hunden haben wir jetzt noch Pferde, Schafe, eine Kuh, ein Schwein, Hühner. Mir war gar nicht klar, dass ich gern eine Bäuerin wäre.

Irgendwann schlafe ich tatsächlich ein.

Während ich nachts weiter mit meinen Dämonen kämpfe, werden die Tage langsam besser. Ich funktioniere. Aber das mache ich ja sowieso.

Jo wundert sich, weil man mir von meinen Kämpfen nichts anmerken würde. Dieses „trotzdem irgendwie weitermachen“ habe ich gelernt.

Nur manchmal hat selbst das in der Vergangenheit nicht funktioniert. So wie 1992, als ich auch im Büro Panikattacken hatte und wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Räume irrte. Da war auch für meine Kollegen nicht zu übersehen, dass mit mir etwas nicht stimmt.

Damals bin ich für drei Monate in eine Klinik gegangen. Dort wurde ich zwar nicht geheilt, aber immerhin hatte ich mir danach einen Therapeuten gesucht, mit dem ich die nächsten vier Jahre gearbeitet habe.

Als er mir in unserer letzten gemeinsamen Stunde erzählte, er hätte am Anfang unserer Begegnung gedacht, ich wäre als Kind missbraucht worden, hatte ich nur gelächelt.

„Da sehen Sie, wie man sich doch täuschen kann.“

Nach ein paar weiteren Monaten kamen die Panikattacken immer seltener, bis sie irgendwann aufhörten. Immer, wenn ich eine Anwandlung spürte, machte ich nichts anderes, als den Vorgang zu beobachten. Es war mir egal, ob ich sterbe oder nicht.

Anscheinend war es dieses Beobachten, das mich von diesen Zuständen befreit hatte.

Mir war nicht aufgefallen, dass ich zunehmend unter Schmerzen litt, dass sich anscheinend nur der Schauplatz meiner inneren Kämpfe verändert hatte.

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