der Hausmann will einen Zitronenkuchen backen, der Mopedfahrer studiert einen Schaltplan –, habe ich mich nach Hollywood verzogen. Quitten leuchten zu mir herüber. Ich beobachte sich paarende Libellen. Das kann manchmal Stunden dauern, wie ich erst vor kurzem gelesen habe.
Im Nachbargarten werden geräuschvoll die weißen Planen hin und her geworfen, auf denen sonst die Füchse toben. Die Wetter-App warnt vor starkem Wind, auch regnen soll es. Da wäre ich im Kino sehr gut aufgehoben.
Vorgestern, als ich mit der Freundin im York Kino den Film „Vaterland“ angeschaut habe, hatte ich plötzlich das Gefühl, als wäre ich nach Jahren des Exils in meine Heimat zurückgekehrt. Mit dem Begriff Heimat für reale Orte oder Städte tu ich mich schwer, ich empfinde mich eher als heimatlos. Und dann habe ich plötzlich eine. In Büchern, Filmen, Kinosälen.
Vielleicht war das auch der Grund, warum ich gestern gleich noch einmal ins Kino gegangen bin. Alleine diesmal, so wie früher. Wie früher saß ich in der dritten Reihe, vor mir keine Menschen, links und rechts neben mir auch keine, und da war sie wieder. Diese eigentümliche Spannung, wenn das Licht ausgeht, wenn nach der Werbung, die ich im Kino ganz gut aushalte – mal muss ich sie kommentieren, mal kann ich wunderschön schweigen –, der Film anfängt. Dann vergesse ich alles um mich herum. Dann warte ich wie gestern mit Paul Gompitz auf Nordostwind, der den Bodden vollmacht und sitze später mit ihm in der kleinen Jolle bei Wind, Regen und Sturm. Bis eine Boje anzeigt, dass wir es geschafft haben. Viele Menschen haben im Laufe der Jahre versucht, die DDR von Hiddensee aus zu verlassen – schwimmend, mit Schlauch- oder Segelbooten – nur wenige haben es geschafft.
Nach 90 oder 120 Minuten tauche ich wieder auf. Als eine andere. Im Gepäck reichlich Spuren, denen ich in den nächsten Tagen nachgehen werde. Wie war das mit Erika Mann und Gustav Gründgens? Wo kann ich den Mehrteiler „Die Manns“ anschauen? Ob sie in der Bibliothek in Rudow eine Biographie haben? Und was hat es mit Johann Gottfried Seume auf sich, der in Klaus Müller – dem realen Vorbild für Paul Gompitz im Film – die Sehnsucht nach Italien weckte? Ich kann mich nicht erinnern, dieses Buch in der Schule gelesen zu haben. Wie eigenartig wäre das auch gewesen? Sie lassen uns ein Buch lesen, obwohl sie wissen, dass wir selbst nie nach Syrakus wandern dürfen? Hallo?
Was mich heute auf alle Fälle nachdenklich macht: Wie habe ich nur so lange auf diesen Kick, diese Inspiration verzichten können? Am Anfang sicherlich aus Ärger. Ich wollte erst wieder ins Kino gehen, wenn das allen Menschen unabhängig von ihrem Impfstatus möglich wäre. Und dann ist in dieser Zeit etwas passiert. Zwar habe ich später, als ich schon auf dem Land lebte, einige Filme gesehen. In ehemaligen Scheunen oder Kneipen. Aber das war anders als in den Berliner Kinos. Ob es an den Räumlichkeiten liegt? Der Energie?
Egal. So oder so ist es völlig unpassend, dass ich plötzlich wieder mit dem Virus infiziert bin. Jetzt, wo ich weggehe aus Berlin.