Meine Reise mit Goloka (29) – Aus dem Langzeitprotokoll 2016 – 2018

Laufen tut mir gut. Bewegung überhaupt. Auch deswegen fahre ich mit dem Freund aus Kreuzberg nach Kladow, wo wir bei einem längeren Spaziergang das schöne Licht an der Havel genießen.

Im Garten harke ich eine Stunde lang Laub, und ich freue mich auch, dass ich wieder als Hundebegleiterin angefragt werde. Mit Jo gehe ich zügig um die Rehwiese. Nach der Arbeit in der Praxis laufe ich in der aufkommenden Dunkelheit von der Krumme Lanke nach Hause. Das Gehen wirkt ausgleichend, es stört nicht, dass mein Geist aktiv ist.

Wenn ich an den schönen Häusern mit den großzügig Licht spendenden Fenstern vorübergehe, wundere ich mich. Ist das nicht erstaunlich? Das Mädchen aus der Laube – wir hatten kein fließendes Wasser, nur einen Brunnen, der im Winter mit heißem Wasser aufgetaut werden musste, kein richtiges Klo, nur ein Plumpsklo, in dem im Sommer die Maden schwammen –, das lebt jetzt hier unter den Reichen. Es hat den Aufstieg vom Rieselfeld in die Bel Etage geschafft. Zwar in der Villa Kunterbunt, aber das stört mich nicht.

Plötzlich spüre ich etwas von der besonderen Stimmung, die mich oft im Dezember überkommt. Darüber muss ich lächeln.

Ich brauche mehr von diesen belebenden Momenten. Dafür muss ich mich immer wieder selbst daran erinnern, dass ich es bin, die die Voraussetzungen für ihr Auftauchen schaffen kann.

Still sein. Mich auf Details in meiner Umgebung konzentrieren. Nur diese wahrnehmen. Andächtig das betörende Winterabendlicht vor meinem Fenster betrachten. Wie weich meine Bettdecke ist. Wie frisch der Zitronenduft in meinem Zimmer. Wie das klingt, wenn die Äste der Bäume sich an der Hauswand reiben, wenn beim Nachbarn der Brenner anspringt.

Wenn ich mich auf diese Weise den Dingen zuwende, zeigt sich auch etwas von der Lebendigkeit und Freude.

Trotzdem träume ich in der nächsten Nacht von einem Mörder, dem ich nur dadurch entkomme, dass ich ihm die Augen in die Höhlen drücke.

Das Schöne an dieser Jahreszeit sind die Abende, die ich allein oder mit lieben Menschen am Kamin verbringe. Diesmal habe ich mich mit den Schwestern und der Nachbarin verabredet. Es gibt eine Kleinigkeit zu essen, die Damen bringen eine Flasche Rotwein mit.

Die Nachbarin sagt, sie beneidet die Freundin, die im nächsten Jahr in Ladakh wandern und Klöster besuchen wird. Bei der Schreibfreundin und mir ist kein Neid vorhanden, wir würden lieber länger an einem einzigen Ort bleiben. An einem Ort, der uns berührt, wo wir morgens, mittags oder nachts hinausgehen, hinschauen können, wenn es stürmt oder schneit und wenn die Sonne scheint.

Später erstelle ich eine Liste von Orten oder Ereignissen, an denen ich gern wäre, die ich gern beobachte, weil sie eine besondere Wirkung auf mich haben.

Ich sitze gern in einer Wiese oder einem Kornfeld, auf einer Lichtung im Wald, an einem See, einem Meer, auf einem Tret- oder Hausboot auf Flüssen.

Ich liebe Regentropfen, das Geräusch an den Fensterscheiben, auf dem Dach.

Ich sitze gern auf einem Berg – den ich vorher nicht besteigen muss – und schaue ins Weite. Ich sitze aber auch gern in einem Tal und schaue auf Berge. Ein besonderes Erlebnis ist es auch, an einem heißen Sommertag in einem kühlen See zu baden und in der Ferne schneebedeckte Berggipfel zu sehen.

Ich würde gern mal mit einem Zug durch eine Berglandschaft fahren.

Ich liebe es, Vögel zu beobachten, im Havelland den Nachthimmel zu betrachten. Die Milchstraße.

Eigentlich hat das alles mit Stille zu tun.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Nach Jerusalem würde ich auch gern noch einmal fahren. Auch Florenz oder Stockholm stelle ich mir interessant vor. Allerdings würde ich dort die stillen Plätze suchen.

 

Mein Sohn wird heute vierzig. So einen großen Sohn habe ich. Ich kann ihn trotz mehrmaliger Versuche nicht erreichen. Früher rief er mich zurück, wenn er meine Nummer auf dem Display gesehen hatte, heute macht er das nicht mehr.

Natürlich rede ich auch immer wieder mit Goloka über ihn. Darüber, dass ich keine gute Mutter war, sondern eher die große Schwester. Die keine echte Verantwortung übernehmen konnte.

Goloka, der viele Ereignisse auch in einen spirituellen Zusammenhang stellt, glaubt, dass mein Sohn erst dann ein guter Junge sein kann, wenn ich mich nicht länger als schlechte Mutter sehe. Und „guter Junge“ bedeutet in diesem Fall nicht, dass er Zugeständnisse an mich macht, sondern dass er in seinem Leben glücklich ist.

Es fällt mir schwer, an diese Verquickungen zu glauben, aber wenn tatsächlich alles mit allem verbunden wäre oder ist, dann wäre ein solches Denken nicht völlig absurd.

Als ich das nächste Mal mit dem Hund am See entlanglaufe, denke ich dabei an das Baby, das ich einmal war. Wahrscheinlich steckt Goloka dahinter. Er hat mir empfohlen, mich nicht nur um das Mädchen zu kümmern, sondern auch um die ganz Kleine. An den Säugling im Heim.

Bei dem Gedanken an dieses Kind spüre ich so viel Kummer und Mitgefühl, dabei laufen mir Tränen die Wangen hinunter. Der Hund, der normalerweise vorne weg läuft, scheint irritiert. Er kommt zu mir, leckt meine Hand. Beim Laufen weine ich sonst ja nicht.

Ein Baby würde ich doch ständig volltropfen. Außerdem hätte ich Angst, dass mein Schmerz ebenfalls in das Kind hineinsickert.

Später schreibe ich ein paar Zeilen.

Es sollte ein Geheimnis bleiben
Der große Raum mit den vielen kleinen Betten darin
Manche weinen noch
Andere haben die Hoffnung längst aufgegeben
Ihr Blick ist traurig, aber sie weint nicht
Ich nehme sie aus ihrem Bett
Wie einen Schatz trage ich sie an meine Brust gedrückt nach Hause.

Wie oft ich jetzt schon mit Goloka geredet habe. Vielleicht erarbeite ich mir ein zweites Leben. Seiner Ansicht nach mache ich diesen Job auch für meinen Sohn. Denn es könnte doch sein, dass er eines Tages, wenn ich tot bin zum Beispiel, meine Notizen lesen wird. Vielleicht kann er dann glücklich werden.

Dabei weiß ich doch, wie mit Texten von toten Eltern umgegangen wird. Sie landen bestenfalls ungelesen in einer Kiste.

Aber daran denke ich nicht. Ich halte fest. Für mich. Für ihn. Auch für Goloka vielleicht, dem es eines Tages Spaß machen könnte, von unserer gemeinsamen Arbeit zu lesen.

In zwei Wochen ist Weihnachten. Wie schnell dieses Jahr vergangen ist.

Am zweiten Feiertag wird bei uns eine kleine Feier stattfinden, wir werden gut essen, später am Kamin sitzen. Jo und ich, die Schwestern, auch den Kreuzberger Freund habe ich eingeladen.

Geschenke wird es keine geben, das haben wir ausgemacht. Wir schenken uns die Zeit füreinander.

Auch den Moppedfahrer lade ich auf dem Weg in die Therme nach Ludwigsfelde ein. Ich werde wieder einmal von ihm mitgenommen, und das ist immer eine Freude für mich.

Er ist die Feiertage über ausgebucht. Seine Kinder kommen, die Enkel, ich bin ein wenig erleichtert. Denn ich kann nicht einschätzen, ob er sich mit dem Freund aus Kreuzberg vertragen würde beziehungsweise ob das umgekehrt so wäre, und diese Unsicherheit macht mir schon im Vorfeld Stress.

Zumal es dem Kreuzberger Freund schon jetzt gelungen ist, mich zu verärgern. Er weiß noch nicht, ob er wirklich zusagen kann. Bestimmt würde von ihm erwartet, sagt er, dass er sich später für die Einladung revanchiert. Und das könne er nicht, besser noch, er wolle nicht.

Das sind Momente, in denen ich ins Grübeln komme. Da denkt jemand noch mehr um die Ecke als ich selbst.

Später im Saunagarten fängt es an zu schneien. Nackt, die Hände wie ein Schirm über den Augen, stehe ich da und schaue nach oben in den Flockenwirbel. Sie scheinen zu tanzen und miteinander zu spielen.

Einer von diesen von mir so herbeigesehnten magischen Momenten.

Ich könnte ewig so stehen.

„Schönes Bild“, sagt hinter mir eine Stimme.

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