Die Freundin hat gestern aus ihrem Buch gelesen. Was noch authentischer wäre, hätte sie über die „Krise“, wie sie die Depressionen und Ängste nennt, ebenfalls geschrieben. Zu ihr gehört „diese Sache“ nicht. Es ist ihre Entscheidung, das ist richtig, ich nehme es ihr trotzdem übel.
Die Freundin aus dem Nachbardorf schreibt, ich würde mich aus unserer Leserunde einfach verpissen, anstatt den anderen Wertschätzung entgegenzubringen und offen Kritik zu üben.
Ich antworte mit einer – wie ich hoffe – letzten Mail, in der ich mich erkläre, in der ich noch einmal über mein nun schon so lange andauerndes Unbehagen spreche.
Ich gebe auch gleich zu, dass ich die direkte Konfrontation scheue, weil ich mit Sicherheit weinen würde, was ich vermeiden möchte. Das mag feige sein, ist aber die Wahrheit.
Ich möchte in Zukunft vor allem solche Beziehungen pflegen, die auf Spontanität und Freiwilligkeit beruhen. Was wohl vor allem bedeutet, dass ich Menschen brauche, die mich so sein lassen können, wie ich bin.
Das klingt einfach, ist in der Praxis jedoch schwierig, wie ich weiß. Aber für mein Wohlbefinden muss ich es so halten. Ich muss akzeptieren, dass ich mich nur selten zugehörig fühle.
Ein Säugling in einem Heim wird sich irgendwann daran gewöhnen, allein zu sein. Er nimmt die anderen Säuglinge wahr, kommuniziert nonverbal. Zumindest vermute ich, dass ich mich daran gewöhnt hatte. Und dann haben sie mich in eine andere Welt versetzt. In eine Welt, die ich nicht verstand, die mir am Anfang bestimmt unheimlich und gefährlich erschien.
Vielleicht habe ich mich in den ersten Jahren wohlgefühlt, ich kann mich nicht erinnern. Meine Großmutter liebte mich, ich mochte sie. Selbst mein Großvater wird mich geliebt haben, leider auf eine besondere Weise.
Trotzdem überwog mit zunehmendem Alter bei mir der Eindruck, dass ich nicht dorthin gehöre, dass ich fremd bin. Aber wer weiß schon, warum wir tatsächlich so fühlen, wie wir es tun.
Denn dieses Gefühl der Nichtzugehörigkeit, des Fremdseins, ist mir bis heute trotz gegenteiliger Erfahrungen erhalten geblieben.
Vor allem in meinen Träumen wird mir dieser Aspekt meiner Persönlichkeit immer wieder vorgeführt. Es werden Feste gefeiert, ich treffe Freunde, aber ich finde meinen Platz nicht, sie lassen mich spüren, dass ich nicht zu ihnen gehöre. Ich bin traurig, versuche im Traum jedoch, diese Trauer nicht zu spüren.
Beim Wachwerden ist sie immer noch da, und ich muss mich daran erinnern, dass ich nicht so allein bin, wie ich mich in meinen Träumen seit Jahrzehnten fühle.
Im realen Leben geht es auch gar nicht darum, für alle Menschen gleichermaßen Sympathien zu hegen, man muss nur irgendwie miteinander auskommen.
Jenes Schweben der Seele
Wenn die Flut sich zurückzieht
und die Luft klar ist
Ich kam, weil ich dachte, ich sollte
Weil ich hoffte, eine Tür würde sich öffnen,
der Nebel sich verflüchtigen
Früher gehörte ich mir nicht.
Sie, die anderen, waren es, die bestimmten.
Als müsste ich meine Überlegungen bestätigen, träume ich in einer der folgenden Nächte von den Schwestern. Sie haben mir die Freundschaft gekündigt, weil ich eine unzuverlässige Freundin bin. Sie hätten das mit ihren anderen Freundinnen besprochen.
Es kam etwas plötzlich. Ich hatte ihnen eine Mail geschrieben, in der etwas von „immer noch blond“ stand. So ginge das nicht weiter. Was das solle. Ich bin dann schreiend gegangen. Dachte im Traum: Sieh an, jetzt bin ich wirklich allein. Aber bedeutet das nicht auch Freiheit?
Glücklich hat mich dieser Gedanke nicht gemacht.
So ist das also mit mir. Manchmal möchte ich vor Menschen fliehen, vor ihren Ansprüchen und Wünschen an mich, dann wieder spüre ich eine tiefe Zuneigung und freue mich, wenn ich mit ihnen zusammen bin. Entscheidend sind immer wieder Erwartungen, mit denen ich konfrontiert werde.
Einfach ist es, wenn ich kommen und gehen kann, wie ich möchte. Wenn ich bei meiner Mannheimer Freundin den bereits zugesagten Wochenendausflug wieder absage, dann ist das kein Problem. Und wenn ich einige Monate nicht schreibe, dann muss ich mich auch dafür nicht rechtfertigen.
Ein solches Verhalten ist ungemein entspannend für mich.
Ich lese noch einmal unseren Briefwechsel. Jenes Buch, das sie mir zum Fünfzigsten geschenkt hat und das mich wieder neu beglückt.
Wie klug wir früher schon waren, wie sehr wir uns gegenseitig inspirierten. Das ist bis heute so geblieben.
Wir sind wirklich beide Schriftstellerinnen. Diese Erkenntnis macht mich plötzlich so froh. Ich bin glücklich. Nur nicht sterben jetzt. Das wäre blöd.
Alle zwei Tage besuche ich jetzt meine Neuköllner Freundin in Kladow im Krankenhaus. Die Metastasen im Bauch hatten einen Darmverschluss verursacht, sie wurde operiert, jetzt hat sie einen künstlichen Darmausgang. Sie nennt den kleinen Beutel liebevoll ihren Hasen.
Wenn man sie untersucht oder wenn die Physiotherapeutin kommt, gehe ich in die Cafeteria, trinke Kaffee, schreibe. Sonst mache ich das, was gerade gewünscht wird. Ich creme der Freundin den Rücken ein, gehe mit ihr aufs Klo.
Wenn man so krank ist, werden viele Dinge unwichtig. Das, was andere über einen denken, was andere erwarten.
Ihre Freundin und Gartennachbarin kann angeblich nicht schlafen, weil sie sich solche Sorgen um sie macht. Ich kann auch nicht schlafen, mache mir aber keine Sorgen. Es wird kommen, wie es kommen soll. Für diese Einstellung werde ich von der Freundin gemocht.
Am gleichen Tag, an dem die Jogalehrerin auszieht, trifft sich das erste Mal die Theatergruppe bei uns.
Vorher ist mir ein wenig mulmig. Müssen wir etwas Spezielles tun? Etwas leisten? Will der Kroate uns ganz uneigennützig helfen? Was erwartet er dafür von uns?
Vielleicht will er uns bewusst machen, dass wir alle eine Rolle spielen. Ständig tun wir das. Von der Wiege bis zur Bahre sozusagen.
Es ist mir nicht angenehm zu sehen, wenn ein anderer aus unserer kleinen Gruppe eine typische Geste von mir nachmacht, wenn er sie noch dazu so groß macht, bis sie völlig übertrieben ist.
So rede ich? So bewege ich mich? Bin das tatsächlich ich?
So möchte ich nicht sein, möchte ich nicht aussehen.
Natürlich taucht dann gleich die Frage auf, wie ich denn nach außen wirken möchte. Wie will ich wahrgenommen werden?
Anders eben. Und dieses „Anders-sein-Wollen“ macht mich unfrei.
Ich habe noch nicht das richtige Leben gefunden. Probiere hier immer noch herum.
Ich brauche Zeit. Vor allem mehr Zeit, in der ich ungestört und allein bin.
Und was mache ich dann mit dieser Zeit?
Ich schreibe nur selten an dem Text, den ich im Havelland angefangen habe. Manchmal fällt es mir sogar schwer, etwas für meine Webseite zu schreiben.
Warum glaube ich immer noch, dass ich etwas tun muss?
Nachts friert es. An meinem Fenster treiben ein paar voreilige Schneeflocken vorbei. Das Eichhörnchen springt von der Regenrinne der Nachbarn auf einen Ast unseres Nussbaums. Das sind bestimmt drei Meter.
Am Himmel ein großer Zug Wildgänse.
Als ich abends in Kladow an der Havel stehe, bin ich in ein berückendes Licht eingehüllt.
Ich habe ein eigenartiges Gefühl in Bezug auf die Freundin. Die Chemotherapie, zu der man ihr geraten hat und die sie nun doch über sich ergehen lassen will, verspricht dreißig Prozent Heilungschancen für diesen neuen Tumor. Das ist nicht besonders viel und sagt vor allem nichts über die anderen Metastasen. Aber ihr Lebenswille scheint plötzlich neues Futter bekommen zu haben.
Nachts sehe ich mir Filme über das Sterben und über alternative Lebensmodelle an. Scheinbar sind das die Pole, zwischen denen ich mich bewege. Endgültig gehen oder zu etwas Neuem aufbrechen.
Aber weil mich beide Seiten ziehen, bleibe ich, wo ich bin.
In Kladow wird ein Wohnwagen angeboten. 140 Euro Pacht im Monat.
Ich habe nicht mehr alle Zeit der Welt. Noch zehn gute Jahre? Vielleicht fünfzehn? Und dann?
Ab in die Kiste.
Aber will ich vorher in einem Wohnwagen auf einem Zeltplatz leben? Eher nicht.