Nach anderthalb Stunden zügigem Laufen mit dem Hundemädel

bin ich wieder runter von der rosa Wolke, auf der ich bis heute Morgen noch schwebte. Mir tut das Fahrgestell weh und ich habe überhaupt keine Lust, mir entgegenkommenden Menschen zuzurufen, dass ich gestern einen Mietvertrag für eine Wohnung in Lenzen unterschrieben habe.

Heute früh war ich noch in Redelaune. Man könnte auch sagen, es sprudelte nur so aus mir heraus. Nacheinander habe ich meinen beiden WG-Genossen von den freundlichen Menschen berichtet, denen ich gestern begegnet bin, habe die Vorzüge des Ortes und der Wohnung geschildert. Habe darüber hinweggehört, dass eine mir nicht näher bekannte Person, die vor Jahren einmal in Lenzen war, den Ort trostlos fand.

Gestern war Hoftrödel in Lenzen. Der war ja neben der Unterzeichnung des Mietvertrages auch ein Grund für meinen Ausflug. Ich hatte gehofft, ein paar Dinge für die Wohnung zu finden. Einen kleinen Tisch mit Stühlen für die Küche. Eine Kommode. Stehlampen. So etwas.

Viele Höfe, viele Menschen haben sich beteiligt. Das Angebot war groß, trotzdem habe ich, von zwei Kerzenhaltern einmal abgesehen, für die Wohnung nichts gefunden. Aber das machte gar nichts. Ich war in solch gehobener Stimmung, dass ich jedem dritten Unbekannten erzählte, dass ich in ein paar Wochen auch in ihrem netten Städtchen wohnen würde.

Dabei bin ich ja mit etwas Schiss, wie man so schön sagt, nach Lenzen gefahren. Ich hatte befürchtet, die Wohnung könnte mir nicht gefallen. Vielleicht war der erste Eindruck ja doch richtig. Allerdings hatte ich mich vor ein paar Wochen vor allem auf die Aussicht fokussiert, hatte sie anderen sogar als etwas trist beschrieben.

Erst Tage später hatte ich mir die Fotos noch einmal angeschaut und gesehen, dass ich von allen Zimmern aus einen großen Himmel vor mir habe. Dazu nach hinten raus Gärten, auf der anderen Seite neben den tatsächlich nicht so schönen Häusern mit Flachdach ein Stück Stadtwald. Das ist nicht nur nicht trist, das hat sogar etwas Befreiendes: dieser weite Blick, nichts, was ihn einengt.

Meine Bedenken waren überflüssig. Die Wohnung gefiel mir viel besser als bei der ersten Besichtigung. Sie bietet nicht nur genug Platz, sie ist sehr hell und sehr ruhig. Dazu dieser Herbstblick auf rotes Weinlaub und sich bunt färbende Laubbäume. Das war sehr schön.

Später saß ich mit meinem Kontaktmann fast zwei Stunden plaudernd auf einem Sofa vor einem Trödelladen in einer der Hauptstraßen der kleinen Stadt, zu der mein Informant Dorf sagt. Wir grüßten die Vorübergehenden, manchen teilte ich auch mit, dass ich demnächst hier wohnen würde. Ich war kurz vor dem Abheben.

Zuletzt unterhielten wir uns mit einem Mann, der seit vielen Jahren in Lenzen lebt und viel zur Geschichte der Stadt geforscht hat. Schon sein Vater hatte das getan, über viele Jahrzehnte sogar. Ihn konnte ich jetzt fragen, was an der Geschichte dran war, die ich gehört hatte. Der Mann bestätigte sie. Das Haus, in dem ich demnächst wohnen werde, ist 1963 für Offiziere der Grenztruppen erbaut worden.

Yeah. Die Frau, die im Osten groß geworden ist, okay, nicht in Brandenburg, aber in Ost-Berlin immerhin, die 1981 in den Westen gegangen ist – freigekauft wurde, um genau zu sein – kommt im fortgeschrittenen Alter zurück in den Osten und wohnt dann auch noch in einem Haus, in dem früher Offiziere gelebt haben, die die Grenze bewacht haben.

Treppenwitz, oder?

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