Meine Reise mit Goloka (36) – Aus dem Langzeitprotokoll 2016 – 2018

Ich lese noch einmal mit großer Begeisterung die Tagebücher von Brigitte Reimann. Ich gehe mit ihr ins Bett, stehe mit ihr wieder auf. Diese Wucht. Wie langweilig das Leben der meisten Menschen im Vergleich zu ihrem ist.

Natürlich fühle ich mich sofort wieder wesensverwandt. Das hat nicht nur mit dieser Gier nach Leben und den diversen Männern zu tun, die ihr und mir begegnet sind. Zumal auch sie entdeckte, dass sie in sich allein ist, unabhängig von der Zahl ihrer Liebhaber und Verehrer.

Am 3. Juli 1956 schrieb sie: „Am meisten quält mich, dass nichts von all meinen Gedanken zu finden ist in meinen Büchern. Meine Menschen sind optimistisch und heroisch und unwahr wie übrigens fast alle Romangestalten, die ich kenne …“

Dasselbe gilt für mich und meine Romangestalten.

„Im echten Leben bist du klüger als deine Protagonistinnen“, sagte die Schreibfreundin vor Jahren zu mir. Ich weiß längst, was sie damit meint.

Mich selbst zieht an Büchern doch immer das Authentische, das sich Offenbarende an. So etwas möchte ich lesen. Deswegen habe ich doch meinen autobiografischen Text geschrieben. Für den sich kein Agent, kein Verlag interessiert.

In den meisten autobiografisch gefärbten oder tatsächlich autobiografischen Romanen gibt es eine Katharsis. Am Ende ist der Erzähler, die Erzählerin geheilt. Sie haben mir von ihren Problemen erzählt, dem Alkohol, den manischen Phasen, der Gewalt, den Exzessen, das alles haben sie am Ende überwunden. Sie haben etwas für das Leben gelernt. Sie sind seit Jahren clean, leiden nicht mehr unter Psychosen, haben die Bipolarität im Griff.

Ausgangspunkt des Erzählens ist das Heute, in dem sich alles gefunden und aufgelöst hat. Dem Leser wird die Hoffnung geschenkt, dass auch für ihn am Ende alles gut wird. Wir können uns aus der Angst, aus Leid und Verzweiflung befreien. Wir können uns und unser Leben ändern.

Vielleicht schreibe ich deswegen gerade so wenig, weil bei mir am Ende nicht alles gut ist. Oder ist es das längst, und ich habe es nur noch nicht verinnerlicht? Was ist überhaupt das Ende? Jetzt?

Ich weiß ein wenig mehr über die Auswirkungen der Erlebnisse in meiner Kindheit. Ich weiß, wie sich mir bestimmte Gefühle und Verhaltensmuster eingebrannt haben. Weiß, dass und wie sie mich bis heute beeinflussen.

Ist das allein die Heilung? Dass ich jetzt „Bescheid“ weiß? Mich ein wenig besser kenne und mich in meinem So-Sein immer häufiger sogar akzeptiere?

 

Deniz Yücel ist frei. Das sollte gefeiert werden.

Ich pflege eine Erkältung, die ich vermutlich von der Spanierin habe. Heute hat auch die kranke Freundin Geburtstag.

Nach dem Essen bin ich neuerdings so müde. Da hilft auch kein Kaffee. Manchmal schlafe ich am Nachmittag ein oder zwei Stunden. Auch nachts schlafe ich neuerdings. Das wundert mich.

Ich träume von Toten. Heute Nacht träumte ich von meinem Großvater und von meinem Vater. Sie waren jünger als in meiner Erinnerung. Beide waren mir so zugewandt.

Ich wollte, dass sie leben, dass es ihnen gut geht.

Ein Zeichen? Bin ich krank? Muss ich sterben? Sollte ich vorher nicht noch ein wenig leben?

Ich rekapituliere: Ich bin alt. Meine Rente ist klein. Als Schreiberin bin ich mittelmäßig begabt. Beziehungen gelingen mir nicht.

Mit anderen Worten, es geht mir wie Millionen anderer Menschen.

Andererseits geht es mir im Vergleich zu vielen Millionen aber auch sehr gut. Ich habe ein Dach über dem Kopf, muss nicht hungern, habe mehr Kleidung in meinem Schrank, als nötig wäre. Es gibt Menschen, die mich mögen, die ich mag, Menschen, die gern in meiner Nähe sind.

Aber wo ist meine Heimat? Mein wirkliches Zuhause? Das ist ein gutes Thema für das nächste Treffen mit Goloka, nach dem ich wieder ein bisschen klüger bin.

Meine geistige Heimat finde ich in der Wirklichkeit nicht. Deswegen gaukelt mir mein Unterbewusstsein auch vor, dass ich den ersehnten Frieden erst dann bekomme, wenn ich tot bin. Dabei könnte ich mir den ersehnten Frieden einfach dadurch schenken, dass ich erkenne, dass ich keine Hürden überwinden muss, dass alles am richtigen Platz ist.

Warum kann ich die Natur nicht als Würdigung für mich betrachten? Sie würdigt mich einfach dadurch, dass sie da ist und dass ich da bin. Ein Angebot des Vollkommenen an das Unvollkommene.

Ach, diese Gläubigen. Die haben es gut.

Aber es fällt mir längst nicht mehr so leicht, über eine solche Sichtweise zu spotten. Ich möchte nämlich daran glauben, dass ich beschützt bin. Dass ich mir keine Sorgen machen muss, weil sich entweder alles fügt oder sich längst gefügt hat. Selbst mein Tod wäre bei einer solchen Sichtweise kein Drama, sondern ein Schritt in das Neue.

Vor allem muss ich mich so annehmen, wie ich bin.

Himmel, ist das nicht seit zwanzig Jahren schon Thema?

Das mit dem Annehmen kann ich gleich üben. Ich möchte keine Rezension für das Buch der Freundin verfassen. Denn wäre ich ehrlich, müsste ich auch den falschen Pathos erwähnen, das Belehrende.

Dabei wäre das, worüber sie nicht geschrieben hat, genau das, was mich als Leserin stärken würde. Nun meditiert dieser Mensch. Meinetwegen. Aber stattdessen ist da in dem Text alles so schön glatt.

Auf den Straßen und im Garten knirscht der Frost. Alles ist weiß. Weiße, kalte Welt.

Die Theatergruppe löst sich schon wieder auf, bevor sie richtig angefangen hat. Ich habe nichts dagegen. Zumal ich oft so erschöpft bin und gar nichts tun möchte.

Goloka erinnert mich dann daran, dass ich krank bin und heile. Das kostet Kraft.

Bei solchen Worten denke ich oft: Aber was mache ich denn schon?

Es fällt mir nicht leicht einzugestehen, dass er recht haben könnte. Dass ich wahrscheinlich nicht todkrank bin – denn das sind meine heimlichen Gedanken zum Thema –, sondern tatsächlich „nur“ erschöpft von den letzten Jahren, Jahrzehnten, in denen ich nach dem Motto „immer weitermachen, durchhalten“ gelebt habe. Erschöpft auch von meinen inneren Kämpfen.

Ich sollte mir die Neuköllner Freundin als Vorbild nehmen. Sie nimmt die Krankheit, die Begleitumstände, die immer gemeiner, fieser werden, mit großer Gelassenheit hin. Sie freut sich an Kleinigkeiten. An ihrem schönen Zimmer im Krankenhaus, an der Aussicht.

Aber wie es in ihr drinnen aussieht, das weiß ich natürlich nicht. Ob es nicht auch in ihr eine Ebene gibt, auf der sie sich ängstigt, vielleicht sogar an den Tod denkt.

Wenn es so ist, dann lässt sie mich an diesen Gedanken nicht teilhaben, offenbart sich auch auf mein Nachfragen hin nicht.

 

Mit der Mannheimer Freundin, die für ein paar Tage nach Berlin gekommen ist – auch dieser Besuch wieder viel zu kurz –, fahre ich am letzten Tag noch einmal zu einem Spaziergang nach Kladow. Später wollen wir noch im Gutshaus einkehren.

Wir können auf den Wegen laufen, die vor kurzem noch überflutet waren. Unter unseren Füßen knirscht der Schnee, überall gibt es Eiszapfen. Im Schilf, an den Rohren, und im flachen Wasser treiben winzige Zelte aus Eis. Um uns herum glitzert und funkelt es.

Auch in mir drin funkelt und glitzert es später. Denn die Freundin hat in diesen Tagen meinen autobiografischen Text ein zweites Mal gelesen. Eigentlich hätte sie ihn nur „querlesen“ wollen, das sei ihr nicht gelungen. Wieder hätte er sie in den Bann gezogen.

Die Spanierin, in deren Gegenwart sie mich in den höchsten Tönen lobt, ist beeindruckt. Ihr war nicht klar, dass sie mit einer echten Schriftstellerin zusammenlebt.

Die Freundin hält nichts davon, diesen Text auf meiner Webseite zu veröffentlichen.

„Nein, nicht dieses Buch. Das ist so gut, das solltest du nicht so einfach hergeben.“

Ich bin gerührt.

Da ich ihrem Urteil vertraue, nehme ich mir vor, es doch noch einmal mit einem Verlag zu versuchen.

Als ich wieder alleine bin, recherchiere ich Agenturen. Die meisten Webseiten schrecken mich jedoch schon mit der beeindruckenden Auswahl der vertretenen Autoren ab.

So gut bin ich doch nicht. Da kann ich nicht mithalten.

Was soll ich ihnen schreiben? Wie mich ihnen anpreisen? Welche Zielgruppe habe ich mir für diesen Text vorgestellt? Menschen, die auf der Suche sind? Die nicht länger ein sinnlos gewordenes Leben führen wollen?

Schon die Fragen verunsichern mich. Ich habe an keine Zielgruppe gedacht, ich habe einfach nur geschrieben. Habe mir meine eigenen Fragen, meine Unsicherheiten vom Leib beziehungsweise der Seele geschrieben.

Und wen soll das nun interessieren?

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