Als die Neuköllner Freundin noch im Krankenhaus war, habe ich ihr meine Hilfe angeboten. Wenn sie mich braucht, würde ich da sein, hatte ich gesagt. Jetzt ist es so weit. Sie wäre froh, wenn ich eine Weile bei ihr wohnen würde.
Es schneit schon wieder. Das Öl nimmt rapide ab. Zumindest mein Zimmer müsste nicht geheizt werden, wenn ich in Neukölln bin. Natürlich sage ich zu. Ich werde im Frühling in die WG zurückkehren, wenn es warm ist.
Zwei Tage später befinde ich mich in einem Paralleluniversum.
Die Freundin ist dünn geworden, ihre Augen liegen tief in den Höhlen. Ich habe mich ziemlich erschrocken, als ich zu ihr ins Zimmer gekommen bin, hoffe aber, dass sie mir das nicht angesehen hat.
Ihre gute Laune hat sie allerdings nicht verloren. Ihren Optimismus auch nicht. Sie glaubt, dass es ihr wieder so gut gehen wird, dass sie sich allein versorgen kann.
Für mich sieht es nicht so aus, als könnte ihr das tatsächlich gelingen, aber wer bin ich, mir darüber eine Meinung zu bilden.
Ich habe nicht gewusst, was mich hier erwartet, ich weiß auch nicht, ob ich gekommen wäre, wenn ich es gewusst hätte.
Außer mir ist noch ihre Tochter da, der Hund der Tochter, der Freund der Tochter, manchmal auch der älteste Enkel.
Sie wissen, dass meine Freundin Nichtraucherin ist, dass sie es auch nicht mag, wenn im Haus geraucht wird, aber sie glauben, der Rauch würde nicht aus dem kleinen Zimmer im Obergeschoss, in dem sie sich eingerichtet haben, herausdringen.
Die Tochter hat Schlafstörungen, ich vermute, sie ist mit der Situation überfordert. So wie auch ich eigentlich überfordert bin, wie ich schon nach einem Tag feststelle.
Nicht überfordert von der körperlichen Arbeit, es ist der psychische Aspekt, der mich anstrengt. Ich spüre die familiären Spannungen, das Nichtausgesprochene, ich nehme das alles auf und würde es am liebsten ausgleichen, das ist mein Programm. Immerhin weiß ich jetzt davon, nur fehlt mir die dafür nötige Kraft.
Aber ich habe der Freundin nun mal mein Versprechen gegeben, also bleibe ich selbstverständlich.
Nach unruhigen Nächten – der Freund der Tochter hat einen chronischen Husten, oft läuft er nachts laut bellend auf unserer Etage herum – bin ich um fünf wach, stehe um sechs auf, bin kurz nach sieben beim Bäcker.
Weil die Tochter nachts nicht schläft, der Fernseher bis zum frühen Morgen flimmert, steht sie erst später auf.
Damit die Freundin morgens nicht im Dunkeln liegen muss – sie war schon immer eine Morgenlerche –, fahre ich die Jalousien hoch, öffne die Fenster zum Lüften. Dann fülle ich die Wasserflasche, bringe frische Gläser, die Sachen zum Zähneputzen, koche Tee, mache ihr ein Knäckebrot mit Butter und Marmelade. Später isst sie noch ein halbes belegtes Brötchen, manchmal auch zwei Hälften.
Außerdem kümmere ich mich um die Wäsche und um das Mittagessen. Allerdings nur um das Essen für die Freundin und mich. Die Tochter isst entweder gar nicht oder sehr einseitig, jedenfalls nichts, was ich zubereite. Dafür schmeckt es der Freundin.
Im Laufe des Vormittags kommt ein Pflegedienst, der wäscht sie, cremt sie ein, wechselt auch die Bettwäsche, und dann kommt noch eine weitere Person, die sich um den Stomabeutel kümmert oder die Platte neu richtet, an der der Beutel befestigt ist.
Wenn ich nicht um das Bett der Freundin herumhüpfe oder kleinere Arbeiten im Haushalt erledige, dann reden wir. Obwohl sie so krank ist, interessiert sie sich immer noch für mein Leben, für das, was mich beschäftigt, auch für mein Schreiben. Sie wünscht sich, dass ich ihr jeden Tag etwas aus einem meiner Texte vorlese. Ich entscheide mich für „Annas Freund“.
Nach zwei weiteren Tagen bin ich auf wundersame Weise zum Nachtdienst eingeteilt. Die Tochter hört nämlich nicht, wenn ihre Mutter nachts klingelt. Im Notfall wäre das fatal.
Ich muss also nicht unbedingt wach sein, ich sollte lediglich die Klingel hören. Dann muss die Freundin zur Toilette gebracht werden, zu der sie jetzt laufen kann, weil der Katheter entfernt wurde. Nur kann sie die Strecke vom Bett im Wohnzimmer bis zum Klo, zehn Meter vielleicht, nicht allein bewältigen.
Es könnte auch passieren, dass sie sich übergeben muss. Manchmal ist ihr nach dem Essen so übel, da hilft dann selbst der Anti-Kotz-Trank nicht mehr.
Obwohl ich schlafen könnte bis zum Weckruf, schlafe ich nicht. Natürlich nicht. Allein das Wissen, dass ich geweckt werde, lässt meine Psyche auf Hochtouren laufen.
Die Freundin klingelt gerade zweimal, trotzdem bin ich am nächsten Vormittag kurz vor dem Durchdrehen. Als ich mit ihr darüber rede, entscheidet sie, nachts den Toilettenstuhl zu benutzen, der neben dem Bett steht. Auf den schafft sie es allein.
Da sie in den letzten Nächten nicht kotzen musste, hoffe ich darauf, dass es so bleibt, solange ich da bin.
Schon nach einer Woche habe ich einen Telefontermin mit Goloka, nach zwei Wochen treffen wir uns in der Hasenheide. Vor lauter Müdigkeit schlafe ich fast auf meinem Stuhl ein.
Aber ich muss mit jemandem über meine ambivalenten Gefühle reden. Über die zunehmende Erschöpfung, von der die anderen nichts merken, über die ich auch nicht rede.
„Kommt dir das bekannt vor? Woran erinnert es dich?“
Ich weiß nicht, warum ich mit seiner Hilfe so schnell auf den Punkt komme. Als würde ich mir allein nicht gestatten, diese Zusammenhänge herzustellen. Als würde ich mir selbst nicht glauben.
Dass ich mir immer wieder Umstände schaffe, die denen in der Laube gleichen und die immer wieder um das eine Thema kreisen.
Hätte ich meine Großeltern verlassen, wären sie gestorben. Hätte ich der Freundin mit den Kindern nicht geholfen, wäre etwas Schlimmes passiert. Nur ich verfüge über Zeit und Möglichkeiten. Ohne mich möchten meine Mitbewohner nicht in der WG leben.
Vielleicht suchen Menschen auch deswegen meine Nähe, rufen mich, weil ich Belastbarkeit ausstrahle und dabei den Eindruck vermittle, dass ich alles wegstecken kann. Vielleicht lasse ich sie glauben, dass es so ist.
Goloka hat recht, wenn er sagt, ich wäre so etwas wie eine Feuerwehr auf zwei Beinen. Ich gehe dahin, wo es brennt, wohin man mich ruft. Man könnte auch sagen, dass ich Aufträge erfülle, denn darauf wurde ich früh abgerichtet.
So habe ich das bisher zwar noch nicht gesehen, aber es stimmt.
Oft sind sogar meine Freunde meine Aufträge. Sie brauchen etwas von mir, ich gebe es ihnen. Oft genügt es, dass sie an meine Verlässlichkeit, meine Verbindlichkeit oder Treue appellieren. Schon mache ich etwas, was ich eigentlich gar nicht machen möchte. Dabei geht es nicht nur um das Hüten der Kinder oder das Kochen von Mahlzeiten.
Nur werden meine eigenen Bedürfnisse dabei nicht erfüllt. Ich halte lediglich aus, funktioniere, verliere mich selbst dabei aus den Augen. Daran ändern auch die durchaus schönen Momente nichts, die ich ja ebenfalls erlebe, wenn ich im Einsatz bin. Aber wie könnte ich meine Bedürfnisse befriedigen? Den Hunger stillen?
Immer wieder dieselbe Frage, auf die es auch immer wieder dieselbe Antwort gibt.
Ich brauche spontane, freiwillige Begegnungen.
Wie oft wir darüber nun schon geredet haben. Nur reden hilft eben nicht, wenn ich nicht in der Lage bin, meine Erkenntnisse umzusetzen.
„Aber wenn ich nur noch das mache, wozu ich spontan Lust habe, dann bin ich bald so allein, wie ich mich in meinen Träumen schon fühle. Dann habe ich irgendwann keine Freunde mehr.“
Darüber hat Goloka sich wahrscheinlich noch keine Gedanken gemacht.
„Dann werden Menschen auftauchen, die dir ähnlich sind.“
So denken die Hindus wohl.
Es gäbe da allerdings noch eine andere Variante, sagt er. Ich könnte nämlich einfach akzeptieren, dass ich diese Feuerwehr bin. Wenn mir bewusst wäre, dass ich mich gerade „im Einsatz“ befinde, wenn ich mir klarmachen könnte, dass ich diese Wahl für einen gewissen Zeitraum selbst getroffen habe, dann könnten und würden sich wahrscheinlich meine diesbezüglichen Gefühle ändern.
Diese Überlegung ist revolutionär, so revolutionär, dass ich mich sofort mit ihr anfreunde.
Auch zukünftig werde ich anderen Menschen helfen wollen. Es wird also immer wieder angenehme und unangenehme Situationen geben.
Mit denen ich aber umgehen kann, wenn ich mir bewusst mache, dass ich mich in einem Einsatz befinde, für den ich mich selbst entschieden habe.