Meine Reise mit Goloka (42) – Aus dem Langzeitprotokoll 2016 – 2018

Die Freunde aus Tauberbischofsheim haben eine Email geschrieben. Wir haben uns ein paar Jahre nicht gesehen, nur ab und zu über WhatsApp Nachrichten ausgetauscht. Nun wollen sie nach Berlin kommen, sieben Menschen insgesamt, eine Art Berlin-Revival-Tour. Und natürlich wäre es schön, wenn ich dabei wäre, denn ich gehöre ja irgendwie dazu, bin ein Teil ihrer Vergangenheit. Alle würden sich freuen, mich zu sehen.

Mir dagegen ist der Gedanke nicht angenehm. Das letzte Treffen in dieser Zusammensetzung ist dreizehn Jahre her. Eine andere Zeit. Andere Geschichten.

Was werden sie sagen? Was denken? Die ist aber alt geworden? Die Mannheimer Freundin hat mir so etwas erzählt. Irgendjemand hätte mich auf einem Foto nicht wiedererkannt. Das könnte mir egal sein. Ist es mir aber nicht.

Im Delphi Lux sehe ich mir mit dem Kreuzberger Freund den Film 3 Tage in Quiberon an. Eine traurige Geschichte über eine einsame Frau. Und das war Romy Schneider, trotz der vielen Menschen, die sie anhimmelten. Im Film wirkt es, als wäre sie erst lebendig geworden, wenn eine Kamera auf sie gerichtet war. Als würde sie sich wie ein Chamäleon den Wünschen anderer anpassen.

Ich bin hin- und hergerissen zwischen starker Abneigung und Mitgefühl und überlege, warum diese Frau solch heftige Gefühle in mir auslöst.

Vielleicht, weil auch ich mich in jungen Jahren Männern angeboten habe, obwohl ich mich eigentlich nach echter Liebe gesehnt habe. Mich tröstet der Gedanke, dass ich erstens älter geworden bin und dass ich mich zweitens in meinem So-Sein langsam akzeptiere.

In der Kneipe, in der wir anschließend sitzen, spielen sie alte Schlager. Der Freund sagt, dass er mich liebt. Als wüsste ich das nicht. Mir wäre es lieber, er würde anders für mich empfinden. Es macht mir Stress, von jemandem geliebt zu werden, den ich nicht ebenfalls liebe. Ein Teil von mir denkt dann gleich, ich müsste etwas tun.

Dabei könnte ich ebenfalls von Liebe reden, nur eben von einer, die keinerlei sexuelle Komponente hat. Woher weiß ich eigentlich, dass seine Liebe auch sexuell ist? Ich habe ihn doch gar nicht zu diesem Thema befragt.

Wir verbringen einen schönen Abend, meine Laune ist wunderbar.

Auf dem Heimweg bleibe ich an der Rehwiese stehen. In dem Haus, das ich so mag, steht vor einem hell erleuchteten Fenster ein Paar, man könnte es in der Dunkelheit für einen Scherenschnitt halten.

Über mir hängt ein dicker Mond. Nachtigallen singen sich an. In der Ferne ein Uhu. Nicht weit von mir zankt eine Krähe mit einer Vehemenz, wie ich das noch nie gehört habe.

Ich spüre wieder einmal diese sprudelnde Quelle in mir oder das Sprudeln, das ich selber bin und das mit allem verbunden ist. Der vollkommene Moment. Wenn ich jetzt sterben müsste, jetzt in diesem Augenblick, ich würde es nicht bedauern.

 

Die Freundin wurde ins künstliche Koma versetzt. Ihre Tochter warnt mich, es sähe nicht gut aus für ihre Mutter.

Wieder fahre ich mit der Fähre über den See. Dort und auch später im Bus chatte ich mit einem Mann vom Online-Portal. Er hatte mir ein nettes Kompliment gemacht, daraus ergab sich ein kurzer Austausch. Als ich schreibe, dass ich auf dem Weg zu einer sehr kranken Freundin bin, ist seine Reaktion so einfühlsam, dass ich fast in Tränen ausbreche.

Auf der Station werde ich freundlich von einem jungen Krankenpfleger in Empfang genommen. Ich muss eine Art zartblauen Umhang anlegen, dazu einen Mundschutz, Handschuhe. Sie sind immer noch vorsichtig wegen des Keimes.

Würde ich gern von Gummihandschuhen berührt werden? Ich ziehe sie gleich wieder aus.

Mit offenem Mund, in dem eine dicke Kanüle steckt, liegt meine Freundin klein und zart in diesem großen Bett. Ein Auge ist halb geöffnet. Ihr Atem ist schwer, das ist mehr ein Rasseln, und obwohl draußen die Sonne scheint, ist hier drinnen alles in ein gnädiges Halbdunkel gehüllt.

Die Situation hat etwas Surreales. Ich weiß nicht, was ich fühle, schon gar nicht, was ich tun soll. Etwas Vergleichbares habe ich noch nicht erlebt.

Nach einer Weile fange ich an zu erzählen, während ich ihre Hand streichle. Ich berichte vom Wetter, von der Bluse, die ich trage und die doch ihre Bluse ist. Ich erinnere sie an unsere Spaziergänge an der Spree und daran, wie wir immer gesungen haben. Darüber haben wir uns ja vor ein paar Wochen erst erinnert. Und dann singe ich noch einmal:

„Schläft ein Lied in allen Dingen …“

Meine Stimme zittert, aber was spielt das für eine Rolle. Vielleicht hört sie mich. Vielleicht fühlt sie sich getröstet.

Als ich beim Abschied „Wir sehen uns“ sage, weiß ich später nicht mehr, wie ich das gemeint habe. Wir sehen uns in ein paar Tagen? Oder wir sehen uns auf der anderen Seite?

Als ich draußen in diesem gleißenden Frühlingslicht stehe, die süßen Düfte atme – alles zeugt hier von Neubeginn, von Leben –, bekomme ich eine Gänsehaut.

Sie wird sterben. Sie geht.

Und ich wünsche mir eine Umarmung, ein pochendes Herz an meinem.

Es ist kein Herz in der Nähe.

Stattdessen schreibe ich diesem Mann, den ich nicht kenne, mit dem ich nur kurz gechattet habe.

Er antwortet schnell, wünscht mir Kraft, er denkt an mich, und wenn ich reden wolle, er würde sich auch mit mir treffen. Jetzt gleich. Doch das möchte ich gar nicht. Ich wollte nur diesen kurzen Moment des Trostes, den er mir mit seiner Reaktion geschenkt hat.

 

„Glückshormon interessiert sich für Sie.“
„Micha hat Sie als Favorit gespeichert.“

Da werden willkürlich Nachrichten verschickt. So locken sie einen auf ihre Seite. Ich schaue mir Männer an, verschicke ein Lächeln, während sie die Freundin auf die Palliativstation verlegen. Ihre Tochter soll entscheiden, ob die künstliche Beatmung abgeschaltet wird. Die Werte haben sich immer weiter verschlechtert.

Wieder fahre ich über den See. Sitze im schönsten Sonnenschein vor dem Gutshaus in Kladow, ärgere mich über die Musik, die hier neuerdings als Dauerberieselung läuft, esse Kuchen, trinke Kaffee.

Eine Stunde später sitze ich am Bett der Freundin. Ich weiß hinterher nicht mehr genau, was ich alles gesagt habe. Von unserer Freundschaft erzähle ich und dass ich so froh bin, ihr begegnet zu sein. Während ich rede, sehe ich uns beide in einer jüngeren Version unserer selbst über eine grüne Wiese ans Meer laufen. Dann sind wir an einem Fjord. Auch davon erzähle ich ihr. Und dass sie nicht länger kämpfen soll, das sage ich auch.

Als ich in der Nacht aufwache – es ist eins –, lese ich auf WhatsApp die Nachricht der Tochter. Sie hat sie kurz nach 22 Uhr geschrieben.

Meine Freundin ist gestorben.

Und dann erlebe ich die merkwürdigsten Stunden der letzten Monate, vielleicht der letzten Jahre. Eine Mischung aus Euphorie, Leichtigkeit, Geborgenheit.

Als würde ich auf einer Welle von Glück schweben, die ich mir nicht erklären kann, der ich mich aber überlasse. Ich weiß nicht, was mit mir passiert, nur dass etwas passiert, und das fühlt sich wunderbar an.

Später erfahre ich, dass die Freundin kurz nachdem ich ihr Zimmer verlassen hatte, gestorben ist. Ich war also die letzte Besucherin, vielleicht auch die Letzte, die sie noch gehört hat.

Und in der Nacht war dann etwas von ihr bei mir?

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