Abends sprenge ich den Garten. Und dann telefoniere ich das erste Mal mit dem Kirchenmann vom Online-Portal.
Er ist Berliner. Im Osten aufgewachsen. DDR-konform, wie er selbst sagt. Kein Widerständler. Sogar in der Partei war er. Wir verabreden ein Treffen in den nächsten Tagen, wollen vorher noch einmal telefonieren.
Wie sich die Zeiten geändert haben. Noch vor zwanzig Jahren wäre das unmöglich gewesen. Nicht mit „so einem“.
Jetzt finde ich Ost-Männer manchmal interessanter als die aus dem Westen. Wahrscheinlich hat das mit meiner eigenen Geschichte zu tun. Seit meiner Beschäftigung mit den Protagonisten der Friedlichen Revolution, seit ich mich mit einigen von ihnen getroffen und anschließend die Porträts für das Fotobuch geschrieben habe, hat sich einiges geändert.
Seitdem bewerte ich mein Leben anders. Ich denke nicht länger, dass ich im falschen Teil Deutschlands geboren wurde. Eher denke ich, ich hätte damals im Osten bleiben, hätte mich engagieren sollen für einen Staat, wie ich ihn mir und wie ihn sich ja viele andere gewünscht haben. Allerdings hätte ich dafür optimistischer und auch mutiger sein müssen.
Egal. Das ist Geschichte.
Jetzt sollte ich lieber überlegen, ob ich mir tatsächlich eine Beziehung mit einem Mann vorstellen kann, der seit vielen Jahren keinen Alkohol trinkt. Wie soll das gehen mit einem trockenen Alkoholiker und jemandem wie mir, die gleich mit Jo und einer Flasche Sekt unter dem Arm und zwei Gläsern zur Rehwiese läuft, weil ich so gern die Venus sehen möchte.
Jo zeigt mir nicht nur die Venus, ich lerne auch Arcturus und den Polarstern zu identifizieren. Als ich auf dem Rückweg vor mich hin stolpere – der Pfad ist dunkel, wir haben den Sekt ausgetrunken –, bin ich mal wieder mit allem einverstanden. Mit meinem Leben, mit den Menschen darin, es fehlt nichts.
Kann man glücklicher sein mit einem Partner? Ist diese Nähe, die ich mit Jo habe und die nicht auf Erwartungen beruht, nicht wertvoller? Ich muss nicht nach Hause und das Bett mit ihm teilen. Ich kann ganz entspannt ich sein.
Diese Frische am Morgen. Die tut mir gut. Heute Nacht ein dicker Mond mit Hof.
Gestern Abend habe ich schon wieder mit dem Kirchenmann telefoniert, der abends gern von seinem Tag erzählt. Das höre ich mir auch an. Aber worüber spricht er sonst? Er geht ins Sportstudio und zu den Anonymen Alkoholikern. Ab und zu trifft er seine Familie. Für Freundschaften hat er keine Zeit. Für eine Partnerin würde er sich Zeit nehmen.
Woraus speisen sich Gespräche? Aus Wünschen, Erfahrungen, Erlebtem. Man kann sich sein ganzes Leben erzählen. Damit ist man eine Weile beschäftigt. Und wenn man damit fertig ist? Was kommt dann?
Ich muss doch gar nicht überlegen. Ich versuche mir durch Nachdenken auf die Schliche zu kommen. Aber das klappt nicht.
Was will ich? Was könnte mir an diesem Mann gefallen? Die schöne Wohnung mit großer Terrasse mitten in Berlin? Die Fotos, die er mir geschickt hat, sind durchaus beeindruckend.
Nach dem ersten Treffen weiß ich ein wenig mehr. Ich mag seine Zugewandtheit. Seine Aufmerksamkeit. Die Art, wie er mich ansieht. Ich könnte ihn auch so ansehen. Er ist ja durchaus attraktiv.
Hier zwitschern die kleinen Vögel. An der Unterseite der Blätter suchen sie nach Nahrung. Eine solche Hitze schon im Mai, ich frage mich, wie ich das im Sommer aushalten soll, wenn es noch wärmer wird. Sind das schon die Folgen des Klimawandels? Es herrscht akute Waldbrandgefahr.
Während ich mit dem Moppedfahrer auf dem Darß bin – unsere fünftägige Zweisamkeit ungetrübt trotz meiner Offenbarung, dass ich mich mit jemandem getroffen habe, der mir gefällt –, erreichen mich täglich Nachrichten und Fotos von dem Kirchenmann, der gerade ein paar Tage Urlaub im Norden Berlins macht.
Je mehr Abstand ich habe, umso mehr denke ich: Nein, das wird doch nichts mit uns.
Was wünsche ich mir denn von einem Mann? Gute Gespräche. Etwas Wärme. Zärtlichkeit und Zuneigung. Ein wenig erotisches Knistern. Ich weiß nicht, ob ich es bei ihm bekomme.
Gute Gespräche führe ich mit dem Moppedfahrer. Wir reden über seine Familie, über Beziehungen im Allgemeinen, darüber, was er von einer Beziehung erwartet. Auch über das, was wir tatsächlich in materiellen Dingen im Leben brauchen, tauschen wir uns aus.
Viel ist es in meinem Fall nicht. Ein Bett. Ein Stuhl. Ein Schreibtisch. Laptop. Ein paar Bücher. Viel weniger auf alle Fälle, als ich tatsächlich besitze. Bei ihm sieht es etwas anders aus. Er ist Sammler. Sein Haus ist voll mit nützlichen und weniger nützlichen Dingen.
In seiner Lektüre – diesmal hat er ein Buch von Uwe Timm dabei – finde ich Auszüge eines Gedichts von T. S. Eliot. The Waste Land. Es scheint aus den Seiten heraus zu mir zu sprechen.
Who is the third who walks always beside you?
When I count, there are only you and I together
But when I look ahead up the white road
There is always another one walking beside you
Gliding wrapt in a brown mantle, hooded
I do not know whether a man or a woman
— But who is that on the other side of you?
Nicht immer verstehe ich sofort, warum mich bestimmte Zeilen oder Worte anrühren, warum sie mir Gänsehaut bescheren.
Vielleicht wünsche ich mir, es würde immer jemand an meiner Seite laufen. Ein Beschützer. Einer, der unsichtbar ist, den manche Menschen aber sehen können.
Gott läuft nicht neben einem.
Ach nein?
Wieder zu Hause denke ich häufig an den Kirchenmann. Stelle mir seine wohlgeformten Oberarme um meinen Körper geschlungen vor, seine angenehme Stimme an meinem Ohr. Und das alles ohne einen einzigen Tropfen Alkohol? Wenn wir uns näher kennengelernt haben, wird es kein Problem sein. Aber wie soll es im völlig nüchternen Zustand zu einer ersten sexuellen Begegnung kommen?
Er sagt, er wäre im Urlaub ganz bei sich gewesen, hätte dort Dankbarkeit und Demut empfunden, weil alles gut ist, wie es ist. Während ich gerade wieder einmal auf dem Darß gespürt habe, dass es tief in mir diese Wunde gibt. Sie ist da. Mit Schorf und allem, aber sie bricht immer wieder auf. Dafür genügt eine Notiz von meinem Stiefvater auf meiner Webseite. Und wie war Muttis Geburtstag? Ich hatte den Geburtstag vergessen. Das erste Mal in all den Jahren. Und er schreibt mir so etwas.
Nicht etwa eine SMS: Du, deine Mutter würde sich freuen. Oder etwas Ähnliches. Nein, er muss das öffentlich machen.
Ich habe versucht, dem Moppedfahrer die Gründe für meinen Ärger zu erklären. Am Ende weinte ich mal wieder.
„Aber du leidest doch darunter.“
Ich leide darunter, dass ich mich immer wieder rechtfertigen muss. Wir glauben doch insgeheim, dass wir unsere Eltern lieben müssen, egal, wie sie sich uns gegenüber verhalten haben. Erwachsen ist man erst dann, wenn man seinen Frieden mit den Eltern gemacht hat. Menschen, die das nicht können, scheinen in ihren kindlichen Bedürfnissen gefangen zu sein, und das ist weder für die Eltern noch für sie selbst gut.
In einem solchen Fall scheint es schwer zu sein, sich in die Gefühlswelt eines anderen Menschen zu versetzen. Da ist dann Schluss mit Empathie. Und ich versage an dieser Stelle mit meinen Erklärungen, wodurch ich in Stress gerate. Dann muss ich weinen. Was natürlich auch nicht einfach zu verstehen ist.
Die meisten Menschen setzen Tränen mit Schmerz oder Trauer gleich. Dass eine aus Stress weint – woher sollen sie es wissen? Weil zumindest ich es ihnen immer wieder sage. Darum.
In Bezug auf den Kirchenmann bin ich vielleicht zu freizügig mit dem, was ich in Gesprächen von mir, von meiner Vergangenheit preisgebe. Aber ich will mich öffnen, will mich ihm zeigen. Als hätte ich bereits eine Entscheidung getroffen, was uns beide angeht. Auf ihn könnte ich mich einlassen. Könnte ich mich vielleicht einlassen. Könnte ich vielleicht.
Seine Stimme gefällt mir. Sein Humor. Seine Reflektiertheit, die ich auf die Gruppenerfahrung bei den Anonymen Alkoholikern zurückführe.
Wir treffen uns zu einem Spaziergang. Alle paar Meter bleibt er stehen, weil er etwas erklärt. Das ist nicht meine Art des Laufens, ich muss mich ständig bremsen. Besser wird es, als wir auf einer Bank Pause machen. Später fragt er mich, wie mir der Spaziergang gefallen hat. Ich sage die Wahrheit, sage, dass ich mich zumindest nicht schlecht gefühlt habe, und das wäre doch schon mal was. Aber genügt das? Da gibt es ja noch das Körperliche, das in einer zukünftigen Beziehung nicht ausgeklammert werden sollte.
Der Moppedfahrer hatte mich am Meer gefragt, warum ich nicht zufrieden sein kann mit dem, was ich habe. Mit einem zuverlässigen Freund wie ihm also, mit dem es leicht ist. Mit dem ich nicht nur über Bücher und Filme reden kann, sondern auch darüber, wie wir Probleme lösen, was uns im Innersten beschäftigt, was uns drückt oder freut, was wir aus Erlebtem gelernt haben, wie wir mit Verlusten umgehen. Mit Jo, der mir witzige Mails schreibt. Mit dem Kreuzberger Freund, der mich intellektuell fordert, der meine Künstlerseele anspricht. Den Taxifahrer nicht zu vergessen. Da käme ja einiges an Mann zusammen.
Warum genügt mir das nicht? Weil ich einen Körper habe. Weil ich mich noch nach einer anderen Nähe sehne.