Meine Reise mit Goloka (50) – Aus dem Langzeitprotokoll 2016 – 2018

Dann wird es immer heißer. Zweiunddreißig Grad im Schatten, tagsüber ist es in unserer kleinen Wohnung kaum auszuhalten. Mein Körper wird schwer und träge. Ich fühle mich nicht lieblos, dafür sehr lustlos.

Mich ärgern die Blicke, mit denen mein Freund mich anschaut. Ich kann sie nicht deuten. Ich vermute allerdings, dass er mir gern näher käme, während ich mit dem Abstand zufrieden bin.

Diese alles überlagernde Hitze wirkt sich negativ auf unser Zusammensein aus. Wir sind beide empfindlich, reagieren gekränkt auf harmlose Neckereien, am letzten Tag freue ich mich auf Berlin.

Wo es noch heißer wird. Sechsunddreißig Grad im Schatten. Wie gut, dass ich keiner geregelten Arbeit nachgehen muss, dass ich nur am Wochenende ein paar Stunden in der Praxis erwartet werde. Ich versuche, so früh wie möglich dort zu erscheinen, aber selbst mit Einsatz eines Ventilators wird es nicht kühler als dreißig Grad.

Wenn das eine Kostprobe für die Sommer der nächsten Jahre ist, dann muss ich wohl auswandern. Am besten in den Norden. Finnland. Schweden. Norwegen.

Bei meinem Freund in der Stadt ist es etwas kühler, ein klarer Vorteil. Als ich ihn das nächste Mal besuche, massiert er mich. Das macht er gern, wenn er Rentner ist und mehr Zeit hat, will er sogar eine Ausbildung machen.

Mein Körper wird zu meiner eigenen Verwunderung auf einmal ganz weich und nachgiebig. Ich kann mich hingeben. Ihm. Meiner Lust. Ich weiß nicht, ob ich schon jemals so hofiert wurde. Meine Schönheit, meine Zärtlichkeit, meine Vulva – alles scheint nur da zu sein, um von ihm gesehen und gepriesen zu werden.

Leider entgeht mir nicht, dass ich lediglich die Empfangende bin, nicht die, die selber Lust beschert. Zärtliches Streicheln, das gibt es schon. Mehr aber nicht. Er beschwert sich nicht.

Zu Hause überlege ich in den Nächten, in denen ich nicht schlafen kann, wer als Nächstes in die WG einzieht, wenn der Spanier auszieht. Und ob die Eigentümerin die Kloschüssel bezahlt. Eines Nachts gipfeln diese Phasen ohne Schlaf in einer Krise. Alles erscheint mir falsch. Ich bin am falschen Ort, mit den falschen Menschen zusammen. Da stimmt doch nichts.

Wie will ich leben? Am liebsten allein mit Jo, meinetwegen noch mit der Spanierin. Alle anderen nehme ich lediglich billigend in Kauf. Aber allein könnte ich mir das niemals leisten.

Wo soll ich hin? Jetzt, wo ich einen Freund habe, bin ich nicht mehr frei. Wer denkt das? Und warum?

Vom Balkon fällt das morsche Holz herab. Die Vögel benutzen die Tränke nicht.

Zwei Tage später verbringe ich das Wochenende mit meinem Freund in der WG. Ich bereite einen leichten Salat für uns, danach legen wir uns in das kühle Wohnzimmer. Er versucht zu schlafen, ich habe das Fernsehgerät eingeschaltet. Wie er da neben mir in seinem süßen Höschen liegt. Seine Schenkel. Seine Arme. Seine Worte. Da mag ich ihn doch sehr.

Er erzählt mir wieder ein wenig von seiner Zeit als Alkoholiker. Es ist ihm so viel Schmerzliches passiert, und trotzdem ist aus ihm ein beeindruckender Mensch geworden.

Ich erinnere mich noch, wie ich mich anfangs gesträubt habe, wenn er mir Kosenamen gegeben hat. Jetzt kann ich es annehmen, wenn er seufzend „meine süße Schnecke, komm her, schön, dass du da bist“ sagt.

Mit seiner gleichbleibenden Zuwendung kommt er mir Schritt für Schritt näher.

Auch mit seiner Ehrlichkeit, mit der Art, wie er auf sich selbst blickt, sich auch über sich selbst lustig macht.

„Wir fallen morgen übereinander her, ja?“, sagt er eine Woche später, als wir abends bei ihm auf der Terrasse liegen. Ich stelle mir sofort eine Szene in einem Film vor.

Ein älteres Paar, vielleicht sind sie schon länger zusammen, vielleicht haben sie sich gerade erst kennengelernt, liegt abends an einem Pool. Wo er nach zärtlichem Geplänkel müde diesen Satz sagt. Und sie, die unter dem Bademantel nackt ist, öffnet ein wenig die Beine.

„Du könntest dir aber jetzt schon ein wenig Appetit holen.“

In der Realität dauert es keine zehn Minuten, bis wir sehr unbequem auf der Erde liegen, weil wir vor lauter Aufregung und Erregung von der Liege gefallen sind, auf die wir uns zu zweit gequetscht hatten. Darüber müssen wir so sehr lachen, wir bekommen kaum noch Luft.

 

Mein Hals tut weh, die Ohren ebenso. An Schlaf ist schon wieder nicht zu denken.

Eine Spanierin – warum eigentlich immer Spanier – hat auf Spotahome mein Zimmer entdeckt, das sie vor zwei Jahren ebenfalls fotografiert haben. Damals wollte ich ja ein Jahr lang reisen. Sie möchte es ab Mitte September für drei Monate mieten. Vielleicht wäre das die Lösung, jedenfalls dachte ich das vor ein paar Stunden noch. Ich stelle mein Zimmer zur Verfügung und ziehe selber ins Gästezimmer.

Dann gibt es keine weiteren Probleme mit der Eigentümerin, dann haben wir ab September alle Zimmer neu vermietet. Ich könnte sogar etwas Geld sparen. Bin ich nicht sowieso oft in der Stadt? Deswegen habe ich die Anfrage bestätigt.

Aber nun liege ich wach und zermartere mir den Kopf. In meinem Magen ein dicker Knoten. Will ich wirklich zwischen Berlin Mitte und Nikolassee pendeln? Ich weiß doch, wie schnell ich mich bedrängt fühle. Zumal ich sowieso gerade so wenig empfinde.

Vielleicht ein Nebeneffekt dieser Jahrhunderthitze, die mich lähmt und anstrengt. Oder die Tatsache, dass er ständig an mir herumfummelt, mich an die Brust fasst, an den Hintern, mir beim Küssen immer gleich ein Stück Zunge in den Mund steckt.

Ich hasse das alles. Aber er ist so glücklich, weil er bei mir sein kann, wie er ist. Er fasst nun mal gerne an. Außerdem findet er, dass er sich doch schon sehr gebessert hätte, seitdem ich mein Missfallen ausgedrückt hatte.

Nach dieser Nacht, die wieder einmal alle Ängste mobilisiert und mich an den Rand meiner Gefühlswelt bringt, storniere ich am Morgen meine Zusage bei Spotahome. Ich kann mein Zimmer nicht aufgeben. Es ist der einzige Ort, der mir hier in diesem Haus neben dem Garten etwas bedeutet.

Diese kleine Episode kostet mich hundertvierzig Euro, denn natürlich habe ich im Kleingedruckten nicht gelesen, dass bei kurzfristigen Stornierungen durch den Vermieter saftige Gebühren fällig werden.

Egal. Es ist nur Geld.

Bevor Goloka kommt, schreibe ich in das weiße Buch, in dem ich wichtige Erkenntnisse oder Überlegungen unserer Gespräche festhalte, dass ich das Gefühl habe, ich würde schneller auf den Punkt kommen. Eine Nacht gegrübelt, Problem erkannt, Problem beseitigt. Ist das nicht ein Fortschritt? Und auch wenn es mit dem Freund nichts wird, blicke ich zuversichtlich in die Zukunft.

Jo ist wieder da. Ich habe ihm gefehlt, sagt er. Hat er mir gefehlt? Ich weiß es nicht. Zumindest ist es schön, ihn wieder im Haus zu haben. Mir ist jetzt auch am Tage komisch. Was habe ich da nur angefangen?

Jeden Morgen schickt mein Freund kleine Nachrichten über WhatsApp. Eigentlich mag ich das nicht. Ist das wirklich richtig mit uns? Wenn ja, warum fühle ich dann nichts?

„Du bist nicht euphorisch? Das ist doch gut. Dann ist es mal anders, als du das kennst.“

Goloka hat gut reden. Er steckt nicht in meinem Kopf, nicht in meinem Körper. Er spürt nicht am eigenen Leib, wie sehr mir das alles zusetzt, wie es mich quält.

Doch dann bin ich zweieinhalb Tage in der Stadt, werde lecker bekocht, bekomme eine einstündige Massage, und schon ist alles wieder gut.

Ich bin gierig, befriedige mich an und auf ihm liegend.

„Du Vamp“, sagt er zu mir. Und dass dies jedem Mann gefallen würde. Was soll ich sonst auch tun? Ich habe Lust und versuche, sie irgendwie zu befriedigen.

„Fühlst du dich benutzt?“

Er grinst.

„Nein. Gebraucht.“

Nun, Humor hat er jedenfalls.

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