Annas Angst – Mittwoch (3)

Da ich vor Hunger schon Magenschmerzen habe, ziehe ich es vor, in der Küche abzuwarten, bis das Schauspiel vorbei ist. Jetzt ist Hans also schon ihr lieber Freund. Bisher war Hans in erster Linie mein Freund. Für Marlene war er der Freund ihrer besten Freundin. Offensichtlich haben sich neue Sympathien entwickelt, von denen ich nichts mitbekommen habe. Nun sind die beiden also Freunde. Wie schön.

Während ich mir wahllos ein paar Sachen vom Buffet auf meinen Teller packe, höre ich, wie Hans sich für die Einladung bedankt und etwas über die vierzig Jahre sagt, die man Marlene nicht ansehen würde. Dann kommt etwas über Marlenes schwierige Kindheit und was für ein wunderbarer Mensch sie trotzdem geworden ist. Wer hat ihm das alles erzählt? Er preist ihren Humor, ihre Offenheit und Großzügigkeit. Ein kleines Gedicht hat er auch für sie geschrieben. Mir ist nicht klar, warum er sich bei Marlene so einschmeichelt.

Jemand klatscht sehr langsam. Als ich mich umdrehe, sehe ich Patrick. Er sitzt am Fenster am Tisch, er war schon die ganze Zeit da. Neben sich hat er eine halbvolle Flasche Rotwein und einen Teller mit verschiedenen Salaten stehen. “Du willst dir das Theater wohl auch nicht ansehen?” Sein Grinsen wirkt nicht mehr ganz so triumphierend.

Eigentlich habe ich keine Lust, mich mit ihm zu unterhalten. Aber ich habe Hunger und einen anderen Platz gibt es nicht. Gegen ein Glas Rotwein habe ich auch nichts einzuwenden. Patrick steht auf und schließt die Tür.

“Ich kann diesen Typen nicht einmal mehr hören. Ich bekomme Ohrenschmerzen von seinem Gesäusel.”

Mir fällt auf, dass er beim Gehen schwankt. Er schenkt sich noch einmal sein Glas voll, bevor er sich setzt.

Marlene ist eine sehr gute Köchin. Die meisten Speisen hat sie wahrscheinlich selbst zubereitet. Die kleinen Buletten sind köstlich. Und der Kartoffelsalat ohne Mayonnaise ist genial. Ich nehme noch etwas Thunfischsalat und probiere die verschiedenen italienischen Vorspeisen. Ganz besonders liebe ich Marlenes Spezialrezept. Gedünstete Zucchini mit Möhren.

Patrick steht noch einmal auf, nimmt ein Glas aus dem Regal und schenkt mir großzügig ein Glas Rotwein ein. “Sehr gesprächig bist du nicht. Aber ich weiß, du kannst mich nicht leiden. Du glaubst, ich wäre nicht gut genug für Marlene. Wahrscheinlich bist du der Meinung, sie müsste so einen Mann wie Hans haben, oder irre ich mich?“ Er sieht mich ehrlich interessiert an, aber da ich den Mund voll habe, will er nicht warten, bis ich fertig bin mit Kauen. „Ihr Frauen seid wirklich komisch. Lasst euch von den alten Säcken beeindrucken. Und das nur, weil die so gut labern können. Wenn sie dann noch einen Namen haben, merkt ihr nicht einmal, wie ihr verarscht werdet.”

Ich bedauere, dass Marlenes Wohnung so klein ist. Aber da mein Mund inzwischen leer ist, kann ich wenigstens meine Meinung sagen. “Ich habe keine Ahnung, wovon du redest. Und ich weiß auch gar nicht, warum du dich hier im Selbstmitleid suhlst. Warst du nicht derjenige, der sich von Marlene getrennt hat?”

“Du hast wirklich überhaupt keine Ahnung. Ich liebe Marlene. Sie kann nämlich eine wundervolle Frau sein. Wenn sie will. Aber sie mag es offensichtlich, wenn einer sie voll quatscht und so unheimlich intelligente Gespräche mit ihr führt. Und du? Du tust einfach so, als würdest du nichts mitbekommen.” Er sieht jetzt aus, als würde er sich vor mir ekeln. Mit seinem rechten Arm wedelt er in meine Richtung und stößt dabei sein Glas um. Der Rotwein spritzt bis auf meine Bluse.

“Und du bist ein Idiot.” Ich bin wütend. Patrick ist mir schon im nüchternen Zustand unsympathisch, betrunken ist er geradezu unausstehlich.

Auf dem Weg ins Bad, wo ich versuchen werde, die Flecken aus der Bluse zu waschen, werfe ich einen Blick ins Wohnzimmer. Um Marlene und Hans haben sich applaudierende Gäste geschart. Marlene sieht sehr stolz aus. Irgendwie zufrieden. Hans küsst sie wie beiläufig auf die Wange, dann streift sein Mund ihr Ohr. In diesem Augenblick blickt Marlene zufällig in meine Richtung. Ihre Augen werden größer und offenbaren jene Art von Schrecken, den ich von mir selbst kenne, wenn ich mich bei einer Lüge ertappt fühle oder ein schlechtes Gewissen habe.

Patrick hat vollkommen Recht. Ich habe nicht nur keine Ahnung, ich bin eine komplette Idiotin. Natürlich weiß ich nicht genau, was sich zwischen Hans und Marlene abspielt, aber irgendetwas ist passiert. Und ich bin mir plötzlich sicher, dieses Etwas hat nicht erst vor einer halben Stunde angefangen.

Als ich zurück in die Küche komme, ist Patrick gerade dabei, sich aus einer neuen Flasche ein Glas Rotwein einzuschenken, während er mit einem Lappen in der anderen Hand auf dem Tisch herum wischt. Dann sieht er mich und beginnt, sich wortreich für sein Ungeschick zu entschuldigen. Aber das interessiert mich nicht. “Seit wann weißt du es?” Ich muss mich zusammenreißen. Sonst packe ich ihn am Kragen, und was ich dann mit ihm anstelle, wird mir spontan einfallen. Er hat schon wieder dieses blöde Grinsen im Gesicht.

“Ich weiß gar nichts. Aber ich bin ja nicht blöd. Wie dein Macker immer um Marlene herumscharwenzelt und flötet und zirpt. Das ist mir schon eine ganze Weile gewaltig auf den Sack gegangen. Gestern Abend wollte ich noch einmal mit Marlene sprechen. Wir hatten uns am Telefon beinahe vertragen. Und wer ist schon da? Bei ihr? Herr Ihlenfeld. Angeblich, um über dich zu sprechen. Der liebe Hans macht sich Sorgen, und die gute Marlene natürlich auch. Was wohl in letzter Zeit mit dir los ist und so. Die wollten mich verarschen. Marlene sah total zerzaust aus. So richtig rosig und süß. So sieht sie immer aus, wenn wir gevögelt haben. Hans hatte keine Strümpfe an. Angeblich war ihm so warm. Ich bin heute nur hergekommen, um zu sehen, wie weit die beiden das Spiel treiben. Und weil ich sehen wollte, ob du auch endlich was kapierst.”

Ich kann Patrick keine weiteren Fragen stellen. In der Küche wird es langsam voll. Die kleine Ansprache hat die Gäste hungrig gemacht. Auch Hans kommt herein geschlendert. Sofort wird er von verschiedenen Seiten für seine klugen und auch so passenden Worte gelobt. Und dann noch dieses wunderbare Gedicht.

„Machst du so etwas öfter?“

„Na hör mal, das ist Hans Ihlenfeld. Hast du noch nie von ihm gehört? Er ist Dichter.“ Die Frau im roten Kleid hat hektische Flecken im Gesicht. Hans winkt ab und kommt strahlend auf mich zu. “Du wolltest mit mir reden? Jetzt wäre doch ein guter Moment. Ich hoffe, es ist nichts Ernstes? Wollen wir auf den Balkon gehen?”

Ich hole aus und schlage ihm ins Gesicht. “Du Schwein! Hättest du nicht wenigstens die Finger von meiner Freundin lassen können?”

Die anderen hören auf zu reden und zu essen und sehen mich an, als wäre ich plötzlich verrückt geworden. Ich muss so schnell wie möglich aus dieser Wohnung. Ich fühle mich so gedemütigt. Dabei wollte ich mich doch von ihm trennen. Weil ich ihn gar nicht liebe. Und nun diese Überraschung. Bevor ich aus der Küche renne, fällt mir noch etwas ein. “War das eben ein Gedicht, das du selber geschrieben hast, oder ist es eins von denen, die du Eva gestohlen hast?”

Dieser verbale Schlag trifft Hans weit mehr als der ins Gesicht. Ich könnte zufrieden sein. Stattdessen schäme ich mich im gleichen Augenblick. Ich hasse solche Szenen.

Jemand hat Marlene geholt, die mich am Arm festhält und am Gehen hindern will. “Lass uns doch vernünftig reden. Liebe kann man doch nicht einsperren. Hans liebt dich. Und ich liebe dich auch. Wir beide empfinden so viel für dich. Kannst du denn nicht fühlen, wie viel du uns bedeutest?”

Ihr fällt noch etwas ein. Ein Trumpf. “Und hast du mir nicht vorgestern erst gesagt, du wolltest dich von ihm trennen? Was machst du denn jetzt für ein Theater?”

Ich kann mich losreißen. Das hat mir gerade noch gefehlt, dieses “Wir lieben dich doch beide” Gesäusel.

“Und weil ich mich vielleicht von ihm trennen wollte, hattest du nichts Eiligeres zu tun, als ihn in dein Bett zu bitten? Hast du nicht vorhin noch gesagt, ich wäre deine beste Freundin?”

Ich renne die Treppen hinunter bis zur Bülowstraße, wo ich völlig außer Atem einem Taxi winke. Beim Anschnallen kommen mir die Tränen. Jetzt habe ich wirklich alles verloren. Meine Eltern, den Geliebten und die Freundin. Der Taxifahrer blickt interessiert in den Rückspiegel. “Alles in Ordnung sonst?” Als ich wortlos nicke, reicht er mir ein Taschentuch nach hinten.

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