Annas Angst – Donnerstag (6)

Vermutlich habe ich schon wieder einen roten Kopf. Ich fühle mich ertappt, gerade habe ich überlegt, ob er wohl eine Freundin hat. Da ich jedoch nicht länger bei diesem Thema verweilen möchte, versuche ich, das Gespräch auf anderes Terrain zu lenken.

“Du hast bei unserer ersten Begegnung erzählt, dass du 1948 mit deinen Eltern und deinem Bruder nach Berlin gekommen bist. Warum zieht jemand freiwillig von New York in eine zerstörte Stadt? Ihr müsst einen Schock bekommen haben.

Während ich spreche, versuche ich mich an die Bilder zu erinnern, die ich auf alten Fotos gesehen habe. Mir fallen die Kinder ein, die zwischen Ruinen von zerbombten Häusern und Bunkern spielten. Damals hatten die Menschen gehungert und gefroren. Es gab kaum Lebensmittel und Brennmaterial.

„Wie hast du den Umzug verkraftet? Habt ihr in Berlin traditionell jüdisch gelebt? Ich habe gar keine Ahnung, wie man sich überhaupt als Jude in Deutschland fühlt.”

Gabriel lächelt. Offensichtlich sind meine eigenen Phantasien dunkler als seine Erinnerungen.

“Als wir im Frühjahr 1948 nach Berlin kamen, hat man meinen Eltern die unterste Etage einer alten Villa in der Nähe des Wannsees zugewiesen. In den ersten Jahren arbeiteten beide als Ärzte in einem Krankenhaus, Mitte der fünfziger Jahre eröffneten sie eine eigene psychologische Praxis. Ich habe nur wenig Erinnerungen an die ersten Jahre. Ich war damals noch viel zu klein. Wir hatten eine Zugehfrau, die in Ost-Berlin lebte. Maria war Kindermädchen, Haushaltshilfe, Köchin und Vertraute in einem. Wir Kinder waren verrückt nach ihr. Alle anderen hatten großen Respekt. Ich glaube, mein Vater hatte sogar ein wenig Angst, weil sie ein wenig sonderbar war. Sie dagegen hatte vor nichts und niemandem Angst. Sie kommandierte meine Eltern ganz schön herum. Ständig brabbelte sie unverständliches Zeug und schimpfte. Nur nicht mit uns Kindern. Wir konnten mit ihr machen, was wir wollten. Sie trug mich oft auf dem Rücken durch die Gegend, weil ich beschlossen hatte, dass sie mein Pferd war.

Das einzig jüdische an unserem Leben war der Freitagabend. Wir hatten oft Gäste, mein Vater segnete die Sabbat-Brote. Aber du erinnerst dich, meine Mutter ist keine Jüdin. Ich bin offiziell gar kein richtiger Jude. Bei uns wurde Weihnachten und Ostern gefeiert, alles ganz normal, wie in anderen Familien auch. Ich begann erst später, mich für jüdisches Brauchtum und Traditionen zu interessieren. Da war ich schon über dreißig.

Ich glaube, wir haben in diesen frühen Jahren sehr privilegiert gelebt, zumindest kann ich mich nicht daran erinnern, dass wir einmal nichts zu essen gehabt hätten. Wir bekamen Pakete von den Eltern meiner Mutter aus Amerika. Und frieren mussten wir auch nicht. Während der Blockade half Maria uns. Sie schmuggelte Nahrungsmittel aus dem Ostteil in den Westen.”

Wie zur Bestätigung nickt Gabriel ein paar Mal mit dem Kopf. “Die Maria, das war eine wunderbare Frau. Warm und weich war es, wenn sie mich an ihren Busen drückte. Dabei roch sie so gut nach Veilchen. Für uns war sie wie eine Mutter. Du weißt wahrscheinlich, dass es streng verboten war, Nahrungsmittel, egal welcher Art, in den Westen zu bringen?”

Ich zucke mit den Schultern. “Wenn ich es recht bedenke, dann weiß ich nur sehr wenig von früher. Über viele Dinge musste ich nachlesen. In meiner Familie gab es keine großen Erzähler. Meine Großeltern waren der Meinung, die Vergangenheit ist vorüber, wozu also noch darüber reden. Ich hatte ja nicht einmal gewusst, dass sie während des Krieges Juden versteckt hatten.”

Gabriel streichelt meine Hand. Ich habe den Eindruck, er will mich etwas aufheitern. “Soll ich dir erzählen, wie Maria es geschafft hat, zu Weihnachten eine Gans zu besorgen? Das war eine der Lieblingsgeschichten meines Vaters. Er hat sie viele Male erzählt.”

Gabriel lehnt sich zurück und wartet auf meine Antwort. Ich nicke.

“Während der Blockade war der Westteil der Stadt abgeriegelt. Aber das weißt du sicher selbst. Überall wurde kontrolliert. In den S-Bahnen, auf Zufahrtsstraßen und an besonderen Übergängen sowieso. Maria wohnte in Pankow. Eines Abends kam sie mit einer größeren Tasche zur Kontrollstelle. Wir waren zwar mit Maria fünf Personen, aber zwei davon Kinder, wir aßen keine großen Portionen. Also brauchten wir auch keine große Gans. Maria ging mit ihrer Tasche am Arm energisch auf einen der Posten zu und wünschte sehr resolut und bestimmt, den Kommandeur zu sprechen. Der Posten war etwas unentschlossen, brachte sie dann aber doch zu dem Häuschen, in dem sein Chef saß und ließ sie mit ihm allein. Der Kommandeur, vielleicht war er auch ein Leutnant oder ein Zollbeamter, fragte Maria in strengem Ton, was sie zu ihm geführt hätte. Maria sah ihn treuherzig an, sie war eine sehr gute Schauspielerin. “Ist es eigentlich erlaubt, eine Gans mit in den Westen zu nehmen?”

Der Mann musste sie für etwas beschränkt gehalten haben.

“Gute Frau, das ist natürlich verboten.” Und dann hielt er ihr eine kleine Predigt, die damit endete, dass man die Feinde des Sozialismus auf keinen Fall unterstützen dürfe. Maria machte einen kleinen Knicks. “Recht haben sie. Und ich danke auch sehr, dass sie mir das so schön erklärt haben. Nie und nimmer werde ich die Feinde der Sozialisten unterstützen.” Mit diesen Worten verließ sie den Raum. Der Posten, der sie aus dem Häuschen kommen sah, kontrollierte Maria dann nicht mehr. Wieso sollte er das auch tun, sie hatte mit dem Chef persönlich gesprochen. Und wir hatten unsere Weihnachtsgans.”

Gabriel lächelt mich fröhlich an. “Du siehst, ich hatte eine normale Kindheit. Im Sommer ging mein Bruder mit mir im Wannsee schwimmen, im Winter rodelten wir auf einem alten Schlitten, den Maria für uns besorgt hatte.”

“Wahrscheinlich bist du ein positiver Mensch und erinnerst dich lieber an die guten Zeiten und nicht an die schlechten.”

Während Gabriel über meine Behauptung nachdenkt, studiere ich noch einmal die Karte. Er beobachtet mich schon wieder.

“Du bist eine schöne Frau. Aber das werden dir schon viele Männer gesagt haben. Das ist es auch nicht allein, was ich an dir so faszinierend finde. Während ich hier sitze und erzähle, möchte ich dich schon die ganze Zeit berühren.”

Ich will etwas sagen, aber er redet schon weiter. “Ich wundere mich selbst, das kannst du mir glauben. Normalerweise bin ich eher schüchtern, ganz bestimmt keiner, der gleich am ersten Abend auf eine Frau losgeht. Zu dir jedoch fühlte ich mich schon am Dienstag auf unerklärliche Weise hingezogen.”

Ich bin gerührt. Wie kommt er auf die Idee, dass mir schon viele Männer gesagt haben, ich wäre eine schöne Frau? Ich bin eine für den zweiten Blick, das weiß ich schon lange. Als junges Mädchen habe ich darunter gelitten. Mir sahen nur selten Männer hinterher oder pfiffen nach mir. In der Diskothek wartete ich oft vergeblich darauf, von einem Jungen aufgefordert zu werden. Damals war es nicht üblich, allein auf die Tanzfläche zu gehen. Auch später hatte mich nie ein Mann um meiner Schönheit willen angesprochen. Einmal hatte ich gehört, wie Armin mit einem anderen Gast in der Kneipe über mich redete. “Die Anna, die ist nicht schön, die ist interessant.”

Ich habe ihn trotzdem geheiratet.

“Bist du jetzt sauer auf mich?” Gabriel sieht mich etwas unsicher an.

“Wie kommst du denn darauf? Ich bin etwas verlegen, weil du gesagt hast, ich wäre schön. Du irrst dich nämlich. Ich glaube, du bist der erste, der mich schön findet. Attraktiv, also das gab es schon. Aber schön?”

Gabriel schüttelt verständnislos den Kopf. “Mit was für Typen hattest du es denn bisher zu tun? Waren die blind?” Er beugt sich etwas näher zu mir. “Du hast wunderbare große braune Augen, in denen kleine goldene Punkte tanzen. Wenn ich dich noch länger ansehe, werde ich ganz bestimmt in ihnen versinken.”

Dann lehnt er sich wieder zurück. “An deinem Gesicht ist nichts Glattes, keine Fassade. Es ist wie eine Landschaft, die viele Geschichten erzählen kann. Du hast gelacht und geweint, gelebt eben. Das kann man sehen, und das ist für mich wirkliche Schönheit.”

Bevor er weiter redet, überlegt er einen kurzen Moment. “Ich finde nicht nur dein Gesicht schön. Du hast auch eine tolle Figur. Du bist groß, sehr weiblich, hast du tolle Beine.”

“Jetzt reicht es aber.” Langsam wird es mir unangenehm. Ich habe bereits vor einigen Sekunden einen Entschluss gefasst und signalisiere der Kellnerin, dass ich zahlen möchte.

Gabriel sieht mich fragend an. Wahrscheinlich überlegt er, was er Falsches gesagt hat. Warum will ich sonst so abrupt aufbrechen? Ich möchte ihn noch einen Augenblick im Unklaren lassen. “Diesmal lade ich dich ein.”

Dann stehe ich auf und ziehe mir langsam meine Jacke an. Ist das wirklich klug, was ich vorhabe? Als die Kellnerin mit der Rechnung kommt, drücke ich ihr fünfzehn Mark in die Hand und gehe schnell zum Ausgang. Gabriel, der sich ebenfalls angezogen hat, folgt mir.

Draußen drehe ich mich zu ihm um. “Ich kann nicht mit zu dir kommen. Ich muss dem Kater etwas zu fressen geben, der dreht sonst durch. Aber wenn du magst, kannst du mit zu mir kommen.” Mir fällt noch etwas ein. “Ich kann morgen nicht mit dir frühstücken. Ich bin bereits eingeladen.”

Mit diesem Ausgang scheint Gabriel nicht gerechnet zu haben. Er ist verblüfft. Und ich bin plötzlich sehr aufgeregt. Es ist schon einige Jahre her, dass ich einen Mann so spontan in mein Bett eingeladen habe. Ich bin nicht vorbereitet. Ich habe schreckliche Unterwäsche an. Der Gummi von dem verwaschenen Höschen ist ausgeleiert, der BH hat nur noch einen Bügel, bestimmt ist er schmuddelig. Die Baumwollstrumpfhose unter meiner Hose hat Laufmaschen. Soll ich mein Angebot nicht besser widerrufen? Aber da sitze ich bereits bei Gabriel auf dem Beifahrersitz und erkläre ihm, wie er fahren muss.

Er will etwas sagen, ich lege ihm jedoch meinen Finger auf den Mund. Wir schweigen. Ich überlege angestrengt, wie ich ihm den Anblick meiner desolaten Unterbekleidung ersparen kann. Großmutter würde sich ins Fäustchen lachen. Das hast du nun davon. Oben hui, unten pfui. Recht hat sie.

 

Während ich den Kater füttere, sieht Gabriel sich ein wenig um. Am besten gefällt es ihm in der Veranda. Bevor ich zu ihm gehe, stöpsle ich das Telefon aus. Ich will weder Marlene noch Hans die Möglichkeit geben, etwas auf meinem Anrufbeantworter zu hinterlassen. Vor meiner Reise möchte ich von beiden nichts mehr hören.

Gabriel steht als dunkler Schatten vor dem Verandafenster und blickt hinaus in die Nacht. Ich lege meine Hände auf seine Schultern und meinen Kopf an seinen Rücken. “Ich habe schreckliche Unterwäsche an, und wahrscheinlich rieche ich aus dem Mund. Ich gehe kurz unter die Dusche, putze mir die Zähne, ziehe meinen Pyjama an und gehe nach oben in mein Bett. Komm einfach nach, wenn du möchtest.”

Gabriel hat mir anscheinend nicht zugehört. Er zeigt nach draußen. “Schau dir diesen Mond an. Hast du schon einmal solchen Hof gesehen? Wie der leuchtet. Und die Farben. Bei so viel Schönheit werde ich ganz still. Ich vergesse alles.”

Er zieht mich neben sich und legt den Arm um meine Schulter. So stehen wir lange. Bewegungslos. Schweigend. Irgendwann streichelt er meinen Oberarm. Ich rühre mich nicht vom Fleck. Er streichelt den Hals, die Ohren, den Kopf. Bewegt sich selber kaum. Ich versuche, weiterhin entspannt neben ihm zu stehen. Nur zu genießen. Es gelingt mir nicht. Ich will ihn fühlen. Seine Schultern und Oberarme sind kräftig und muskulös, der Hintern klein und fest, der Bauch hart und rund. Er reibt seine stoppligen Wangen an meinem Gesicht, küsst meinen Hals, zieht meinen Pullover von der einen oder anderen Schulter, küsst sie. Nähert sich den Ansätzen meiner Brüste, bleibt dort nicht. Zurück zum Hals, zu den Ohren. Als der Orgasmus kommt, schlinge ich mein rechtes Bein um seinen Oberschenkel, halte mich an seiner Schulter fest. Das ist mir lange nicht passiert. Aber ich habe im letzten Jahr selten mit Hans geschlafen. Es hat mir immer weniger Spaß gemacht.

Hans hält sich für einen begnadeten Liebhaber. Da mit ihm oder dank ihm noch alle Frauen einen Orgasmus bekommen haben, ist er nicht bereit, etwas an seinem Standardrepertoire zu verändern. Zuerst untersucht er mit seiner fleischigen Zunge meinem Mund, danach einige Minuten ziellos meine Möse, um im Anschluss an dieses wunderbare Vorspiel nach wenigen kurzen Stößen, die er mit kleinen, in mein Ohr geflüsterten Obszönitäten untermalt, erschöpft und zufrieden auf mir zusammenzusacken. Auf Beschwerden hatte er prompt mit Erektionsschwierigkeiten reagiert. Mich hatte er der Zügellosigkeit beschuldigt. “Nur zu. Such dir einen jungen Ficker. Das ist es doch, was du willst.” Ich habe mich oft gewundert, warum ein Mann, der als Dichter durchaus Qualitäten hat, im Zorn so einfallslos ist. Da ist der Dichter auch nicht besser als andere Männer.

Gabriel hält mich noch eine Weile in seinen Armen, streichelt meinen Rücken. Meine Knie zittern, am liebsten würde ich mich auf den Fußboden legen. Er hat meine Gedanken erraten. “Jetzt können wir in dein Schlafzimmer gehen.”

Ein wenig unsicher gehe ich vor ihm die Treppe hinauf und lasse mich mit einem Seufzer auf mein Bett fallen. Wir haben beide immer noch alle unsere Sachen an. Während ich erschöpft auf dem Bett liege, zieht Gabriel sich langsam aus. Es macht Spaß, ihn dabei zu beobachten. Obwohl auch er nicht mehr jung ist, sein Körper Dellen und Falten hat, bewegt er sich so selbstverständlich, als wäre er in seinem Körper zu Hause. Seine Unterhose ist ebenfalls nicht das neueste Modell. Im Gegensatz zu mir scheint ihm dieses Detail jedoch nicht peinlich zu sein. Und wegen seines Bauchs scheint er sich auch nicht zu schämen.

Ich will mich für die Lust revanchieren. Er hat andere Pläne. Langsam und sehr bedächtig fängt er an, mich zu entkleiden. Er widmet sich mit großer Freude jedem einzelnen Zentimeter meines Körpers – den Zehen genauso wie den Fingerspitzen.

Als Gabriel später neben mir liegt, mein Kopf dicht neben seiner Schulter, bin ich erschöpft aber zufrieden. “Das war wunderbar. Ich fühle mich so leicht und schwerelos.” Ich höre nicht mehr, ob er mir antwortet.

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