Die israelische Maschine hat man in die hinterste und dunkelste Ecke des Flughafens verbannt. Das Einchecken hat bereits begonnen. Allerdings geht es nur sehr langsam voran. Ich habe den Eindruck, dass alle sehr sorgsam und gründlich kontrolliert werden.
Vor mir in der Schlange steht eine blonde junge Frau mit zwei großen Reisetaschen. Sie ist etwas zu stark geschminkt für meinen Geschmack. Durch das Make-up kann man von ihrem Gesicht nichts erkennen. Dabei vermute ich, dass sie ohne diese Maske ganz nett anzusehen wäre. Sie wirkt sichtlich nervös und kaut an ihren Fingernägeln.
“Die kontrollieren mich jedes Mal, als wäre ich eine Top-Spionin. Das ist reine Schikane. Mal sehen, ob ich mich dieses Mal auch wieder ausziehen muss.”
“Oh, das tut mir leid”, ist alles, was ich dazu sagen kann. Wahrscheinlich übertreibt sie und will sich ein wenig wichtigmachen. Wieso sollte man ausgerechnet mir ihr solche Umstände machen? Sie ist doch offensichtlich eine harmlose, na gut, etwas aufgedonnerte, junge Frau. Trotzdem scheint sie zu merken, dass ich ihr nicht so recht glaube. “Mein Freund ist Palästinenser. Das gefällt den Leuten hier nicht. Die Israelis scheinen zu glauben, dass ich ihm Waffen mitbringe oder so etwas. Als ob man hier etwas schmuggeln könnte. Aber Sie werden schon sehen.”
Mir tun inzwischen schon die Füße weh vom Stehen. Die junge Frau wird von zwei energischen Damen in dunkelblauen Kostümen, von denen ich vermute, dass es Israelis sind, beiseite genommen, ich habe keine Zeit, sie weiter zu beobachten. Ich habe jetzt meinen eigenen Sicherheitsbeauftragten. Allerdings weiß ich nicht, ob das die richtige Bezeichnung für den höflichen jungen Mann ist, der zwar mit einem Akzent, aber sehr gut deutsch spricht.
“Ist das Ihr Gepäck?” Ich nicke. “Haben Sie es selbst gepackt?” Ich nicke wieder. “Waren Sie, seitdem Sie es gepackt haben, die ganze Zeit mit Ihrem Gepäck zusammen?” Ich könnte einen Scherz machen und sagen, dass ich sogar in einem Bett mit meinem Gepäck geschlafen habe, aber ich befürchte, dass er keinen Spaß versteht. Also nicke ich nur. “Hat Ihnen irgendjemand etwas gegeben, das sie mit nach Israel nehmen sollen?” Ich schüttle den Kopf. “Haben Sie, seitdem Sie hier sind, Ihr Gepäck immer sehen können?” Wieder nicke ich. “Zeigen Sie mir ihren Pass, bitte.”
Er studiert meinen Reisepass. “Wohin in Israel reisen Sie?” “Nach Jerusalem.” Er sieht mich spöttisch an. “Und wie kommen Sie dorthin?” Ich verstehe nicht ganz, was er meint.
“Wie werden Sie vom Flughafen nach Jerusalem kommen?”
“Ich werde in der Stadt in einem Hotel wohnen. Im American Colony. Ein Auto des Hotels wird in Tel Aviv am Flughafen sein.”
“Und wie werden Sie die Leute vom Hotel erkennen?”
Ich habe mir darüber noch keine Gedanken gemacht. “Ich nehme an, jemand wird ein Schild mit meinem Namen hochhalten oder so. Zumindest habe ich so etwas schon im Film gesehen.”
Die Antwort gefällt dem jungen Mann gar nicht. “Sie reisen also nach Israel und wissen nicht, wer Sie auf dem Flughafen erwarten wird?”
“Ich weiß nicht den Namen und ob es ein Mann oder eine Frau ist. Das ist schon richtig. Aber man hat mir im Reisebüro gesagt, jemand vom Hotel würde mich am Flughafen abholen.”
Eine junge Sicherheitsbeamtin kommt auf mich zu und bittet mich, meine Tasche vollständig auszupacken und alle Sachen in dafür vorgesehene Körbe zu tun. Gemeinsam mit einer zweiten Frau untersucht sie jedes Teil einzeln, bevor sie es zurück in den Korb legt und zum Durchleuchten bringt. Meine Kosmetiktasche wird in einen extra Raum untersucht. Ich sehe, wie ein Mann sie wegträgt.
“Was wollen Sie in Israel?”
Diese Frage habe ich schon früher erwartet. Wahrscheinlich wäre es klug, wenn ich ihm nicht erzähle, dass ich meinen Vater suche. Erstens geht ihn das nichts an, und zweitens kann ich nicht ermessen, welche Folgen dieses Eingeständnis eventuell für mich oder sogar für Simon hat.
“Ich habe viel über Israel und Jerusalem gelesen. Deswegen möchte ich mir selbst ein Bild machen. Die heiligen Stätten besuchen. Via Dolorosa, Grabeskirche, Klagemauer. So was halt.”
Er schüttelt den Kopf, als wunderte er sich. “Und wieso reisen Sie allein? Wo ist Ihr Mann?”
Ach du lieber Gott. Wieso soll ich mit einem Mann reisen.
“Ich habe keinen Mann.”
Das scheint mich noch verdächtiger zu machen. Eine Frau in meinem Alter und ohne Mann?
“Sie hätten mit einer Freundin reisen können.”
Soll ich eingestehen, dass ich auch keine Freundin habe? Wahrscheinlich wird man mich dann verhaften.
“Meine Freundin hatte keine Zeit. Außerdem mag ihr Mann es nicht, wenn sie ohne ihn verreist.”
Das scheint der junge Israeli zu verstehen. Trotzdem bittet er mich, meine Schuhe auszuziehen. Man wird sie durchleuchten. Beim Durchleuchten der Schuhe treffe ich die junge blonde Frau, deren Schuhe ebenfalls fotografiert werden. Sie blickt mich missmutig an, was ich inzwischen besser verstehen kann. “Sie reisen allein. Das ist denen auch verdächtig.”
Dann dürfen wir die Schuhe wieder anziehen, unsere Taschen werden gebracht und wir können alles wieder einräumen. Ich habe schlechte Laune. Ich kann es nicht leiden, wenn ich warten muss. Das muss etwas mit meiner DDR-Vergangenheit zu tun haben. Dieses ewige Stehen in irgendeiner Schlange, manchmal wusste man nicht einmal, wonach man anstand. Da war eine Schlange, also musste es etwas geben, das man selber oder wenigstens ein Freund oder ein Nachbar brauchen konnte.
Einerseits verstehe ich die besonderen Sicherheitsvorkehrungen, andererseits kann ich nicht erkennen, wieso ein allein reisender Mensch auffälliger sein soll als Paare. Wenn ich eine Terroristin wäre, wüsste ich das doch bestimmt und würde demzufolge in der Gesellschaft eines Mannes reisen.
Dem Sicherheitsbeamten ist inzwischen eingefallen, dass er meinen Rucksack noch nicht genauer inspiziert hat. Also räume ich ihn leer und lasse den jungen Mann Bücher und Notizbücher begutachten.
“Sie lesen ein Buch über Jerusalem.”
Anhand seines Tonfalls kann ich nicht erkennen, ob es sich dabei um eine Frage oder um eine Feststellung handelt. “Ja, es ist ein sehr gutes Buch.”
Ich hoffe, dass er es noch nicht gelesen hat und mir keine Fragen stellt. “Sie kennen Angelika Schrobsdorff doch sicher, oder?”
Er schüttelt den Kopf. “Ich habe den Namen noch nie gehört.”
Ich überlege, ob ich ihn in eine Diskussion darüber verwickeln soll, wie eigenartig ich es finde, dass er noch nie von einer Frau gehört hat, die seit mehr als zwanzig Jahren in Israel lebt und die über Israel schreibt. Später wundere ich mich nicht mehr. Kaum jemand, den ich in Jerusalem frage, kennt sie oder hat ihre Bücher gelesen.
“Sie ist eine Deutsche?”
Ich nicke.
“Sie ist eine Deutsche und schreibt über Israel?”
Ich habe das Gefühl, dass ihm das nicht gefällt. Ich habe allerdings keine Zeit, ihm zu erklären, dass Angelika Schrobsdorff eine deutsche Jüdin ist, die den Holocaust überlebte, weil sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in Bulgarien Unterschlupf gefunden hatte. Und die sich in Israel zu Hause fühlt, nicht in Deutschland. Der junge Mann drängt plötzlich zur Eile.
Ich packe meinen Rucksack und werde mit der blonden jungen Frau direkt in das Flugzeug gebracht. Wir sind die beiden letzten. Allein die Gründlichkeit unserer Kontrolle hat die Abflugzeit um eine Stunde verzögert. Jetzt hat man es eilig. Unser restliches Gepäck wurde in den Frachtraum gebracht, endlich können wir starten.
Als man uns Nachkömmlinge hereinbringt, sehen uns einige Menschen mitleidig, andere feindselig an. Wegen uns sitzen sie seit einer Stunde fest. Ich finde, sie sollten froh sein. Zumindest können sie jetzt sicher sein, dass wir keine Waffen an Bord geschmuggelt haben.
Ich habe meinen Platz drei Reihen hinter dem der blonden jungen Frau. Ich sitze am Gang. Sie hat einen Fensterplatz. Also keine Flugphobie. Mein Gott, ich habe Angst vor dem Fliegen. Wie habe ich das nur so lange ausblenden können?
Als die Maschine zur Startbahn rollt, beginnt mein Körper zu zittern. Bestimmt kann mein Nachbar meine Knochen klappern hören. Der ist jedoch damit beschäftigt, sehr interessiert aus dem Fenster zu schauen. Der Lärm der Motoren wird lauter, wir werden schneller, und dann – dann heben wir ab. Wir sind in der Luft. Ich sitze tatsächlich in einem Flugzeug und fliege.
Zumindest der Start ist glatt verlaufen. Soweit ich das beurteilen kann. Ich habe gelesen, die meisten Unfälle geschehen beim Starten oder Landen. Die erste Hürde habe ich also genommen. Langsam hört das Zittern auf, und ich beruhige mich wieder. War das bei früheren Flügen anders? Hatte ich da die ganze Zeit über Angst gehabt?
Der Druck auf den Ohren ist ungewöhnlich stark, und ich halte mir die Nase zu, um einen Ausgleich herzustellen.
“Reisen Sie das erste Mal nach Israel?” Mein Nachbar dreht sich mit dem Oberkörper zu mir.
Er ist noch jung, ich schätze ihn auf Ende zwanzig. Er trägt ein weißes Hemd mit einer Weste und eine braune Stoffhose. Auf dem Kopf eine Kippa. An seinem Akzent kann ich hören, dass deutsch nicht seine Muttersprache ist. Allerdings spricht er es fehlerfrei.
“Ja, das ist das erste Mal.”
“Reisen Sie mit einer Gruppe?”
“Nein, ich reise allein. Ich habe eine Woche in einem Hotel in Jerusalem gebucht.”
“In welchem Hotel?”
“Im American Colony.”
Er schnalzt anerkennend. “Das ist ein sehr gutes, aber auch sehr teures Hotel. Wie kommen Sie nach Jerusalem?”
“Jemand vom Hotel wird mich abholen.”
Er holt schon Luft für eine neue Frage, doch ich finde, es ist an der Zeit, das Spiel umzudrehen. Ich bin dran. “Und Sie? Waren sie in Deutschland zu Besuch?”
Ich habe den Eindruck, dass er an diesem Thema nicht sehr interessiert ist.
“Ich habe meine Eltern in Hamburg besucht. Sie haben ein Geschäft und importieren Glas und Geschenkartikel aus Israel. Ich soll das Geschäft übernehmen. Allerdings finde ich Hamburg viel zu kalt. Und meine Arbeit liebe ich auch.”
Er lacht. “Wo ist Ihr Mann? Lässt er Sie einfach so allein reisen?”
Wenn das so weitergeht, werde ich mir zukünftig etwas ausdenken. Vielleicht könnte ich meinen Mann sterben lassen. Dann hätte ich meine Ruhe. Vorerst werde ich jedoch bei der Wahrheit bleiben. “Ich bin nicht verheiratet. Ich habe keinen Mann.”
Er lässt nicht locker. “Aber einen Freund werden Sie doch haben?”
Ist dieses Interesse an nicht vorhandener männlicher Begleitung nun typisch für israelische Männer oder hat es einen anderen Grund, dass er dieselben Fragen wie der Sicherheitsbeamte stellt.
“Ich habe auch keinen Freund.”
Wenn er mit mir flirten will, dann könnte er an dieser Stelle etwas wie “Aber eine Frau wie Sie” sagen. Sagt er aber nicht.
“Sie hätten mit einer Freundin reisen können.”
Jetzt reicht es mir. “Ich hatte keine Lust mit einer Freundin zu reisen. Ich schätze am Reisen vor allem eins. Meine Ruhe.”
Und dann nehme ich mein Buch von Frau Schrobsdorff heraus und beginne zu lesen. Besser gesagt, ich versuche zu lesen. Denn eigentlich ärgere ich mich über die Fragen meines Nachbarn. Vielleicht leide ich unter Paranoia, aber ich bin plötzlich davon überzeugt, dass man einen zweiten Sicherheitsbeamten in das Flugzeug geschleust hat, um die Auskünfte, die ich auf dem Flughafen gegeben habe, zu überprüfen. Andererseits – wieso sollte man mich für eine gefährliche Person halten?