Annas Angst – Sonntag (1)

Ich öffne die Augen und schließe sie gleich wieder. Ein Sonnenstrahl hat sich durch einen winzigen Spalt im Vorhang geschlängelt und auf meine Nase gesetzt. Für einen Augenblick weiß ich nicht, wo ich bin. Der Kater ist nicht vom Bett gesprungen, ich kann ihn auch nirgendwo miauen hören. Dann fällt es mir ein: Ich bin in Jerusalem, habe mit meinem Vater telefoniert und bin am Abend mit ihm zum Essen verabredet. Essen. Mein Magen knurrt. Die letzte Mahlzeit hatte ich im Flugzeug.

Eine halbe Stunde später sitze ich mit einer Handvoll anderer Gäste im Restaurant und schwelge schon wieder im Luxus. Gestärkte, weiße Leinentischdecken, Servietten aus Stoff, am Buffet ist nicht nur die Käseauswahl beeindruckend. Ich brauche zehn Minuten, um mir die Namen durchzulesen, die jemand mit schwarzer Tinte auf kleine Schildchen geschrieben und neben die einzelnen Sorten gestellt hat. Voller Ehrfurcht stehe ich vor exotischen Obstsorten, die ein guter Mensch in fantasievolle Formen geschnitzt hat.

Was würden wohl die Menschen in den palästinensischen Flüchtlingslagern empfinden, wenn sie diesen Überfluss sehen könnten? Diese Frage, die niemand gestellt hat, verleidet mir den Luxus für ein paar Minuten. Genau so habe ich mir vor vielen Jahren meinen ersten Besuch im KaDeWe verdorben. Damals wäre ich am Eingang beinahe über einen Bettler gestolpert. Ein Angestellter des Kaufhauses hatte ihn dann verscheucht. Ich war nicht die Einzige, die den Mann gesehen hatte. Ich vermute, dass sich die Menschen später trotzdem mit ruhigem Gewissen ein paar hundert Gramm Gänseleberpastete oder Kaviar einpacken ließen. Und gewiss dachten sie dabei nicht an die Menschen, die in Afrika oder anderen Teilen der Welt im selben Augenblick verhungerten.

Damals hatte ich mir vorgenommen, etwas gegen diese Ungerechtigkeit zu unternehmen. Ein bisschen komisch war mir dabei schon. Ich war im Goldenen Westen angekommen. Sollte ich mich nicht lieber still verhalten? Immerhin hatte ich etwas geschafft, das vielen anderen verwehrt blieb. In den Goldenen Westen, da wollen sie alle hin. Das hatte Großmutter oft gesagt. Sie hatte aber auch gesagt, es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Ich hatte angefangen, mich um Obdachlose zu kümmern, um Kinder, die von zu Hause weggelaufen waren. Ich hatte gegen Atomkraft und die Stationierung von Mittelstreckenraketen demonstriert, Petitionen und Listen unterschrieben. Aber ich hatte die Welt nicht verändert. Stattdessen hatte ich mich in ihr eingerichtet. Manchmal schäme ich mich dafür. Dann tröstet mich der Gedanke, dass ich Bücher verkaufe. Es gibt Menschen, die nach der Lektüre eines Buches ihr Leben ändern. Und wenn sie nicht ihr Leben ändern, dann wählen sie vielleicht eine andere Partei. Oder sagen dem Chef endlich die Meinung. Ich kenne eine Frau, die hat ihren Mann nach der Lektüre eines Buches von Marylin French verlassen. Möglich, dass sie es später bereut hat.

Es wäre jedenfalls keine Hilfe für die palästinensischen Flüchtlinge, wenn ich das Büfett boykottieren würde. Nach der ersten Runde lege ich eine kleine Pause ein. Ich lasse mir an der Rezeption einen Stadtplan geben und darauf unseren Standort zeigen. Wenn ich in die Altstadt will, muss ich immer der Straße folgen, die direkt am Hotel entlangführt. Dann bin ich in wenigen Minuten am Damaskus-Tor.

Auf meinem Tisch wartet bereits ein sauberer Teller auf mich. Der nächste Gang fällt etwas kleiner aus. Zuletzt bestelle ich mir einen dritten Cappuccino und genieße das leise Stimmengewirr.

Der Raum hat sich in der Zwischenzeit gefüllt, ich höre englische, französische und italienische Wortfetzen. Am Nachbartisch sitzt ein Ehepaar in meinem Alter, dem Akzent nach Amerikaner. Sie ist kurz vor dem Überschnappen. How nice, great, beautyful. Die ganze Arie. Ich kann mich nicht über die gekünstelt wirkende Begeisterung aufregen. Sie hat Recht. Es ist great, ohne Frage. Etwas wehmütig nehme ich Abschied vom Büfett und tröste mich mit der Erkenntnis, dass ich noch sechs Mal Frühstück vor mir habe.

Im Garten empfängt mich eine angenehme Wärme, im Restaurant ist es für meinen Geschmack zu kalt. Ich setze mich für einige Minuten an eine Palme und strecke mein Gesicht der Sonne entgegen. Ich schließe die Augen. Nicht weit von mir höre ich das gleichmäßige Plätschern eines Springbrunnens. Vögel machen Krach. Es riecht völlig anders als in Berlin. Autoabgase mischen sich mit dem Duft von Bougainvilleen und Tagetes, trockener Erde und Zitronen. Auch das ist Glück.

Wie konnte ich mich nur freiwillig um all das bringen? Wieso habe ich darauf verzichtet, in fremden Ländern Sonne und Wind zu spüren und unbekannte Düfte zu atmen?

Mit Hans habe ich oft über das Thema Reisen gestritten. Ich erinnere mich an die Argumente, die ich damals vorgebracht habe, und die heute weder klug noch logisch erscheinen.

Ich hatte die These vertreten, die Mehrheit der Menschen würde aus einem einzigen Grund reisen: Sie wollen später damit angeben. Wer reist schon der Erfahrung wegen? Man möchte andere mit der eigenen Weltgewandtheit beeindrucken. Es würden viel weniger Menschen reisen, wenn man ihnen verbieten würde, anschließend darüber zu reden. Fotos und Filme zeigen wäre natürlich ein ebenso großes Tabu. Und dann? Wenn es niemanden interessiert, dass man schon in der Karibik, in Australien, in Bali war und dieses Jahr in Butan wandern wird? Wenn es niemand erfahren würde? Das wäre doch schrecklich, dann könnte man ja auch nach Buxtehude fahren oder gleich zu Hause bleiben.

Mir ist es leichtgefallen, das Reisen aufzugeben. Ich habe mir eingeredet, dass ich die wichtigen Länder schon gesehen habe. In den ersten zehn Jahren im Westen bin ich um die halbe Welt gereist.

Nachdem ich mit Armin einige Zeit in Frankreich gelebt habe, bin ich zwar nach Berlin zurück gegangen und habe dort angefangen, Psychologie zu studieren. Aber die Semesterferien habe ich in Indien, Thailand, Südafrika, Süd-Amerika oder quer durch Europa fahrend verbracht. Auch nach dem Studium, als ich mich mit unterschiedlichen Jobs über Wasser gehalten habe, gönnte ich mir jedes Jahr eine längere Reise. Das Geld habe ich mir mühsam zusammengespart. Manchmal habe ich mich wochenlang von Margarinebroten und Äpfeln ernährt. Geschadet hat es mir nicht. Eine unbestimmte Sehnsucht, die ich mir selbst nicht erklären konnte, hatte mich immer wieder an unbekannte Orte getrieben. Oder zu neuen Männern.

Oft hatte ich überlegt, ob ich nicht bleiben und ein neues Leben anfangen sollte. Mir erschien jeder andere Fleck auf der Welt oder jeder neue Mann für eine Weile interessanter als das, was ich kannte.

Dann wurde ich sesshaft. Ich übernahm Waldemars Laden und mietete später das kleine Häuschen. Für diese Sicherheiten habe ich das Autofahren und das Reisen aufgegeben. Und ich hatte mir einen Mann gesucht, für den ich mich immer wieder neu entscheiden wollte. Zur gleichen Zeit hatten die Panikanfälle zugenommen, ich war mit schöner Regelmäßigkeit nachts in Krankenhäusern gelandet.

Erschrocken reiße ich die Augen auf. Mir sind diese Parallelen vorher noch nie aufgefallen. Man sagt wohl nicht umsonst, dass Menschen, die den Tod fürchten, eigentlich Angst vor dem Leben haben. Davor, dass sie es in falscher Weise gelebt haben.

Obwohl mein Leben nach außen hin ruhiger geworden ist, haben die Panikzustände zugenommen. Irgendetwas muss während der letzten Jahre schiefgelaufen sein. Hätte ich mich etwa weiter von meiner Sehnsucht treiben lassen sollen? Einer Sehnsucht, von der ich nicht einmal weiß, was ihr Ziel war? Es war doch nur logisch gewesen, dass ich Waldemars Laden übernommen habe. Ich liebe Bücher. Wer hätte es sonst tun sollen? Der Laden ist meine Heimat. Er ist der einzige Ort, zu dem ich immer wieder zurückkehre.

Meinen Platz unter der Palme muss ich verlassen. Die Sonne brennt mir sonst ein Loch in den Schädel.

Nachdem ich mir ein dünnes T-Shirt und den altmodischen Rock angezogen habe, bin ich bereit für meinen ersten Ausflug. Es wird auch langsam Zeit, es ist fast Mittag.

Hinter dem Damaskus-Tor empfängt mich lautes Stimmengewirr und das bunte Treiben eines orientalischen Basars. Eine Kakophonie von Klängen mischt sich mit Bildern von wild gestikulierenden Menschen und einer Vielzahl von Düften, die, obwohl exotisch, nicht nur angenehm sind. Händler, die auf Kundschaft warten, trinken Tee oder Kaffee und versuchen, die vorübergehenden Menschen in ihren Laden zu locken. Ein junger Araber, der Gewürze verkauft, sieht mich auffordernd grinsend an. Als ich fast an ihm vorbei bin, ruft er mir “Schöne Titten” hinterher. Dann sieht er mein verblüfftes Gesicht und fängt laut an zu lachen. Steht mir auf der Stirn geschrieben, dass ich aus Deutschland komme?

Als ich einer Gruppe von arabischen Männern ausweichen will, löst sich einer der Männer aus der Gruppe und kommt auf mich zu. “Madame, darf ich sie zu einem Tee einladen? Mein Laden ist gleich hier.” Er zeigt auf einen Eingang, in dem indische Baumwollblusen hängen. Ich schüttle, wie ich hoffe ausreichend entschieden, den Kopf. Das letzte Mal, dass ich einer derartigen Aufforderung folgte, war in Marrakesch. Ich hatte nach langem, und wie ich glaubte, erfolgreichem Handeln für 40 Mark einen silbernen Armreif erstanden. Denselben Armreif hatte ich einen Tag später für 8 Mark auf einem billigen Straßenmarkt gesehen.

Der Händler ignoriert mein Kopfschütteln. “Wissen Sie nicht, dass es in unserem Land eine große Beleidigung für mich ist, wenn Sie meine Einladung ausschlagen? Habe ich Ihnen etwa ein unmoralisches Angebot gemacht? Ich bitte Sie nur, mit mir einen Tee zu trinken. Kennt man in Deutschland keine Gastfreundschaft?”

Ich möchte nicht unhöflich erscheinen. “Woher wissen Sie überhaupt, dass ich aus Deutschland komme? Und wie kommt es, dass Sie so gut deutsch sprechen?”

Ich habe einen entscheidenden Fehler gemacht. Ich hätte ohne ein Wort unbeirrt weitergehen müssen. Jetzt ist es zu spät. Der Mann hält mir die Tür zu seinem Laden auf, und ich gehe widerspruchslos hinein.

“Deutsche Frauen erkennt man an ihren Gesundheitssandalen. Bequem, aber hässlich.”

Das ist ja großartig. An ihren Schuhen sollt ihr sie erkennen!

Der Mann stellt sich als Riad vor und holt aus dem hinteren Teil des Ladens eine kleine Kanne, aus der er mir einen sehr starken, schwarzen und süßen Kaffee einschenkt, der nach Kardamom schmeckt. Während ich langsam trinke, sehe ich mich ein wenig um. Das Innere des Ladens ist dunkel, es riecht nach Patschuli. Riad verkauft nicht nur indische Blusen, sondern auch Djerballas, die es in allen Farben und Materialien gibt, und die so dicht nebeneinander hängen, dass man von den Wänden dahinter nichts erkennen kann.

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