Meine liebe Nanette! Dein Brief hat mich ein wenig beunruhigt. Deswegen schreibe ich sofort. Du hast eine Depression, das werden sie Dir in diesem Krankenhaus wohl gesagt haben, oder etwa nicht? Glaube mir, mit Depressionen kenne ich mich aus Manchmal wird es bei Frauen besonders schlimm, wenn sie in die Wechseljahre kommen. Dann wollen Dinge ans Tageslicht, die sie bisher verdrängt haben. Bei mir war es auch so.
Aber bestimmte Sachen lassen sich nicht verdrängen. Als ich in Deinem Alter war, hatte ich eine besonders schreckliche Phase. Kurt haben sie damals gesagt, daß er mit mir verreisen soll. Er hat sofort die Kanarischen Inseln gebucht, es war das Einzige, das noch zu haben war. Er dachte, er tut mir etwas Gutes. Aber ich habe die ganze Zeit nur am Strand gesessen und geweint. So etwas wünsche niemanden. Früher haben sie das noch anders behandelt. Vier verschiedene Tabletten mußte ich nehmen. Sogar Valium war dabei. Aber ich hätte alles gemacht, wenn sie mir versprochen hätten, daß es mir danach besser ginge.
Sie haben gesagt, ich müßte das Zeug bis an mein Lebensende schlucken. Aber da kannten die mich schlecht. Kurz nach meinem 60sten Geburtstag habe ich die Tabletten abgesetzt. Der Ärztin habe ich damals einen Brief geschrieben. Sie sollte nicht denken, ich hätte mich von ihr abgewendet. Seitdem lebe ich damit. Die Depressionen kommen, sie gehen auch wieder. Nie sind sie wieder so schlimm wie damals geworden. Jetzt, wo ich eine alte Frau bin, 84 immerhin, da werde ich die letzten paar Jahre auch noch aushalten. Bist du im Wechsel?
Nanette, Du mußt herausfinden, ob der Andy Dein Vater ist. Das beschäftigt Dich doch schon Dein ganzes Leben lang. Es war verkehrt, daß meine Mutter mit Dir darüber geredet hatte, als Du noch ein Kind warst. Es war verkehrt, daß der Bubi später selber davon angefangen hat. Sie alle haben falsch gehandelt, sie hätten ihren Mund halten sollen. Nun ist es zu spät, und wenn Du mir nicht diesen Brief geschrieben hättest, dann würde ich Dich nicht drängen. Du kannst mich jederzeit anrufen, wenn es Dir schlecht geht. Das weißt Du hoffentlich.
Deine Ernie
Wie sich das anhört. Bist du im Wechsel? Ja. Ich bin im Wechsel. Etwas wechselt in meinem Inneren. Ich habe aufgehört zu bluten, dafür möchte ich morgens zwischen drei und fünf aus dem Fenster springen. Mein Körper verweigert das ordnungsgemäße Funktionieren, er streikt, Bandscheiben fallen irgendwohin, es gibt kaum eine Stelle, die nicht schmerzt.
Die Seele schmerzt am meisten, aber man braucht ein gutes Gespür, um dieses Diffuse als Schmerz zu identifizieren. Wenn ich eine Blume sehe, sage ich: wie schön, eine Blume. Ich weiß, wie man sich benimmt. Ich behaupte, mich über die Blume zu freuen. Ich kenne mich kaum anders.
Nur eben morgens, da ist es besonders schlimm. Dann würde ich am liebsten das Fenster öffnen, einen Fuß auf das Fensterbrett, das andere Bein über die Brüstung. Fallen lassen. Dann wäre alles vorbei. Alle Sorgen. Schmerzen. Die Arbeit. Ich müsste nie wieder dorthin. Wozu noch ein paar Jahre so weiterleben. Es macht keinen Sinn.
Ich weiß, so soll man nicht denken. Ich habe einen Sohn. Einen Partner. Einen von den guten Männern. Man darf nicht nur an sich selbst denken. Außerdem bin ich stark. Das bin ich doch immer gewesen. So oder so ähnlich hatte ich Ernie meinen Zustand wohl beschrieben.
Und obwohl es mir eben noch gut ging, fange ich jetzt im Auto neben dem Mann, auf dem Weg nach Bad Hersfeld, an zu weinen. Das neue Leben wird noch ein wenig warten müssen. Bis das alte aufgeklärt ist. Bis ich wieder zurück in Berlin bin. Die Tränen laufen komischerweise nur aus dem rechten Auge. Aber das ist gut. So muss ich sie dem Mann nicht erklären.
In Bad Hersfeld trinkt er einen Kaffee, dann fährt er zurück nach Berlin. Keine Tränen beim Abschied. Sogar ich, die ich sonst so viel weine, habe trockene Augen. Wir wissen beide, dass wir sechs Wochen ohne einander gut überstehen werden. Schließlich sind wir nicht mehr frisch verliebt.