Einfach leben – (14)

Das Gebäude der Klinik steht auf einem Hügel. Nobel ist es hier nicht, eher zweckmäßig. Aber es gibt ein Schwimmbad, eine kleine Sauna, und ich stelle mich darauf ein, sechs Wochen lang versorgt zu werden. Sogar das Mittagessen wird uns am Platz serviert. Ich muss tatsächlich nichts weiter tun, als mich um mich selbst zu kümmern. Paradiesische Zustände.

Natürlich hat jeder Patient ein Einzelzimmer, sogar einen Balkon habe ich für mich allein. Der Himmel ist weit, in der Dämmerung flackern Lichter im Tal, Vögel zwitschern sich in die Nacht. Leider hört man auch die nahe Autobahn, es ist wesentlich lauter als zu Hause in unserer idyllischen Seitenstraße, die direkt zur Spree führt.

Gleich am ersten Tag habe ich ein Gespräch mit der für mich zuständigen Therapeutin. Sie ist mir sympathisch, aber kein Vergleich zu Frau Luzie. Trotzdem erzähle ich schon wieder von meiner Kindheit in der Laube. Warum diese Zeit nach so vielen Jahren wieder auftaucht, weiß ich nicht. Vielleicht liegt es am Vater, der die alten Geschichten mitgebracht hat. Manchmal kann ich selbst kaum glauben, dass es sich bei diesem schüchternen Mädchen, das ich nur verschwommen vor mir sehe, um mich handelt.

Als Kind saß ich am liebsten in irgendeiner Ecke und las. Zum Ärger meiner Großmutter, die vergeblich mit mir redete, mir Aufgaben erteilte. Ich sah und hörte nichts. Im Sommer saß ich manchmal in einem Baum, dort fand sie mich nicht so leicht. Wenn ich nicht in der Schule war, nicht las, dann inszenierte ich Dramen oder Komödien mit Frauen und Männern, die ich aus alten Modezeitschriften ausgeschnitten hatte. Ich nannte das „mit meinen Frauen spielen“. Und das machte ich stundenlang, manchmal sogar tagelang, da mir ständig neue Geschichten einfielen.

Allerdings sahen meine Großeltern gerade im Sommer diese Form der Beschäftigung nicht gern. Ein normales Kind hält sich im Freien auf, wenn es draußen warm ist. Es fährt Fahrrad, geht schwimmen, betätigt sich im Garten, macht dies oder das. Gott sei Dank gab es ein paar Gärten weiter ein altes Paar, das nur im Sommer bei uns in der Kolonie lebte und mir und meinen Frauen Asyl gewährte. Wenn meine Großmutter also glaubte, ich würde irgendwo auf den Feldern unterwegs sein, saß ich bei Familie Gohdes in der Veranda. Stundenlang durfte ich dort sitzen, sogar mit Brause und Broten versorgten sie mich.

Ich erzähle der Therapeutin von meinem Großvater, der mich Püppi nannte. Noch heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich das Wort höre.

Püppi.

„Püppi, mach das Licht aus.“

Er hatte einen Stromspartick. Vor Einbruch der Dunkelheit durfte das Licht nicht eingeschaltet werden. Im Winter saß ich mit den Großeltern in unserem winzigen Zimmer, dem einzigen, das wir hatten. Der Großvater lag auf dem Sofa, keine Ahnung, ob er schlief oder nachdachte, Großmutter saß neben dem Ofen, manchmal schnarchte sie, und ich saß am Tisch, wo es in der Adventszeit wenigstens den von der Großmutter selbst geflochtenen Kranz mit Kerzen gab, in die ich starren konnte.

Und dabei hoffte ich, dass endlich etwas passieren würde. Etwas, das mich aus dieser Situation erlöste. Natürlich passierte nichts. Schon damals war das so.

„Püppi! Hol den Lappen!“

Großvater hatte nicht nur einen Stromspartick, er litt auch unter Tischabwischzwang. Sonst redete er nicht gern. Eigentlich gar nicht. Als hätte jemand morgens Worte ausgeteilt, und wenn sie mittags aufgebraucht waren, gab es keine neuen.

Bevor die Großeltern ins Bett gingen, spielten wir noch ein oder zwei Partien Rommé. Mir machte das keinen Spaß, da ich meistens gewann, aber was blieb mir anderes übrig, als ihnen diesen Gefallen zu tun. Danach durfte ich noch eine halbe Stunde lesen, bevor die Quengelei losging.

„Püppi! Komm ins Bett! Nun mach schon.“

Großmutter schnarchte da bereits. Und wenn sie schlief, dann schlief sie. Sie sagte gern, man könne sie sogar aus der Laube tragen, sie würde nichts mitbekommen.

Die Fotos aus jenen Jahren zeigen ein Mädchen mit traurigen Augen. Gäbe es nicht ein paar andere Bilder, auf denen ich sichtlich Blödsinn mache, würde ich behaupten, ich wäre ein ernstes Kind gewesen. Eins, das sich niemandem zugehörig fühlte, das sich danach sehnte, von seiner Mutter geliebt zu werden. Die dafür leider keine Zeit hatte. Außerdem wusste sie damals noch nicht, wie es ist, ein Kind zu lieben. Diese Liebe entdeckte sie erst mit der Geburt ihres Enkelsohnes, dem sie, zugegeben, eine wunderbare Großmutter wurde.

Aber wenn sie uns damals, als ich selber noch ein Kind war, am Wochenende besuchen kam, arbeitete sie vor allem an meiner Erziehung. Denn die war völlig unzureichend. Meine Mutter war der Ansicht, die Großmutter verwöhne mich zu sehr. Wie sollte aus mir jemals ein anständiger Mensch werden? Am Wochenende durfte ich bis mittags im Bett liegen. Morgens war auf meiner Zahnbürste schon die Zahncreme. So etwas fand meine Mutter verantwortungslos.

Während ich dachte: Na und? Dafür muss ich das alles hier aushalten. Muss bleiben. Was bedeutet da schon das bisschen Zahncreme auf der Bürste?

Wann immer das Gespräch darauf kam, dass ich in der Stadt bei meiner Mutter und meinem Stiefvater leben könnte, hieß es: Nun ja, du kannst schon kommen, aber dann ist es vorbei mit dem schönen Leben. Da wird auch am Wochenende früh aufgestanden, es wird ordentlich im Haushalt mit angepackt. Immer wurde mir eine Menge Arbeit und Verantwortung in Aussicht gestellt. Ich hatte nicht das Gefühl, willkommen zu sein.

Ich erzähle der Therapeutin so vieles, nur über dieses eine Thema schweige ich. So wie ich das in all den Jahren getan habe. Nur einmal, vor fünfzehn Jahren, als ich wegen der Panikattacken drei Monate in der Klinik war, habe ich mit einer anderen Patientin und einer Freundin darüber geredet. Einmal auch mit meiner Mutter. Sie nannte es „diese Sache“. Seitdem existiert das Thema für mich nicht mehr. Und so soll es auch künftig bleiben. Ich habe keine Lust, ein Opfer zu sein, womöglich nur noch unter diesem Aspekt von anderen betrachtet zu werden.

Und wenn nun all deine Probleme ausgerechnet damit zu tun haben? Mit dieser Sache?

Haben sie nicht. Und jetzt sei still. Sofort.

Natürlich rede ich in den Therapiestunden auch über meinen Sohn. Der mit dreizehn aufgehört hatte, zur Schule zu gehen. Ein Frühaussteiger, könnte man sagen. Der es in keiner Ausbildung ausgehalten hatte und Aushilfsjobs nach kurzer Zeit wieder verlor. Der dafür schon als Jugendlicher alle Drogen ausprobiert hatte, die ihm unter die Finger kamen.

Der Mann einer Freundin hatte mir vor vielen Jahren von seinem Bruder erzählt, der eine ähnliche Entwicklung hinter sich hatte. Nach seinem dreißigsten Lebensjahr kam dann die Wende. Das hat mich viele Jahre getröstet, darauf habe ich gehofft. Nun sieht es tatsächlich so aus, als wäre bei meinem Sohn etwas in Bewegung gekommen. Seit einem Jahr arbeitet er für eine Zeitarbeitsfirma. Macht heftige Zwölfstundenjobs, die noch dazu schlecht bezahlt werden. Er lässt sich ausbeuten und findet das – zu meinem großen Erstaunen – auch noch okay.

Ich wünsche mir, dass er glücklich ist. Ich wünsche außerdem, ich hätte nicht so viele Fehler gemacht und wäre eine bessere Mutter gewesen. Nicht eine, die wechselnde Partner oder Liebhaber hatte, die den Sinn des Lebens suchte, die oft unruhig und instabil war. Von der die Mütter anderer Kinder nach der Einschulung sagten, sie sähe aus wie eine Hexe. Schwarze Haare, punkig, schwarze Klamotten, Motorradlederjacke. In der Firma von einigen Kollegen Lady in Black genannt.

Und während ich erzähle, weine ich und denke, dass ich nie wieder aufhören werde.

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von AM RAND EIN ZUHAUSE

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen