Einfach leben (33) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008 – 2012

Über Menschen, die freiwillig fasten, habe ich früher gelächelt. Wie kann man nur auf eine solche Idee kommen? Jetzt überlege ich, ob mein Körper eine radikale Nahrungsdrosselung vielleicht mit Schmerzfreiheit belohnen würde. Manche behaupten das nämlich. Einen Versuch ist es wert.

Immerhin habe ich ein bisschen Geld, da kann ich schon noch einiges ausprobieren. Bevor ich mich mit der Nürnberger Freundin auf Sylt treffe, um dort zu fasten und zu wandern, gehe ich wieder einmal zu einem Heiler. Der Mann ist allerdings auch Arzt, Sportarzt sogar. Sein Name ist über Frau Luzie zu mir gekommen. Eine ihrer Klientinnen ist begeistert von ihm. Diesmal geht es nach Potsdam. Warum auch nicht.

Der Doktor deutet über Muskelreaktionen den Zustand meiner inneren Organe. Das Ergebnis ist nicht gerade aufmunternd. Der Dünndarm und der Zwölffingerdarm sind nicht im besten Zustand, sagt er. Das kann alles Mögliche bedeuten.

Dann macht er kurz knickknack am Körper, drückt auf ihm herum, knetet, trommelt, und schon bin ich wieder hundertzwanzig Euro los. Billig sind alternative Ärzte und Heiler auf keinen Fall. Zwei Sorten Tropfen bekomme ich verschrieben, die muss ich natürlich extra zahlen. Die Empfehlungen, nach fünfzehn Uhr keine Rohkost und abends keine Kohlenhydrate zu essen, sind dafür im Preis enthalten. Ach ja, Zucker gilt es zu vermeiden.

Das ist natürlich einfach beim Fasten.

Obwohl es Tag für Tag leichter wird, auf feste Nahrung zu verzichten, redet der fastende Mensch gern und ausgiebig über das Essen. Ich korrigiere. Manche Menschen tun das. Denn die Freundin verspürt diesen Drang nicht. Die hat auch keinen Hunger. Ich habe, wenn schon keinen Hunger, doch einen ordentlichen Appetit. Deswegen unterhalte ich mich mit einigen anderen Unverbesserlichen aus der Gruppe gern und ausdauernd über leckere Gerichte, tausche Rezepte aus, stelle mir duftende Köstlichkeiten auf einem Teller vor meiner Nase vor. Oft die ungesunden Sachen. Bratkartoffeln. Brötchen mit Leberkäse.

Trotzdem kann ich nach neun Tagen Fasten sagen: Ich muss nicht essen. Und das ist eine durchaus erstaunliche und vor allem völlig neue Erfahrung für mich. Ich kann mich entscheiden. Ich muss meinen Wünschen und Vorlieben nicht nachgeben. Denn das meiste passiert tatsächlich im Kopf. Zumindest in meinem Kopf. Ich will nicht ausschließen, dass es in anderen Köpfen anders aussieht.

So stellt sich bei mir ein gewisses Bedürfnis nach völlig ungesundem Kuchen allein beim Betrachten desselben ein. Es ist kein Hunger, nicht einmal Appetit, nur ein großer, den Geist plötzlich beherrschender Wunsch. So eine Art Pawlowscher Reflex. Der sich auch immer dann eingestellt hat, wenn wir in Westerland bei Gosch vorbeikamen. Oder wenn in einem der Restaurants, wo wir in der Wanderpause frisch gepressten Obstsaft tranken, am Nebentisch Rührei mit Schinken serviert wurde.

Jetzt weiß ich also, dass ich fasten kann, falls Zeiten der Not auf mich zukommen sollten. Allerdings weiß ich auch, dass Fasten nichts an den Schmerzen ändert. Sie sind immer noch da.

Trotzdem habe ich mich tapfer geschlagen, bin ohne Murren, jedenfalls meistens, mit den anderen drei oder vier Stunden gelaufen, habe mich gegen den Wind gestemmt, dem Regen getrotzt, die Schmerzen immer dabei. Einen kleinen Erfolg kann ich verzeichnen: Ich habe vier Kilo abgenommen. Vermutlich nicht auf Dauer, das erste Kilo ist schon nach zwei Tagen wieder da, aber ich kann ja ein wenig vernünftiger sein. Könnte ich. Wenn ich wollte.

 

Der Schreiburlaub auf Hiddensee rückt näher. Zwei Wochen mit K., die auf der Insel weiter an ihrem Buch arbeiten will. Ich weiß noch nicht, was ich schreiben werde. Es gibt einen angefangenen Text, der auf seine Fortsetzung wartet.

Anfangen kann ich gut. Ich könnte immerzu Anfänge schreiben. Die ersten vierzig, fünfzig Seiten, das ist kein Problem. Es ist der Mittelteil, an dem ich mich abarbeiten muss.

Vielleicht ist es mit dem Leben auch so. Man kommt auf die Welt, am Anfang geht alles wie von selbst. Es sind keine Anstrengungen nötig. Man wächst, lernt, und dann ist man plötzlich erwachsen. Und damit fängt der Ärger an. Der lange Mittelteil will gestaltet werden, nicht nur irgendwie herumgebracht. Es sollte den Namen Leben auch verdienen. Und das finde ich verdammt schwer.

Bevor wir ans Meer fahren, besuche ich in Schmargendorf einen Zahnarzt und Heilpraktiker, der mir von einer Freundin empfohlen wurde. Deren Freundin wiederum hatte den Arzt wegen diffuser Schmerzen aufgesucht und war anschließend sehr begeistert.

Er führt fast alle Schmerzen auf Probleme mit den Zähnen zurück. Jedem Zahn ist ein Organ zugeordnet, auch für bestimmte psychische Zustände sind die Zähne zuständig.

Er macht ein paar Tests, ich muss Farben und Formen aussuchen, die mir gefallen oder nicht gefallen, und danach weiß er, dass ich ein Problem mit meiner Mutter habe. Bevor das nicht geklärt ist, werde ich auch die Schmerzen nicht los. Und natürlich müssen meine Zähne saniert werden, alles neu macht der Doc, und vorher muss ich nur noch den Körper entgiften. Dafür gibt es eine spagyrische Medizin, die natürlich nicht billig ist, der Arzt ist es sowieso nicht. Ein Termin, schon sind vierhundertfünfzig Euro fällig. Aber schließlich geht es um meine Gesundheit. Nicht wahr.

Ich weiß nicht, warum ich immer wieder darauf hereinfalle, warum ich mir nicht selber vertraue, sondern darauf, dass andere mir helfen werden oder helfen können. Das muss anders werden, nehme ich mir vor. Nur noch dieser Arzt, danach höre ich auf mit der Suche nach Heilung durch andere.

Und noch eine Entscheidung treffe ich: Ich werde keine Coaching-Ausbildung machen, sondern lernen, Drehbücher zu schreiben. In einem knappen Jahr. Falls ich es tatsächlich in dieser Zeit lerne.

Nach dem Schnupperabend musste ich nicht lange überlegen, ob ich mich anmelde oder nicht. Der Lehrer ist mir sympathisch, in der Gruppe werden maximal fünfzehn Leute sein, und außerdem wäre es dumm, wenn ich diese Chance nicht nutzen würde. Jetzt ist das Geld da. 3800 Euro, also bitte, das ist nicht gerade preiswert, aber für Sofortzahler gibt es einen kleinen Rabatt. Ich habe Zeit, worauf will ich warten?

Allerdings werde ich ein paar Tage versäumen, der Kurs fängt an, wenn ich noch auf Hiddensee bin. Aber das ist nicht schlimm, W. hat mir empfohlen, täglich Morgenseiten zu schreiben, damit würde er auch den Kurs beginnen. Beim Schreiben solle ich auf den Kritiker in meinem Kopf achten.

Wer Morgenseiten schreibt, muss einiges verstanden haben über das Wesen von Kreativität. Ich habe mich selber ein paar Jahre lang in dieser Praxis geübt, schreibe noch heute im Urlaub jeden Morgen nach dem Aufwachen in dicke Hefte, habe die Übung selbst schon eifrig weiterempfohlen, alles ist fein.

Also schreibe ich auf der Insel jeden Morgen vor dem Aufstehen zwanzig Minuten lang drauflos. Ohne Zensur, ohne zu überlegen, Fließseiten eben. Auch K. hält es so. Danach gehen wir gemeinsam oder jede für sich allein ans Meer. Seeluft schnuppern.

Oft haben wir blauen Himmel und jede Menge Sonne. Trotzdem ist es am Meer meistens so stürmisch, dass es uns fast vom Strand wegpustet. Wenn wir nicht an unseren Texten sitzen, lesen wir uns vor, was wir geschrieben haben.

Ich habe eine neue Geschichte angefangen. Eine Frau, die nach dem Selbstmord ihrer besten Freundin mit deren Enkeltochter und der Vergangenheit konfrontiert wird. Wie leicht mir das wieder von der Hand geht. Kein Wunder. Ein neuer Anfang.

Wir kochen uns leckere Gerichte, trinken abends Rotwein und reden. Für ein Wochenende kommt uns die Schwester von K. besuchen, und da sie so gern für uns einkauft, sind ihre Taschen prall gefüllt, als sie vom Boot steigt.

Abends erzähle ich von meiner fast fünfunddreißigjährigen Verbindung zu der Insel. Von der Freundin, die mich Ende der Siebzigerjahre gefragt hatte, ob ich nicht mitkommen wolle für ein Wochenende. Sie hätte zusammen mit zwei Freundinnen einen Bungalow, in dem wäre auch noch Platz für eine vierte Frau.

Man muss sich das vorstellen. Niemand bekam damals ein Quartier auf Hiddensee, wenn er keinen kannte, der jemanden kannte. Diese Freundin hatte die entsprechenden Verbindungen und fragte mich. Einfach so. Das war wie ein kleiner Lottogewinn.

Zu der Freundin habe ich seit Jahren keinen Kontakt, seit meiner Ausreise, um genau zu sein, während meine Liebe zu der Insel eine Konstante in meinem Leben geblieben ist. Nicht ganz konstant, denn acht Jahre lang durfte ich weder nach Ost-Berlin noch an die Ostsee. Aber mit dem Ende der DDR war auch damit Schluss. Seitdem versuche ich, wenigstens einmal im Jahr hier zu sein. Ich komme allein, mal mit einem Partner, mit einer Freundin.

Hat eigentlich schon jemand über seine Liebe zu dieser Insel geschrieben?

2 Gedanken zu „Einfach leben (33) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008 – 2012“

  1. Der Beitrag ist zwar sehr umfangreich, hat mir jedoch ausgesprochen gut gefallen.

    Bisher habe ich noch nie vollständig gefastet, aber im Jahr 2024 habe ich während eines Vipassana-Meditationskurses ungefähr zehn Tage lang eine vegetarische Ernährung praktiziert. Dennoch stellte ich fest, dass eine rein vegetarische Kost meinen Hunger nicht zufriedenstellend deckt. Daher kann ich mir nur schwer vorstellen, wie ich eines Tages, wie du es getan hast, vollständig fasten könnte.

    Deine Erzählungen über Hiddensee faszinieren mich sehr. Ich kenne diesen Ort nicht, aber deine Beschreibungen ermöglichen es mir, mir ihn besser vorzustellen, ebenso wie die unvergesslichen Erlebnisse, die du dort gemacht hast.

    Bleib gesund und mach weiter so. Auf Wiedersehen.

    1. Vielen Dank für deinen ausführlichen und freundlichen Kommentar. Ich freue mich sehr, dass dir der Text gefallen hat.

      Zehn Tage vegetarisch während eines Vipassana-Kurses sind ja auch schon eine besondere Erfahrung. Ein vollständiges Fasten hätte ich mir früher übrigens ebenfalls nicht vorstellen können. Oft wächst man erst dann hinein, wenn die Umstände einen dazu bringen. Oder die eigene Neugier.

      Es freut mich besonders, dass meine Erinnerungen an Hiddensee bei dir Bilder entstehen lassen. Vielleicht hast du ja irgendwann einmal Gelegenheit, die Insel selbst kennenzulernen. Für mich ist sie bis heute ein ganz besonderer Ort.

      Ich wünsche dir ebenfalls alles Gute und weiterhin viel Freude beim Lesen und Schreiben.

      Herzliche Grüße

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