Nach der Hitze ist vor der Hitze.  

Sagen manche. Ich hoffe nicht. Mein Körper erholt sich nämlich gerade. Zwei Nächte habe ich geschlafen wie ein Stein. Kein nächtliches Aufwachen, kein Wälzen, keine Unruhe. Nüscht. Dafür morgens leicht desorientiert. Wo bin ich? Und wer?

Die Wärme war das eine, 1Q84 das andere. Zwei Tage (und Nächte?) war ich in dem dicken Wälzer von Haruki Murakami verschwunden. Ich lebte mit zwei Dreißigjährigen, die sich als Zehnjährige gekannt, sich danach aber nie wiedergesehen haben, im Tokio des Jahres 1984. Sie, Aomame, bringt Männer um, die ihre Frauen oder Töchter gequält haben, er, Tengo, überarbeitet als Ghostwriter die Geschichte einer jungen Frau, in der unheimliche Little People und Puppen aus Luft vorkommen. Beiden gemeinsam ist, dass sie eines Tages in einer anderen Realität leben. Immer noch 1984, aber nun gibt es zwei Monde.

Als ich gestern Abend die letzte Seite umgeblättert hatte, brauchte ich eine Weile, bis ich mich wieder gefangen hatte. Was war das? Wer hat dem Mann das eingegeben? Alles nur Phantasie, werden die meisten sagen. Mir kam es so vor, als hätte ich beim Lesen tatsächlich einen Blick in eine andere,  ebenfalls mögliche Realität geworfen. Als wäre ich mit Aomame diese Leiter hinabgestiegen und zack. Es hätte mich nicht gewundert, wenn auch ich plötzlich zwei Monde gesehen hätte.

Aber ich hatte schon einige Male in meinem Leben das Gefühl, dass sich plötzlich ein Spalt in der Wirklichkeit öffnet und mich etwas anderes sehen lässt. Eine Frau in einem langen Gewand mit Haube vor dem Sofa, auf dem ich als Kind schlief. Riesenoktopusse, die über dem Meer schweben, während ich von einer Lichtquelle beleuchtet werde. Einen Nebelmann. Von manchen Träumen einmal abgesehen.

Natürlich fällt mir sofort Leonhard Cohen ein: There is a crack, a crack in everything.  That’s how the light gets in.

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