Einfach leben (34) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008 – 2012

In Berlin ist der Rosengarten im Tiergarten einer meiner Lieblingsplätze. Wenn ich walke, brauche ich für die Strecke von unserer Wohnung aus eine halbe Stunde. Manchmal mache ich dort meine gymnastischen Übungen. Manchmal schreibe oder lese ich. Oder mache gar nichts.

Wer kreativ sein will, braucht Muße. Das weiß ich, auch wenn ich es immer wieder vergesse. Und dann wundere ich mich, wenn mir beim Schreiben nichts einfällt. Wenn mir für meinen Drehbuchworkshop nicht einmal ein Stoff und eine dazugehörige Welt einfallen wollen. Von anderen Dingen ganz zu schweigen.

Ich glaube nicht mehr daran, dass ich in neun Monaten lerne, ein Drehbuch zu schreiben. Manchmal frage ich mich, wie ich es in den vergangenen Jahren überhaupt geschafft habe, etwas zu schreiben. Also halte ich es mit Dorothea Brande, die angehenden Autoren schon vor sechzig Jahren empfohlen hat, eine Schreibhemmung oder das Fehlen von Ideen einfach auszusitzen. Doch bevor man sitzt, soll man sich darüber klar werden, was man erzählen will.

Man überlegt sich die Geschichte im Groben: Wer sind die Protagonisten? Wie leben sie? Was essen sie? Vor allem sollte man wissen, wie die Geschichte endet, und dann geht man mit dem ganzen Thema schwanger. Man tut ein paar Tage gar nichts. Putzen oder stricken, hausfrauliche Tätigkeiten, so etwas ist natürlich erlaubt. Aber geschrieben wird nichts. Und es wird auch nicht gelesen, was andere Menschen – sowieso besser, als man selbst es könnte – bereits zum Thema geschrieben haben.

Angeblich passiert dann irgendwann das Unglaubliche: Die fertige Geschichte steht vor einem und will nur noch aufgeschrieben werden.

Manchmal denke ich, all die Bücher zum Thema Schreiben, die mir empfehlen, dieses oder jenes zu tun, die helfen mir genauso wenig wie die esoterische Literatur, die ich einige Jahre lang verschlungen habe. Immer in der Hoffnung, irgendwo eine Erkenntnis zu finden, so ungehörig, in dieser Weise noch nie gedacht, aber gerade deswegen so genial und praktizierbar, dass meine Suche endlich ein Ende haben würde.

Zwar habe ich keinen Gott gefunden, auch die Erleuchtung nicht, aber wenigstens erkannt, dass das Schreiben meine Aufgabe, meine Passion ist. Dass es mich glücklich macht und ich es tun muss, wenn ich nicht völlig verrückt werden will. So wird es bestimmt auch mit der Art meines Schreibens sein. Ich muss meinen eigenen Weg finden. Muss – wie die meisten Menschen – durch Versuch und Irrtum lernen. Muss anfangen, verwerfen, neu anfangen, ändern, mich von lieb Gewordenem trennen, noch einmal von vorn anfangen, und dann wird am Ende vielleicht etwas dabei herauskommen.

Schließlich sagt man doch, dass kein Meister vom Himmel fällt. Von wenigen Genies einmal abgesehen. Die setzen sich hin, tauchen die Feder in die Tinte, spannen das Farbband, lassen die Finger über die Tastatur rasen, und zack. Fertig ist das Wunderwerk. Zu diesen Ausnahmen zähle ich nicht. Ich muss üben, üben und nochmals üben.

Außerdem habe ich „es“ schon wieder getan. Dabei hatte ich mir doch vorgenommen, keine Heiler mehr aufzusuchen. Aber dieser großartige Zahnarzt, der sofort meine Mutter-Problematik erkannte, hat mir dringend eine Atlas-Korrektur empfohlen. Der erste Halswirbel ist angeblich bei den meisten Menschen nicht mehr in der Position, in der er sein sollte, daraus resultieren so viele Probleme, dass ich sie mir gar nicht alle merken konnte. Unter anderem Schmerzen, Depressionen.

Da meine Wirbelsäule tatsächlich verschoben ist, der Beckenschiefstand schon diagnostiziert wurde, als ich noch ein junges Mädchen war, glaube ich an den Atlas und lasse ihn mir bereitwillig einrenken. Natürlich ist das nicht billig. Auch der Heilpraktiker muss leben, und die schönen Praxisräume – wieder in Potsdam – kosten eben.

Jetzt tut mir schon wieder oder immer noch der Bauch weh. Der untere Rücken. Keine Ahnung, ob das die Leber ist oder ob etwas eingeklemmt ist. Wenn es eingeklemmt war, weil der Atlas verschoben war, müsste es mir bald besser gehen. Dann müsste ich mich wie im siebenten Himmel fühlen, weil die Schmerzen endlich verschwunden sind.

Darauf warte ich. So wie ich immer noch auf eine zündende Idee für meinen Plot warte. Eine, mit der ich auch W. überzeugen kann.

Eine Frau bricht auf und aus. Sie bricht aus ihrem Job und aus ihrer Beziehung aus. Der Ruf nach Freiheit erreicht sie an einem Nachmittag im Mai. Sie sitzt mit ihrem Freund, einem sympathischen Mann, mit dem sie aber nur noch aus Bequemlichkeit zusammen ist, im Café, als eine Gruppe Motorradfahrer dort Rast macht. Morgens saß sie bei ihrem Freund im Garten und meckerte über das Ei, das zu weich war. Sie beklagte sich über seinen Bauch, die vielen Zigaretten, die er raucht. Sie ist mit nichts zufrieden, ist unglücklich, fühlt sich in ihrer Haut, in ihrem Leben nicht wohl.

W. stellte eine für mich nebensächliche Frage. Was sie denn mit den Motorradfahrern erleben würde.

Aber darum geht es doch gar nicht. Es geht darum, dass diese Frau ihr Leben ändern muss. Und ich dachte, wenn jemand plötzlich mit fremden Motorradfahrern mitfährt, dann wäre das eine ziemliche Veränderung. Allerdings müsste die Szene mit den Motorradfahrern dann eine der letzten sein. Wenn ich sie gleich am Anfang auf die Reise schicke, dann ist W.s Frage berechtigt. Dann müsste ich etwas über Motorradfahrer erzählen.

Warum ist mir das nicht selbst aufgefallen?

In meinem Drehbuch soll es darum gehen, dass eine Frau aus ihrem schon lange nicht mehr befriedigenden Alltagstrott ausbricht, weil sie erkannt hat, dass sie ihr Leben ändern muss, wenn sie glücklicher sein will. Mir ist klar, dass wir am liebsten über das schreiben, was wir gut kennen. Über uns eben. Das ist bei Drehbuchschreibern nicht anders als bei anderen Schreibern.

Mit Frau Luzie habe ich mich wieder einmal gestritten. Ich habe ihr von dem Chaos in meinem Kopf erzählt, von meinem Ringen mit Thema und Welt für den Drehbuchkurs. Davon, dass ich eigentlich – wäre eigentlich nicht so ein überflüssiges Wort – gern über das Thema Inzest schreiben würde, so wie ich das in meinem Buch über die Vollmondfrauen schon getan habe.

Aber welche Antwort gebe ich, wenn W. von mir wissen will, warum mich gerade dieses Thema interessiert? Sage ich dann – ein wenig bockig vielleicht – mein Gott, es interessiert mich eben?

Ich bin doch schon bei Frau Luzie an meine Grenzen geraten, denn natürlich ist Inzest ein verharmlosendes Wort. Es könnte bedeuten, dass sich eine Tochter freiwillig auf sexuelle Kontakte mit ihrem Vater einlässt. Diese Variante interessiert mich aber nicht.

In den Vollmondfrauen wurde meine Protagonistin Charlotte als Kind von ihrem Pfarrer-Vater vergewaltigt, bekam später sogar einen Sohn von ihm, gab ihn in ein Heim, und als sie im Kofferraum eines Autos in den Westen flüchtete, ließ sie den Sohn im Osten zurück. Zwanzig Jahre später, nach dem Ende der DDR, hat sie eine Affäre mit diesem Sohn, aber nur, weil sie nicht weiß, mit wem sie es zu tun hat.

Missbrauch nennt man das, was der Vater Charlotte angetan hatte, heute. Auch ein beschönigendes Wort.

Frau Luzie reagierte auf alle Fälle ärgerlich.

„So, und Sie meinen, das hat nichts mit Ihnen zu tun? Also gut, ich werde es Ihnen nicht erklären, wenn Sie so dumm tun.“

Sie hat nicht dumm gesagt, aber etwas in der Art, ich würde mich weigern, darüber nachzudenken.

Anscheinend ist sie der Meinung, es gäbe einen Zusammenhang zwischen dem Ansinnen meines Vaters an mich, seine Geliebte zu werden, und meinem Interesse an diesem Thema. Etwas anderes weiß sie schließlich nicht. Ahnt sie etwas? Vielleicht wäre jetzt sogar ein guter Zeitpunkt, um endlich über die Vergangenheit zu reden.

Du willst also tatsächlich das Opfer sein, ja? Du willst mitleidige Blicke? Schlag dir das aus dem Kopf.

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