Da ich versuchen werde, als freie Autorin mein Geld zu verdienen, habe ich mich für ein zweiwöchiges Existenzgründungsseminar angemeldet. Das Arbeitsamt hat diese Maßnahme bewilligt, wahrscheinlich wollen sie damit kurzfristig ihre Statistik verschönern.
Eine Frau meines Alters findet nicht mal eben einen neuen Job. Schon gar nicht, wenn sie nicht zurück in das Hamsterrad Einkauf will. Wenn sie die Nase voll davon hat, Lieferanten zu knechten und schlecht zu behandeln.
Soll sie ruhig daran glauben, dass sie mit Schreiben Geld verdienen kann. Sie wird schon sehen, wohin das führt. Nirgendwohin. Aber bis es so weit ist, verdirbt sie uns wenigstens nicht unsere schönen Zahlen.
Das Seminar ist gar nicht so langweilig, wie ich befürchtet hatte. Schnell bin ich die „Schreiberin“, von der sich ein paar andere, Nichtschreiber allesamt, Unterstützung erhoffen und auch bekommen.
Wie formulieren wir elegant und nachvollziehbar unsere Idee von der Existenz, die wir gründen wollen? Den türkischen Imbiss? Den hundertvierundzwanzigsten in der Gegend, aber na und? Das Café mit Galerie? Die Nähstube? Den Online-Markt für ausgefallene Vinylscheiben?
Nette Texte fließen mir für meine Mit-Existenzgründer aus den Tasten, aber ich gebe mir auch Mühe. An meinen Einlassungen wird es nicht liegen, wenn aus den Existenzen trotzdem nichts wird. Wenn die meisten in einem Jahr wieder Hartz IV bekommen.
Meine Hoffnung, als freie Autorin Geld zu verdienen, ist genauso realistisch oder unrealistisch wie all die anderen Hoffnungen, mit denen die Menschen hier angetreten sind.
Als könnten wir uns mal eben ein neues Leben holen. Andererseits holen sich doch alle ständig irgendetwas. Ein neues Handy. Einen neuen Laptop. Schuhe. Kleider. Warum kein neues Leben?
Ich stelle mir einen gemütlich eingerichteten hellen Laden vor, in den Regalen liegen verschiedene Leben. Nimm mich mit, sagen sie. Hey du da. Du mit den traurigen Augen. Ich bin das Leben einer Drehbuchautorin. Siehst du, wie ich vor Lebendigkeit funkle und vibriere? Mit mir wird es niemals langweilig. Du schlüpfst in die Köpfe anderer Menschen, bringst das Beste und das Schlechteste in ihnen zum Vorschein. Mit jedem neuen Script wirst du ein neuer Mensch.
Du liest dich in neue Wissensgebiete ein, recherchierst unbekanntes Terrain. Was hältst du davon? Komm her. Schau mich an. Berühre mich. Schau mir in die Augen! Siehst du das Versprechen darin? Mit mir wirst du glücklich. Zufrieden. Und interessant wirst du! Das vor allem.
Stell dir die Neugier und das Interesse deiner Mitmenschen vor, wenn du ihnen von deiner Arbeit erzählst. Denk an die, die sich auf Partys nie für dich interessiert haben, weil du in einem langweiligen Bürojob stecktest. Wen interessiert schon, was für Papier du eingekauft hast? Die Menschen werden dich mit anderen Augen betrachten. Kennt ihr N. H.? Die hat das Drehbuch für diesen wunderbaren Sommerfilm geschrieben.
Mit mir wirst du plötzlich Freunde haben, die Künstler sind. Oder die sich für Künstler interessieren.
Träum weiter, meine Liebe. Du solltest weniger fernsehen und früher ins Bett gehen. Oder mehr gute Bücher lesen. Bücher wie „Oda“, über diese norwegische Malerin, die Ende des neunzehnten Jahrhunderts ihre eigenen unkonventionellen Ideen von Kunst und Beziehung lebte. Inmitten einer männlich dominierten, rückständigen Gesellschaft, in der Frauen entweder die gute brave Mutter an der Seite ihres Ehemannes oder Hure waren.
Eine Frau wie Oda, die sich Liebhaber suchte und diesen Männern auf ihre Weise treu war, die war in dieser Zeit selten. Über diese Frau ließe sich auch ein Film machen.
Mir liegt noch immer der Plot quer, für den ich mich nicht entscheiden kann. Vielleicht gehe ich noch einmal die Fragen durch. Was wollen oder was sollen die einzelnen Figuren? Möglicherweise entwickelt sich daraus etwas.
Eine der Regeln, die W. uns am Anfang mitgegeben hat, lautet: Du sollst deinen Stoff nicht infrage stellen.
Ich stelle ständig meinen Stoff infrage. Vielleicht gibt es da einen Zusammenhang. Ich stelle Plot und Leben infrage. Das geht Hand in Hand bei mir.
Also noch einmal: Eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs. Job frustrierend. Beziehung unglücklich. Sie zieht in eine WG. Weil sie herausfinden will, was sie eigentlich möchte vom Leben. Das kann doch nicht alles gewesen sein. Und warum muss sie dafür in eine WG ziehen? Das sind so Fragen.
Mit Frau Luzie habe ich heute wenigstens über die Vergewaltigung geredet. Sie findet es eigenartig, dass ich später nichts an meinem Verhalten geändert habe. Dass ich darüber hinweggegangen bin. Dass ich zwar entschieden hätte, dass mir so etwas nie wieder passieren würde, aber weder Judo noch Karate gelernt habe.
Es war eine verrückte Zeit damals. Einer der letzten Tage im April 1981. Ich hatte vier Jahre auf meine Ausreise gewartet, und nun war es so weit. In ein paar Tagen würde ich die DDR verlassen. Ganz offiziell.
Den bürokratischen Kram hatte ich bereits erledigt. Am Ende hatten sie mir sogar einen richtigen Mietvertrag für die von mir besetzte Wohnung geben müssen, die doch angeblich viel zu groß für meinen Sohn und mich war. Ein Zimmer plus Kammer, die Kammer ohne Ofen.
Aber einer Person mit Kind stand nicht mehr als ein Zimmer zu, und wenn da nun jeder auf die Idee käme, eine Wohnung zu besetzen. Ich hatte mir schon zwei andere Wohnungen ansehen müssen, die ich aber mit gutem Gewissen hatte ablehnen können. Eine hatte keinen Ofen, die andere kein Glas in den Fenstern. Aber ohne Mietvertrag durfte die DDR nun einmal nicht verlassen werden.
„Sollten Sie es sich jedoch anders überlegen, sollten Sie sich entschließen, doch in der DDR zu bleiben, gilt dieser Vertrag nicht. Das ist Ihnen hoffentlich klar. Dann müssen Sie die Wohnung räumen.“
Und dann war ich an einem Abend zum Alex gefahren. Mein ehemaliger Gartennachbar, ein alter Mann von fast achtzig Jahren, schaute alle halbe Stunde nach meinem schlafenden Sohn.
Ich hatte mich in ein Café gesetzt und ganz allein für mich ein wenig gefeiert. Bei dieser Gelegenheit hatte ich einen Mann wiedergetroffen, den ich ein oder zwei Jahre zuvor in dem Künstlerclub Die Möwe kennengelernt hatte. Einen Schauspieler, der auch als Grabredner arbeitete und der mir bei der ersten Begegnung unheimlich gewesen war.
Unter seinen Blicken hatte ich mich nackt gefühlt. Er schien das bemerkt und genossen zu haben. Viele Jahre später habe ich darüber nachgedacht, ob er vielleicht von der Stasi war und mit Absicht den Kontakt zu mir gesucht hatte. Wenn er mich beobachtet hätte, wäre das nicht völlig absurd.
Dort am Alex freute er sich jedenfalls sichtlich über unsere zufällige Begegnung, er plauderte charmant, scherzte, und ich wusste nicht mehr, warum ich ihn einmal unheimlich gefunden hatte. Deswegen lud ich ihn auch noch auf ein Glas Wein in meine Wohnung ein.
Er war nicht der Typ Mann, den ich sexuell anziehend fand, aber es gefiel mir, mit ihm zu reden. Nach dem ersten Glas wurde er zudringlich. Ich habe es anfangs für einen hilflosen Versuch gehalten, den ich mit leichter Hand würde abwehren können. Bis er auf mir lag – er wog bestimmt dreißig Kilo mehr als ich – und mir klar wurde, dass ich gegen ihn nichts ausrichten konnte.
In seinen Augen war wieder diese Freude an seiner Macht über mich, die mir so unheimlich gewesen war. Er hielt meine Arme fest, während sich meine Beine in einer Art Klammergriff zwischen seinen Schenkeln befanden.
Seine Stimme war leise und drohend. „Was willst du jetzt machen? Schreien? Hast du nicht gesagt, du hättest einen kleinen Sohn? Was glaubst du, wie der das findet, wenn er wach wird und sieht, was ich hier mit dir mache? Und ich werde nicht aufhören. Besser für alle, du beruhigst dich.“
Seine Argumente fanden sehr schnell den Weg in meinen Kopf. Wie sollte ich eine derartige Situation einem Kind erklären? Der war doch noch keine vier. Und wie würde die Situation auf Opa Gohdes wirken? Er war ja nicht nur mein Nachbar und Babysitter, er kannte mich von klein auf, war wie ein Großvater für mich.
Nein, diese Situation musste ich mit mir selbst ausmachen. Und mit dem Kerl, der ein paar Minuten auf mir lag, bis es vorbei war.
Danach hatte er sich schnell die Hose hochgezogen, und plötzlich war er wieder ein normaler Mann, dem die Angelegenheit jetzt offensichtlich peinlich war, der etwas von „noch nie passiert, und tut mir leid“ murmelte, bevor er verschwand.
Ich habe mich in der Küche gewaschen, ein Bad hatten wir nicht, auch keine Dusche. Trotzdem hätte ich diese noble Wohnung im zweiten Hinterhof im Prenzlauer Berg – nicht dem chicen, dem bereits sanierten Teil natürlich – verlassen sollen. Diese Deppen von der kommunalen Wohnungsverwaltung.
Ich rauchte eine Zigarette, und ein paar Tage später hatte ich die Angelegenheit vergessen. Die Ausreise stand jetzt im Vordergrund.
Allerdings habe ich mich später, als ich das Buch „Das Hotel New Hampshire“ von John Irving las, sofort mit seiner Protagonistin Franny identifizieren können. Die sagte zu ihrem Bruder, eine Frau könne eine Vergewaltigung überwinden und müsse auf Dauer keinen Schaden nehmen, wenn sie die Sache nicht an sich heranließe. Das wäre möglich. Und ich dachte: Ja, das stimmt. Zumal ich schon Schlimmeres erlebt hatte.
Nach dem Termin bei Frau Luzie überlege ich, aus diesem Stoff ein Drehbuch zu machen. Eine Frau liest nach Jahren ihre Stasiakten. Sie hatte das bisher immer aufgeschoben. Hatte Angst, dass sie etwas über ihren inzwischen verstorbenen Vater entdeckt. Und jetzt findet sie dort einen Vorfall beschrieben, der ein paar Tage vor ihrer Ausreise stattgefunden hatte.
„IM Gorki hatte einvernehmlichen Geschlechtsverkehr mit der observierten Person.“
Der inoffizielle Mitarbeiter könnte natürlich auch X oder Y heißen. Aber Gorki gefällt mir. Das könnte als Anspielung auf die Tatsache, dass er Schauspieler war, verstanden werden. Natürlich hatte er nichts von einer Vergewaltigung geschrieben.
Die Frau findet Namen und Adresse von Gorki heraus. Besucht ihn mit dem Revolver, den sie bei ihrem Vater gefunden hatte. Erschießt ihn. Oder lässt ihn leben. Gefesselt auf einem Stuhl. Wo er um Hilfe rufen muss. Um seinen Hals trägt er ein Plakat: Ich werde nie wieder eine Frau vergewaltigen.
Es tut mir sehr leid, was dieses Arschloch dir angetan hat.
Ich sehe dich.
Danke!