Manchmal denke ich, ich habe gar nicht die Zeit, um alles aufzuschreiben, was mich beschäftigt. Das Kind mit den KZ-Träumen. Die junge Frau, die von einer flüchtigen Bekanntschaft vergewaltigt wird. Die Frau, die großzügig ihren Körper hingibt, immer in der Hoffnung, dass ein Mann eines Tages ihre schöne Seele sieht. Die Frau mit den Schmerzen.
Vielleicht würden das einige Menschen exhibitionistisch finden. Aber ich kann nur über das schreiben, was ich kenne. Ich könnte auch von einer Frau erzählen, die sich vor dem Älterwerden fürchtet. Das wäre wieder ein Erkenntnisplot. Sie soll erkennen, dass sie auch mit Freude und in Würde altern kann. Schluss. Kein weiteres Nachdenken über diese Themen.
Und dann ist der erste Akt fertig, ich habe es tatsächlich geschafft. Jetzt also der zweite. Wenn ich mich da genauso im Kreis drehe, dauert dieser Prozess länger, als mir lieb ist. Ein vertrautes Verhaltensschema. Damit ich mich nicht mit dem beschäftige, was mir im Moment so schwierig erscheint, könnte ich doch lieber ein neues Projekt anfangen. Aber so läuft das nicht. Keine Ablenkung. Verstanden?
Bevor ich mich dem zweiten Akt widme, fahren wir nach Frankreich, wo ein befreundetes Paar wie jedes Jahr den Sommer verbringt. Der Mann wird siebzig, und wir sind die Überraschungsgäste.
Wir treffen die beiden auf dem Markt in Gréoux, so habe ich es mit der Frau heimlich und per SMS abgemacht. Das Gesicht unseres Freundes, als wir plötzlich vor ihm stehen. Als hätte er eine Marienerscheinung. Das werde ich nie vergessen.
In Frankreich bin ich Mensch, hier darf ich es sein. Unter dem Zeltdach, im oberen oder unteren Garten, auf der oberen oder unteren Terrasse. Begleitet vom Gezeter unzähliger Zikaden liege ich in der Hängematte, erschöpft von Sonne und gutem Essen. Wildschweinsalami. Salami provençale. Roséwein. Käsevariationen von Ziege und Schaf. Deftig und kräftig. Eingelegte Auberginen. Tomaten selbst gezüchtet und geerntet, aromatisch und geschmacklich auf Feinkostniveau.
Überall stehen oder liegen üppige Skulpturen – die Frau ist Bildhauerin –, in einige kann man sich sogar setzen, sie dienen als Bank, um dort den Abendaperitif zu nehmen.
Nachts liege ich im Zelt, draußen ist es still, man hört nur die Geräusche, die die Natur so macht. Da mir diese Geräusche fremd sind, fürchte ich mich. Vielleicht liegt es auch an dieser Stille, die unangenehme Ahnungen mit dazugehörigen Bildern auftauchen lässt. Ich fürchte mich vor vagabundierenden Horden. Vor Männern, die Frauen überfallen, sie vergewaltigen und am Ende töten.
Mir ist bewusst, dass nichts dergleichen passieren wird, meiner Psyche ist das egal, sie dreht durch. Erst bei Tagesanbruch verschwinden diese Visionen, dann kann ich einschlafen. Der Mann ist mir keine Hilfe, obwohl er gleich neben dem Eingang liegt.
Und natürlich geht die Woche dann trotz der nächtlichen Ängste viel zu schnell vorbei. Aber da ich schon bald auf dem Hof der Stille sein werde – zwei Wochen Schreibzeit mit Freundin K. –, habe ich gar keine Zeit, mich zu beschweren.
Außerdem könnte ich endlich anfangen, den zweiten Akt zu schreiben. Und was tue ich stattdessen? Ich verliere mich in Recherchen, schaue nach Mails, schreibe selber welche. Während mir die Zeit davonläuft, in der ich etwas fertigstellen sollte, wenn ich mit dem Schreiben tatsächlich Geld verdienen will. Oder ich sollte mich endgültig von meinem Traum verabschieden.
Andererseits, wenn ich Mister Hillman lese, sein großartiges, wenn auch etwas verworrenes Buch über „Charakter und Bestimmung“, dann glaube ich wieder an die Berufung. Dann glaube ich wieder daran, dass ich eine Affinität dazu habe, Papier vollzuschreiben. Auch wenn ich seit ein paar Jahren auf dem PC schreibe.
In meiner Kindheit war ich von Papier begeistert. Ich liebte alte Kalender, schönes neues Papier, unbeschrieben. Und ich las. Versenkte mich in meine eigene Welt. Später dann diese tage- oder wochenlange Beschäftigung mit den ausgeschnittenen Frauen und den Geschichten, die ich mir für sie ausdachte.
Ist das nicht ein Ruf?
Mit fünfundzwanzig die kleine Erzählung über meine verstorbene Großmutter. Acht Jahre später der Versuch eines Theaterstücks. Zehn Jahre später der Entschluss, nun endlich einen Roman zu schreiben. Für die Umsetzung brauchte ich weitere fünf Jahre.
Ich könnte darüber schreiben, wie man an seinem „eigentlichen“ Leben vorbeilebt. Wie man alles Mögliche tut, um nur nicht schreiben zu müssen. Männer suchen. Sich suchen. Eine Erklärung für das Leben finden. Warum bin ich hier? Was soll das Ganze?
Obwohl ich ständig denke, ich sollte schreiben, und verdammt, warum fällt mir nicht endlich etwas ein, obwohl ich nach wie vor grübele, muss ich feststellen, dass ich mich schon lange nicht mehr so leicht und unbeschwert gefühlt habe wie in diesem Sommer.
Ein Bilderbuchsommer. Mein Körper entspannt sich. Als würde er begreifen, dass es mir ernst ist mit dem anderen Leben, das ich führen will. Eins, in dem es um Sinn geht. Nicht darum, die Zeit bis zur Rente irgendwie herumzubringen. Ich will ein richtiges Leben, und gerade jetzt in diesem Augenblick fühlt es sich richtig an.
Bevor ich ins Havelland fahre, richte ich mir noch das Gästezimmer als Schlafzimmer her. Der Mann ist nicht begeistert, kann meinen Argumenten aber nichts entgegensetzen. Ohne ihn schlafe ich besser. Ich ziehe es vor, beim Herumwälzen in der Nacht, den ständigen Positionswechseln und den langen schlaflosen Phasen mit mir allein zu sein.
Auf dem Hof der Stille zwitschern die Vögel, ein paar Tauben gurren, die Wildgänse schnattern. Die Freundin arbeitet an ihrem Buch, ich drehe mich im Kreis. Schreibe Morgen-, Mittag- und Abendseiten, nur der zweite Akt, der wartet. Nichts passiert.
Leere den Geist. Fordere nichts, wünsche nichts, fürchte dich nicht. Klugscheißerin.
Ich bin nicht nur zum Vergnügen hier. Obwohl es ein Vergnügen ist. Natürlich. Dieser umwerfende Sommer. Die Trägheit, die uns spätestens nach dem Mittagessen überfällt. Unsere täglichen Bäder in der Gülpe, einem kleinen Nebenarm der Havel. Die Spaziergänge am Abend. Das Glas Wein in der nächtlichen Stille.
Und die Kraniche nicht zu vergessen.
Früher dachte ich, Vögel beobachten sei etwas für alte Leute. Heute sitze ich selber mit einem Fernglas im Feld. Und dann fällt mir ein, dass ich ja tatsächlich alt bin. Nicht was mein Fühlen angeht, aber das Geburtsdatum im Ausweis deutet darauf hin.
Die Freundin fährt zum verabredeten Termin nach Hause, während ich verlängere. Vom Sonnenzimmer im Hof gelingt mir der Aufstieg ins Haupthaus, wo es eine kleine Wohnung mit einem Zimmer, Küche und Bad gibt. Ideal für eine Person. Allerdings schlafe ich schlecht, selten vor Tagesanbruch. Wie schon so oft in der Vergangenheit liege ich nachts wach und lausche in die Dunkelheit, in diese Stille hinein, die hier viel stiller ist als in der Stadt. Alle Urängste treten an und verderben mir ein wenig die Freude, hier zu sein.
Tagsüber jedoch, obwohl übermüdet und ein wenig konfus von viel zu wenig Schlaf, schreibe ich – ich weiß nicht, was den Anstoß gegeben hat – den zweiten Akt. Als hätte es die Wochen der Qual, der Ungewissheit nicht gegeben.