Der Zug hat Verspätung, aber wenigstens funktioniert die Heizung. Auf den Feldern liegt Schnee und mir ist ein wenig mulmig zumute. Mit Judith war es schwierig am Anfang. Als ich sie anrief, lag sie krank im Bett. Erfreut war sie nicht über mein Anliegen.
Der Fotograf wäre doch schon vor über einem Jahr bei ihr gewesen. Und in der Zwischenzeit wäre nichts passiert. Sie glaubt nicht an das Fotobuch, das eines Tages erscheinen soll, aber wenn ich zu ihr käme, würde sie mit mir reden.
Außer ein paar Daten und einer Erklärung, die sie im Februar 1992 abgegeben hat und die man auf „Zeit online“ nachlesen kann, verbinde ich nichts mit ihrem Namen. Keine Erinnerung, keine gemeinsame Vergangenheit, abgesehen davon, dass wir beide in der DDR aufgewachsen sind.
Heute lebt sie die meiste Zeit draußen auf dem Land, in einem kleinen Ort in der Ostprignitz, von dem ich noch nie gehört habe. Um sie an unser Treffen zu erinnern, musste ich eine weitere Mail schreiben. Die Antwort kam nach einer Woche. Sie verwies auf eine Webseite, dort könne ich eine genaue Wegbeschreibung finden. Vom Hauptbahnhof fahren die Züge alle halbe Stunde. Sie würde mich abholen, wenn ich sie vorher anriefe. Die Satzanfänge und das „Sie“ hatte sie großgeschrieben. Alles andere klein. Eine eigenwillige Frau.
Das passt zu dem, was ich bisher über sie gelesen habe und was mir nicht gerade Begeisterung entlockt. Eine Oppositionelle, die in der DDR aus politischen Gründen im Gefängnis gelandet war, später für die PDS im Bundestag saß und die dann über ihre Stasivergangenheit gestolpert war.
Mit Menschen, die bei der Stasi waren, möchte ich eigentlich nichts zu tun haben. In vielen Fällen haben sie Leid und Unglück über die Menschen gebracht, die sie bespitzelt haben. Ihnen ist es zu verdanken, dass Lebensträume geplatzt sind, Menschen verhaftet, Hoffnungen zerstört wurden.
Der Mann ist das beste Beispiel dafür. Man hat ihn nicht nur bespitzelt, seine Theateraktivitäten beobachtet, sie haben auch dafür gesorgt, dass er seinen Traumberuf nicht ergreifen durfte. Regie oder Dramaturgie hatte er studieren wollen, und gäbe es den dicken Stoß an Akten nicht, in dem alle Vorgänge und Anweisungen bezüglich der Vereitelung seiner Pläne genau dokumentiert sind, dann würde er vielleicht heute noch glauben, er hätte sich das damals nur eingebildet und womöglich unter Verfolgungswahn gelitten. Aber man kann es schwarz auf weiß lesen.
Diesem „Subjekt“ – sie haben es anders formuliert – „ist der Zugang zu einer Hochschule zu verwehren.“
Trotzdem ist mir klar, dass man sich den Einzelfall ansehen muss und keine pauschalen Urteile fällen sollte. Ich bin offen für Judith, werde mir alles anhören, was sie zu sagen hat und dabei so vorurteilsfrei wie möglich sein.
Laptop, Aufnahmegerät, Wein und die gewünschten Orangen – ich habe alles dabei, was ich brauche und worum Judith gebeten hat. Denn sie hat mir sofort angeboten, bei ihr zu übernachten.
Während ich die Schneeflocken beobachte, die an den Fenstern vorbeisegeln, überlege ich, was sie wohl sagen wird, wenn ich ihr erzähle – und das werde ich auf alle Fälle tun –, dass ich mich schon 1976 entschieden hatte, die DDR zu verlassen.
Ich hatte nie den Mut, mich politisch zu betätigen. Die Angst vor Repressalien oder gar einem Gefängnisaufenthalt war größer als mein Drang, das System zu verändern. Außerdem hielt ich die DDR für nicht reformierbar. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Allerdings hätte man die Wiedervereinigung dazu nutzen sollen, dem neuen Staat eine neue Verfassung zu geben. Mehr Gerechtigkeit, mehr staatliche Kontrolle, nicht dieser blinde Glaube, dass der Markt sich selbst organisiert und dass der Kapitalismus und die jetzige Form der Demokratie das Nonplusultra wären. Nur kommen wir mit „hätte“ und „könnte“ nicht weiter. Es ist, wie es ist, und wenn es uns nicht gefällt, müssen wir etwas dagegen tun.
Die Oppositionellen, die ich bisher getroffen und interviewt habe, waren nicht begeistert von den vielen Ausreißern, die der DDR den Rücken gekehrt hatten, viele wegen der Westmark. Für sie selbst war es nie eine Option, die DDR zu verlassen. Sie wollten den Sozialismus verändern, wollten ihn menschenwürdig gestalten.
Ich habe großen Respekt vor diesen Menschen. Sie haben nicht darauf gewartet, bis es Tausende waren, die auf die Straße gegangen sind. Schon lange vorher hatten sie mit kleinen oder größeren Aktionen Courage gezeigt.
Hätte ich vielleicht im Osten bleiben sollen? Immerhin sind da Dinge passiert, die ich nie für möglich gehalten hätte.
Wenn Judith für mich eine Verräterin ist, bin ich für sie vielleicht auch eine. Aber es kann auch sein, dass mich die eigenen Ängste plagen, ich könne nicht gut genug sein für meine Aufgabe.
Um mich abzulenken, fange ich an, das Tagebuch vom letzten Jahr zu lesen, das ich zu diesem Zweck noch schnell eingepackt habe. Sonst nutze ich die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester, um das alte Jahr noch einmal Revue passieren zu lassen. Dafür treffe ich mich manchmal mit den Vollmondfrauen, wir erzählen uns gegenseitig, was in unserem Leben passiert ist, berichten von Höhepunkten und Niederlagen. Und obwohl wir das alles schon gewusst und miterlebt haben, sind wir nicht selten erstaunt und gerührt von dem prallen Leben, das wir führen.
Diesmal waren wir zwischen den Jahren an der polnischen Ostsee, die Mädels, dazu die dritte Schwester mit ihrem Mann, insgesamt waren wir zu sechst.
Obwohl es im Hotel einen Kamin gab und wir reichlich Zeit für eine Rückschau gehabt hätten, haben wir uns – vielleicht aus Rücksicht auf die beiden mitreisenden Männer – am knisternden Feuer nichts vom vergangenen Jahr erzählt, sondern Schlager, Schnulzen und Kampflieder aus unserer Kindheit gesungen.
„Marleen, eine von uns beiden muss nun gehn, ich bitte dich, geh du Marleen.“
„Wir saßen träumend im Gras, die Köpfe voll verrückter Ideen.“
„Spaniens Himmel breitet seine Sterne über unsre Schützengräben aus.“
„Ringsum prangten leuchtend Apfelblüten, still vom Fluss zog Nebel noch ins Land.“
„You may say I’m a dreamer, but I’m not the only one.“
Es ging ziemlich hoch her, auch laut wurde es zu vorgerückter Stunde, aber alle anderen Gäste hatten sich recht schnell in ihre Zimmer zurückgezogen – ohne uns zu ermahnen übrigens, von den Polen kann man einiges lernen –, sodass wir in aller Ruhe weiter singen konnten. Schön war das.
Irgendwann im Juli schrieb ich, 2009 wäre das beste Jahr seit langem. Dem kann ich immer noch zustimmen. Ich habe es geschafft, aus einem Job auszusteigen, mit dem mich seit zwanzig Jahren eine Art Hassliebe verbunden hatte. Nicht ganz freiwillig, gut, mein Körper musste mir den Weg weisen, aber dann habe ich es getan.
Dafür weiß ich jetzt, dass ich eine Schmerzkrankheit habe. Mit der es sich so ähnlich verhält wie mit Alkoholismus. Sie wird mir wohl für den Rest meiner Jahre erhalten bleiben. Aber wenn das der Preis für das Wohlbehagen ist, das ich in letzter Zeit häufig spüre, die Lebendigkeit, dann werde ich ihn zahlen.
Immerhin habe ich ein Rezept, das mir hilft, mit den Schmerzen umzugehen. Akzeptieren. Beobachten. Das Geschnatter im Kopf ignorieren. Das tun, was mir Freude macht. Mit Menschen reden. Mir Geschichten aus ihrem Leben anhören. Diese Geschichten aufschreiben. Vielleicht eines Tages meine eigene Geschichte aufschreiben.
Nach einer Fahrt über braune Felder und Wiesen, hier und da eine weiße Schneekappe, bin ich endlich da. Das letzte Haus in einer Reihe von sieben oder acht.
Es würde mich nicht wundern, wenn Judith auf einem Besen durch den Schornstein käme. Das kommt sie nicht, aber trotzdem hat diese Begegnung etwas Ungewöhnliches an sich, fast möchte ich von Magie reden. Das einsame Haus, der Rauch, der aus dem Schornstein steigt, und natürlich die Ruhe, die mir unheimlich ist.
Ich finde keine Klingel, und auch auf mein Rufen tut sich nichts. Die Türklinke lässt sich herunterdrücken, das Haus ist offen. Im Vorraum ist es dunkel.
„Hallo? Jemand zu Hause?“
Dann höre ich Gott sei Dank eine Stimme. „Ich bin in der Badewanne. Geh schon mal ins Wohnzimmer.“