Anfangs ist Judith etwas zurückhaltend, was daran liegen könnte, dass sie sich unklar darüber ist, ob ich aus dem Westen oder dem Osten komme. Nicht, dass das etwas ändern würde, aber sie weiß so etwas sonst sehr schnell. Als ich ihr erzähle, dass ich 1981 in den Westen gegangen bin, lacht sie.
„Alles klar. Du hast noch den Stallgeruch. Den wird eine Ostfrau nicht einfach los.“
Ich nehme diese Aussage als Kompliment, da ich Frauen aus dem Osten mehrheitlich als selbstbewusst, emanzipiert, aber vor allem nicht übertrieben zimperlich erlebe.
Judith ist an der Ostsee geboren, in der Vinetastadt Barth, hat später in Stralsund gelebt und die Sommer oft auf Hiddensee verbracht. Auf „meiner“ Insel also.
Bevor wir mit dem Interview anfangen, zieht sie sich um. Ein schwarzes Kleid, das Oberteil wie ein Mieder, die offenen Haare eine Pracht, gut sieht sie aus. So stellt sie sich an den Herd, es wird Nudeln mit Lachs und Brokkoli geben, und dazu hätte sie gern ein richtiges Gespräch, keine einseitige Befragung.
Und schon geht es los. Wir reden in der Küche, wir reden während des Essens, wir reden bis morgens um drei, und den nächsten Vormittag reden wir immer noch. Nach einer halben Stunde fühle ich mich, als hätte ich eine verlorengegangene Schwester wiedergefunden. Zwischen uns herrscht eine große Vertrautheit, als würden wir uns seit Jahrzehnten kennen, hätten uns nur lange nicht gesehen.
Ich lerne eine kluge, sehr emotionale, analytisch denkende Frau kennen, die zu DDR-Zeiten Mode entworfen hat. Man konnte ihre Sachen in der „Sibylle“ sehen, fotografiert u. a. von Sibylle Bergemann. Eine Frau, die als Kind von einer besseren Welt träumte, die deswegen in die SED eingetreten war und aus diesem Grund auch für die Stasi gearbeitet hatte.
Ich denke, wie kannst du nur so dumm gewesen sein? Doch zum ersten Mal kann ich die Beweggründe eines Menschen für einen solchen Schritt nachvollziehen. Was wäre aus mir geworden, wenn mir meine Eltern bereits als Kind erklärt hätten, der Sozialismus in der DDR wäre noch nicht perfekt, die Idee an sich jedoch die einzig richtige? Nun müsse sich eben jeder dafür einsetzen, dass sie tatsächlich verwirklicht wird. Und das könne man nur, wenn man in der Partei ist und sich dort für Gerechtigkeit einsetzt und Missstände anprangert. Wie hätte ich diese Gedanken verarbeitet?
Vielleicht hatte ich Glück, weil in meiner Familie alle gegen diese Form des real existierenden Sozialismus waren. Weil ich schon als Kind mit der Tante und dem Onkel aus dem Westen diskutieren konnte, weil ich West-Radio hören durfte, West-Fernsehen sehen musste, ja, musste, einen anderen Sender gab es bei uns nicht. Meine Großmutter behauptete, vom Umschalten ginge das Gerät kaputt. Was sie allerdings nicht davon abhielt, sich montags im Ost-Fernsehen die alten Filme mit Theo Lingen und Hans Moser anzuschauen. Damals, als wir den alten Apparat meiner Mutter bekamen. Da war ich vierzehn.
In unserer Laube akzeptierten wir den kapitalistischen Lebensstil so selbstverständlich wie in der Schule den Sozialismus.
Als Judith mir erzählt, wie sie nach dem Lesen der KSZE-Akten tagelang weinte, weil sie plötzlich erkannt hatte, dass das, was sie bisher gedacht und getan hatte – aufgrund ihrer Aktivitäten waren mindestens drei Menschen wegen versuchter Republikflucht inhaftiert worden –, dass dieser Verrat falsch war und kein Land der Welt das Recht hat, seine Bürger einzusperren, fließen auch bei mir die Tränen. Ich bin berührt und beeindruckt, wie ein Mensch durch Reflexion und Nachdenken sein Handeln infrage gestellt und sein Leben geändert hat. Ist es nicht das, was das Menschsein ausmacht? Sich irren und diesen Irrtum eingestehen?
Warum fällt das so vielen Menschen schwer? Warum sagen Politiker nicht: „Oh, sorry, aber meine Einschätzung vor einem Jahr, die war falsch. Die beruhte auf manipulierten Zahlen oder Fakten.“ Nein, sie lügen stattdessen weiter und geben Fehler erst zu, wenn sie überführt sind.
Da man sich bei der Stasi nicht mal eben abmelden konnte, erzählte Judith nach ihrem Entschluss auszusteigen allen, die es hören wollten, dass sie für die Stasi arbeitet. In den Unterlagen kann man lesen: „Die Genossin ist unzuverlässig.“
Später wurde sie in der Opposition aktiv, musste selber ins Gefängnis, weil sie zusammen mit zwei Freunden einen Brief an Honecker geschrieben hatte, in dem sie die DDR als Unrechtsstaat bezeichneten. Als einen Staat, in dem Schriftsteller an der Ausübung ihrer Arbeit gehindert werden, wenn ihre Werke nicht systemkonform sind. Ein Vorgehen, das von den dreien als symptomatisch für den Umgang mit Kritikern generell verurteilt wurde.
Die zwei Tage bei Judith wirken noch eine Weile nach. Es kommt mir vor, als hätte gerade dieses lange Gespräch mich mit der DDR ein wenig versöhnt. So weit versöhnt, dass ich nicht länger behaupte, ein Wossi zu sein. Nicht Wessi, nicht Ossi, Wossi eben. Vielleicht kann ich mich doch festlegen. Kann stolz sagen: Ja, ich bin eine Ostfrau.
Mit Judith werde ich auf alle Fälle in Kontakt bleiben, so viel ist klar, denn kaum bin ich wieder zu Hause, habe ich schon Sehnsucht nach ihrem Hexenhäuschen. Vielleicht auch nach den den Wiesen. Den Feldern. Dem Wald. Der Ruhe. Nach dieser Frau, der ich mich so stark verbunden fühle.
Ich habe nicht nur eine neue Freundin gefunden, ich habe mich auch in die Villa Martha verliebt, die natürlich keine richtige Villa ist, sondern ein kleines Haus, das neben Judiths Haus steht und das sie gelegentlich an Angler vermietet. Früher gehörte das Häuschen der LPG, hier lebte die Kuh Martha, die dafür bekannt war, dass sie besonders viel Milch gab. Jetzt sind dort zwei kleine, freundliche Atelierwohnungen inmitten von Feldern und Wiesen. Ein Ort, der dem sehr ähnlich ist, von dem ich seit langem träume. Eine Zuflucht auf dem Land. Vielleicht eine Zuflucht für mich?
Nachts ist mir übel und der Bauch tut weh. Die Bauchspeicheldrüse? Die Leber? Ich werde früh wach und fühle mich klein und verzagt. Ich frage mich schon wieder, was ich hier eigentlich mache, in dieser Welt und gefangen in dieser noch ungewohnten Situation.
Bilde ich mir tatsächlich ein, ich wäre freie Autorin? Weil ich ein paar Porträts schreibe?
Helga, meine Freundin aus Neukölln, ruft mich an. Wir kennen uns seit fünfzehn Jahren, seit wir uns zu Gestalttherapeuten ausbilden lassen wollten. Nach einem Jahr haben wir beide wieder aufgehört, sind seitdem jedoch befreundet.
Sie hat Krebs. Irgendwo an der Leber, ich habe den Namen „Klatskin“ noch nie gehört, aber beim späteren Recherchieren wird mir allein vom Lesen übel. Die Chancen stehen schlecht, hat man ihr gesagt, sie solle ihre Angelegenheiten regeln.
Allerdings interessiert es sie nicht, was die Ärzte erzählen, sie wird, bevor sie weitere Schritte unternimmt, nach Teneriffa zu einer Heilerin fliegen. Sie wird nicht sterben, sagt sie. Und dass sie sich meldet, sobald sie auf der Insel ist.
Nach dem Gespräch überlege ich, ob ich das Ganze vielleicht geträumt habe oder unter Halluzinationen leide. Diese Freude in der Stimme, beinahe euphorisch. Das alles passt so gar nicht zum Inhalt der Nachricht.
Als wir uns das nächste Mal sehen, hat man ihr einen großen Teil der Leber weggenommen. Nur ihre Heiterkeit nicht, die ist immer noch da. Trotz Krebs. Trotz der schlechten Prognose am Anfang, die inzwischen nicht mehr ganz so schlecht ist. Es gibt eine Koryphäe auf diesem besonderen Gebiet der Krebserkrankungen, und dieser Professor arbeitet ausgerechnet im ehemaligen Virchow-Krankenhaus in Berlin, von ihm wird sie behandelt.
Anscheinend hat sie noch einmal Glück gehabt, ist dem Tod von der Schippe gesprungen sozusagen. Und es wird schon gut gehen. Sie denkt nicht weiter als von einem Tag zum anderen, sagt sie, genießt jeden Augenblick, der sich genießen lässt.
So kann man auch mit einer tödlichen Krankheit umgehen. Wir sollten allerdings nicht erst auf die tödliche Krankheit warten. Wir sollten auch ohne Krankheit so leben, als könne jeder Tag unser letzter sein.