Einfach leben (42) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008 – 2012

Im April fliegen wir nach Frankreich. Der Mann wird in Toulon einen Vortrag über die Friedliche Revolution halten. Was liegt näher, als einen kleinen Abstecher in die Provence zu machen? Wir haben eine kleine Ferienwohnung gemietet, nur zwei Kilometer von der Hazienda der Freunde entfernt.

Die Landschaft besticht durch frische Farben. Es blüht und duftet, eine Freude für alle Sinne. Dazu das gute Essen – man könnte glauben, im Paradies gelandet zu sein. Nachts schlendern wir im Licht des Mondes über dunkle Feldwege unseren Betten entgegen.

Das Einschlafen klappt wunderbar. Aber die Morgenstunden. Wenn die Seele schutzlos aus der Nacht kommt. Dick und fett sitzt der Dämon auf der Bettkante und stellt blöde Fragen:

Hörst du das Schnarchen? Habt ihr früher von Liebe geredet? Wann hat er dir das letzte Mal gesagt, dass er dich begehrt? Dass er dich schön findet? Hat er das überhaupt jemals gesagt und du hast es nur vergessen? Sieht er dich manchmal mit diesem gewissen Blick an, bei dem du früher eine Gänsehaut bekommen hast?

Ich hatte noch nie eine Gänsehaut, wenn er mich angesehen hat. Verwechselst du das vielleicht mit den eigenartigen Gefühlen, die ich oft am Anfang einer Beziehung spüre? Wenn ich nicht weiß, wohin die Reise mit diesem Mann geht?

Und jetzt hör auf. Wir lieben uns. Das muss man sich nicht ständig sagen. Das muss man spüren.

Und? Spürst du es?

Lass mich verdammt noch mal in Ruhe.

Seit Jahren träume ich nun schon davon, für eine Weile auf dem Land zu leben. Träume soll man nicht aufschieben, eines Tages könnte es zu spät sein. Man könnte plötzlich sterben. Dann stehen sie an deinem Grab und sagen, dass du immer nur geträumt hast. Weil ich mir das nicht nachsagen lassen möchte und auch, weil mich der Klatskin-Krebs der Freundin durcheinandergerüttelt hat, miete ich für den Sommer das kleinere der beiden Appartements in der Villa Martha. Für diese Entscheidung brauche ich keine zwei Wochen.

Der Mann unterstützt meinen Entschluss. Zwei Tage in der Woche werde ich in Berlin sein, die restliche Zeit in der Ostprignitz. Am Wochenende wird er mich besuchen kommen. Ich vermute, dass er meine Abwesenheit kaum bemerken wird, so viel, wie er arbeitet.

In Judiths großem Garten blühen Löwenzahn und Magnolie. Zaghaft entrollt sich der erste Farn. Ein Kuckuck ruft, ein anderer antwortet, und auf der Wiese sitzt ein Hase und spitzt die Ohren. Schon nach einem halben Tag auf dem Land spüre ich die Entschleunigung. Etwas fällt von mir ab. Hier draußen bin ich eine andere.

In der ersten Nacht werde ich von einem eigenartigen Knacken und Pfeifen wach. Das Haus scheint sich zu bewegen. Blitze zucken über dem Wald, ein tiefes Grollen folgt, kurze Zeit später ein Guss, der mich fürchten lässt, das Dach könnte diesen Wassermengen nicht standhalten. Meine Sorge ist überflüssig. Alles ist solide. Weder hebt das Dach ab noch regnet es durch.

Die nächste Nacht ist ruhig. Es gibt kein neues Gewitter, keine besorgniserregenden Geräusche. Große Dunkelheit und eine schöne Ruhe draußen. Nur ein einsamer Nachtigall-Mann singt Strophe um Strophe. Er stellt den Gesang erst ein, wenn ihn eine Dame erhört. So hat es mir Judith erklärt. Also sucht er noch.

Der Mann fliegt zu einer Konferenz nach Albanien. Er hat es gut. Aber ich habe es auch gut. Ich bleibe eine Woche auf dem Land, recherchiere im Netz zum Thema Identität, denn das wird die junge Protagonistin Anna in meinem nächsten Drehbuch beschäftigen. Für den Stoffentwicklungskurs muss ich am Ende ein fertiges Exposé haben.

Ich denke über die Prämisse nach, also über meinen Stoff, die Welt, in der er spielt, darüber, wie die thematische Frage lautet, die der Film beantworten soll. Daraus werde ich die Plotskizze entwickeln, die Wendepunkte skizzieren, die Krisen. Als Erstes schreibe ich alles auf, was mir dazu einfällt. Wo kann man besser denken und schreiben als auf dem Land?

Also: Wie findet ein junger Mensch heraus, wer er ist? Ist das überhaupt eine Frage, die er sich in dieser Form stellt? Fragt er sich: Wer bin ich? Oder stellt er nicht andere Fragen? Zum Beispiel: Werde ich jemals erwachsen? Und was bedeutet es, erwachsen zu sein?

Diese Fragen könnte ich mir auch im wirklichen Leben stellen. Bin ich jetzt erwachsen? Falls ich diese Frage bejahe, woran erkenne ich das? Daran, dass ich einen Job habe? Fähig bin, in einer Beziehung zu bleiben?

Der Mann hatte eine gute Zeit in Albanien. Begeistert erzählt er mir von seinen Eindrücken und zeigt das Filmmaterial, das er mitgebracht hat. Als ich später auf die Uhr schaue, stelle ich fest, dass wir fünf Stunden geredet haben.

So ist das oft mit uns. Meist finde ich das, was er berichtet, interessant. Mir gefällt die Art, wie er die Welt sieht und Situationen einschätzt. Gleichzeitig können wir uns gegenseitig unsere Freiräume lassen. Wir leben nicht in Symbiose. Aber das ist mit mir auch nicht möglich. Ich brauche für mein Wohlergehen räumlich und psychologisch Platz. Ich bin doch nicht nur Teil eines Paares. Bei aller Übereinstimmung, die es zwischen uns gibt, haben wir doch unterschiedliche Vorlieben und unterschiedliche Meinungen. Aber wir unterstützen uns in dem, was dem anderen wichtig ist.

Der Mann weiß, wie sehr ich an diesem Projekt Sommerhaus hänge. Seit ich ihm noch einmal versichert habe, dass er wirklich jederzeit fahren kann und mich nicht aufs Land begleiten muss, geht es ihm besser. Mir ist nicht entgangen, dass er anders ist, wenn er bei mir draußen ist. Nicht unglücklich, aber Glück sieht anders aus.

Auf dem Land genieße ich vor allem die Ruhe. Den Blick über die Felder. Die Wiesen. Und das konzentrierte Arbeiten, das mir in der Stadt manchmal schwerfällt.

Da ich mit dem Exposé für das Drehbuch nicht so recht vorankomme, schreibe ich an einem Prosatext, den ich in einer ähnlichen Flaute angefangen habe. Über eine Frau, die einen großen Teil ihres Lebens in einem Café verbringt. Sie schreibt als Ghostwriterin Drehbücher für Liebesschnulzen, die sie selbst schrecklich findet, während sie in ihrem eigenen Leben keine Liebe findet. Unter einer anderen Identität flirtet sie im Internet mit zum Teil beträchtlich jüngeren Männern und wird in einem schönen Altweibersommer – so auch der Titel – mit einer Lebenslüge ihrer Familie konfrontiert.

Während ich schreibe, merke ich, dass sich im letzten Jahr etwas verändert hat. Die Zeit der Unbekümmertheit ist vorbei. Ich kann das, was ich über Dramaturgie gelernt habe, nicht einfach vergessen. Vielleicht ist es deswegen auch keine Prosa, was ich hier schreibe, sondern eine Art Vorbereitung für ein neues Drehbuch. In den Pausen laufe ich über die Polderwiesen und komme mit üppigen Sommersträußen zurück.

Die Tage sind friedlich, die Nächte eine Herausforderung. Ich habe Angst. So viel Angst, dass ich nicht schlafen kann. Wieder quälen mich Bilder von marodierenden Horden, Mördern und Vergewaltigern. In der Hoffnung, mich sicherer zu fühlen, lege ich mir Messer neben das Bett. Viel nützt es nichts. Dann endlich die letzte Nacht, bevor ich für zwei Tage zurück in die Stadt fahren werde.

Es fängt damit an, dass ich schlecht einschlafe und nach zwei Stunden wieder wach bin. Zitternd. Frierend. Als hätte ich Schüttelfrost. Dazu die Angst. Ich kann mich an keinen Alptraum erinnern. Aber bewegt sich draußen nicht etwas? Alles in mir lauscht. Der Körper ist völlig konfus. Es kribbelt in mir und ich bekomme keine Luft. Auf der linken Körperseite setzt eine Art Starre ein. Ich kann mich nicht bewegen. Irgendwann ist es mir egal, ob da draußen Mörder und Räuber herumschleichen. Ich bin damit beschäftigt, am Leben zu bleiben.

Endlich. Halb fünf. Draußen wird es hell. Ich habe es mal wieder geschafft. Wie ein Baby schlafe ich bis acht.

Dann ist alles wieder gut. Die Sonne scheint in mein Bett. Während der Espressokocher blubbert, öffne ich die Tür in den Garten und trete auf die Wiese, auf der ich wie jeden Morgen durch den Tau laufe. Der Kuckuck kuckuckt schon seit einer Weile. Vor mir liegt die Katze im Gras, Judith sitzt in einiger Entfernung auf einem Stuhl in der Sonne und gibt sich meditativen Überlegungen hin.

Die Schwalben sind emsig, über dem Feld fliegen Spatzen und Raubvögel fleißig hin und her. Dazu das Summen der Bienen. Und dann sehe ich vier Kraniche über den Garten fliegen.

Der Mann ist weder auf dem Festnetz noch auf dem Handy erreichbar. Das ist ungewöhnlich. Wir haben vereinbart, dass wir am Vormittag noch einmal telefonieren, damit ich weiß, ob ich mit der Bahn in die Stadt fahren muss oder ob er mich mit dem Auto abholt. Eigentlich ist er in solchen Dingen sehr zuverlässig.

Ich versuche es weiter und fange langsam an, mir Sorgen zu machen. Seine Nichterreichbarkeit kann zweierlei bedeuten: Er ist tot. Oder er ist bei einer anderen Frau.

Ich weiß nicht, warum mir ausgerechnet eine andere Frau einfällt. Aber nach dieser furchtbaren Nacht ist das vielleicht kein Wunder. Oder ist der Körper tatsächlich klüger? Vielleicht weiß er etwas, was ich noch nicht weiß?

Nach einem letzten vergeblichen Anruf bin ich bereit für einen Deal. Lieber Gott, bitte mach, dass er nicht tot ist. Meinetwegen bei einer anderen Frau, aber nicht tot. Oder soll ich es mir doch lieber andersherum wünschen?

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