Doch dann ist der Mann plötzlich da, und ich bin so froh und erleichtert. Überfalle ihn mit der Frage, warum er denn sein Handy ausschaltet. Er stellt die schwere Tüte ab, die voll ist mit den Lebensmitteln, um die ich für die nächste Woche gebeten hatte, das Kuchenpaket kommt auf die kleine Arbeitsfläche.
Sogar Kuchen hat er mitgebracht, der Gute, der mich gar nicht begrüßt, nur nebenbei „Hallo“ sagt und mich an den Oberarmen packt. Ich soll mich erst einmal setzen. Warum soll ich mich setzen? Und ich soll nicht so erschrocken gucken. Dann sitze ich und er sitzt auch, und dann sagt er es.
Er hat sich in eine andere Frau verliebt. In Albanien. Eine Teilnehmerin der Studienreise. Es war Liebe auf den ersten Blick. Sie haben sich in die Augen gesehen, und schon war es passiert. Dann sind sie sich eine Woche lang aus dem Weg gegangen, nur am letzten Abend war das nicht länger möglich. Später haben sie geredet. Und danach beschlossen, sich eine Weile nicht zu sehen, keinen telefonischen und anderen Kontakt zu halten. Was ihnen nicht gelungen ist. Eine große Liebe, das weiß er. Und auf die möchte er auf keinen Fall verzichten. Schon gar nicht auf die Leidenschaft, die er sehr vermisst hat in der letzten Zeit.
Großes Kino also. Erster Akt, zweiter, dritter, und als Kiss off dann ich, die ich auf diese Eröffnung hin erstaunlich ruhig bleibe. Die ich mit ihm im Garten sitze und irgendwann sogar Kaffee trinke und Kuchen esse, die ich klug und nüchtern rede. Mein Weinen ist verhalten, ich mache keine Szene. Natürlich ist das alles für mich unangenehm, aber doch nicht zu ändern. Was soll er tun, wenn er sich so verliebt?
Er ist erleichtert. Schlecht ist es ihm in den letzten Tagen gegangen, weiß er doch, wie sehr ich es hasse, wenn man mich belügt. Nun ist er froh, dass sein Geheimnis endlich heraus ist. Sogleich geht er vor die Tür, um der neuen Frau eine SMS zu schicken. Habe es hinter mir. Oder so ähnlich. Und dann schreibt er wohl noch, dass sie ihn jetzt jederzeit anrufen könne, wenn sie möchte. Kurze Zeit später ruft sie an, und er geht mit dem Handy im Garten herum, während er mit ihr spricht. Was er ihr wohl sagt? Sie hat es gut verkraftet? Hält sich tapfer? Wir müssen uns keine Sorgen machen, ich bin in einer Stunde bei dir, mein Schatz?
Später gibt es ein paar weitere Informationen über die neue Liebe. Es scheint sich herum gesprochen zu haben, dass für die Frau, die man verlässt, bestimmte Details wichtig sind. Die neue Frau ist nicht jünger. Auch nicht schöner. Aber diese Augen, in die er sofort versunken ist. Diese Leidenschaft.
Ich beschließe, dass mir diese Leidenschaft schnuppe ist. Dann treffe ich eine erste Entscheidung. Ich möchte, dass er mich nach Berlin zu den Schwestern fährt. Weder halte ich es in dieser Situation auf dem Land aus, noch erscheint mir die gemeinsame Wohnung in der Stadt der für mich passende Ort zu sein. Während er schweigend fährt, weine ich lautlos. Ich habe kein Auge für die Landschaft, die ist mir so was von egal.
Bei den Freundinnen bin ich gut aufgehoben. Sie kochen mir einen Tee, geben mir einen Schlafanzug, legen eine wärmende Decke über das Bett. Weil ich friere. Immer nur friere.
Am nächsten Abend schreibe ich in einem tränenlosen Moment einen Beitrag für meine Webseite.
Eines Tages, wenn wir alle drei sehr alte Damen sind, werden wir daran zurück denken. Wir werden auf einer Bank in der Sonne sitzen und längst unseren Frieden mit der Welt gemacht haben. Mit ihren Ungerechtigkeiten, den Ärgernissen, den Fehlschlägen, Niederlagen, dem ganzen Auf und Ab des Lebens eben, und natürlich auch mit den Männern, die uns nicht oder nicht mehr geliebt haben. Weise und wunderbar werden wir sein, und das Wort Liebeskummer wird nur noch ein wissendes Lächeln und ein kaum hörbares Seufzen auslösen. Ach ja.
Weißt du noch, wie ich dir als erstes um den Hals gefallen bin und geweint habe? Als würde ich nie mehr aufhören können? Wie du mich hieltest, mir über den Rücken strichst und immer nur ja sagtest? Ich wollte Wein. Und ein Käsebrot. Später hast du Tee gekocht und mir in den Schlafanzug geholfen. Ich durfte in deinem Bett schlafen. Und nachts klopfen, wann immer ich das Bedürfnis hätte, damit Ihr meine Hand halten könntet.
Natürlich habe ich nicht geklopft. Die Nacht war grässlich, aber was habe ich erwartet, die erste ist die schlimmste, sagt man. Dann dieser unglaubliche Regenschauer am nächsten Morgen beim Spaziergang. Das Wasser lief durch unsere Regenjacken, über den Hals, unter die Hemden, über den Rücken. Ich sagte, ich habe das Gefühl, in diesem Moment entspricht der äußere offensichtlich meinem inneren Zustand. Und darüber haben wir gelacht.
Ich bleibe ein paar Tage bei den Schwestern. Manchmal bin ich plötzlich glücklich, kleine kostbare Momente, die nichts an dem großen, gewaltigen Kummer ändern. Nachts kann ich nicht schlafen. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit breche ich in Tränen aus. Wird mich diese Trennung umbringen? Ich kann mir nicht vorstellen, weiterzuleben. Wenn ich mich für einen Moment friedlich fühle, kann ich darauf wetten, dass der nächste eine Qual ist. Dann erscheint mir sein Bild. Oder ich male mir Situationen aus, die ich zukünftig ohne ihn erleben muss.
Wie konnte ich nur jemals glauben, das Schreiben würde mich vor größerem Liebeskummer bewahren? Der Kummer ist schlimmer geworden. So habe ich noch nie gelitten. Oder doch? Ich weiß nichts mehr. Nur, dass ich jetzt endgültig und für alle Zeit verlassen bin, niemanden mehr habe, niemanden wichtig bin. Keiner liebt mich. Die Katze ist aus dem Sack. Der Mann hat sie herausgelassen.
Das ist natürlich nicht realistisch. Es gibt neben den Schwestern noch andere Menschen, die mir etwas bedeuten, denen ich etwas bedeute. Die mich, nachdem sie ihrer Fassungslosigkeit oder ihrem Ärger Ausdruck verliehen haben, aufmuntern und von mir wissen wollen, wie sie mir helfen können. Sie alle wünschen sich, dass es mir gut geht. Dass ich nicht leide. Und trotzdem verstehen sie auch den Mann, der sich verliebt hat. Ich verstehe ihn auch. Ein wunderbares Gefühl, so verständig zu sein.
Meine letzte Therapiestunde. Frau Luzie hat mir zum Abschied ein Buch gekauft. Als hätte sie geahnt, in welchem Zustand ich zu ihr kommen würde. Heulend und verzweifelt. Der Titel des Buches? »Wenn alles zusammenbricht«. Das kann ich gut gebrauchen. Es ist alles zusammengebrochen. Frau Luzie ist sich sicher, dass ich noch einmal zwanzig Stunden Therapie bewilligt bekäme, weil es sich bei einer Trennung um eine Notsituation handelt.
Im ersten Moment gefällt mir ihr Vorschlag, aber schon am nächsten Tag überlege ich es mir anders. Ich brauche keine Hilfe. Ich schaffe das allein. Wo doch schon die Überschriften in dem Buch Wunder gewirkt haben. Der gegenwärtige Augenblick ist der vollkommene Lehrer. Deswegen kann er sein, wie er ist. Mehr muss ich nicht wissen. Zumal ich es längst weiß. Aber es ist immer gut, wenn man an die wichtigen Dinge erinnert wird.
Mein Entschluss steht fest: Ich werde zurück in meine Sommerwohnung fahren und dort eine Art Retreat machen. Allein bin ich dort sowieso die meiste Zeit, also werde ich in den nächsten Tagen weiter schreiben, viel meditieren, und am Ende werde ich mich von meinem Liebeskummer geheilt haben.
Gott sei Dank kann ich Frau Luzies Gesicht nicht sehen, als ich mit ihr telefoniere und sie über meine neuen Absichten in Kenntnis setze. Aber ich höre ihre Empörung in dem, was sie nicht sagt. In ihrem Luftholen ist alles enthalten. Sie denkt, ich bin verrückt geworden.
Vielleicht hat sie recht. Aber das ist mir in diesem Augenblick egal. Ich habe etwas erkannt. Es gibt keine Hoffnung. Das waren nicht nur die letzten Worte des Mannes – er wüsste nicht, wie es weiterginge mit dieser Liebe, aber ich solle mir keine Hoffnungen machen – diese buddhistische Nonne sagt es auch in ihrem Buch. Und ich verstehe.
Es wird niemals besser. Auch in der Zukunft wird all das Wunderbare nicht passieren. Stattdessen werden Menschen sterben, eine Freundin, ein Freund vielleicht, ich sowieso, und ich werde auch nie die Frau sein, die für alle Zeiten von einem Mann geliebt wird. Und sollte es diese Möglichkeit doch geben, werde bestimmt ich diejenige sein, die sich mit dieser Liebe schwertut. Ist es nicht eigentlich dieses Unsichere im Leben, das uns die einzige Sicherheit bietet?
Für eine Frau wie mich, die manchmal so wenig in sich selbst zu Hause ist und ständig hofft – auf eine Veröffentlichung, ein gutes Drehbuch, darauf, dass die Schmerzen verschwinden, dass ich geliebt werde – ist eine solche Erkenntnis heilsam. Also, ich lasse die Hoffnung ziehen und besinne mich auf das, was ist.
Bin ich jetzt erleuchtet?