Auch von Helga gibt es Neuigkeiten. Eigentlich hat sie auf ihre Reha gewartet, nun ist sie wieder im Krankenhaus. Es geht ihr schlecht, sie hat eine Infektion. Deswegen mussten sie die Röhrchen, die sie ihr als Verbindung zwischen Leber und Galle eingenäht hatten, wieder entfernen und neue verlegen. Jetzt hängt sie am Tropf und übergibt sich häufig.
Alle Malaisen, die bisher ausgeblieben sind, die sind jetzt da. Es ist das erste Mal, seit sie so krank ist, dass ich sie weinen sehe. Es zerreißt mir fast das Herz. Ich wünschte, ich könnte etwas für sie tun. Könnte ihr das Versprechen geben, dass alles gut wird.
Stattdessen kämpfe ich mit meinem Liebeskummer. Den körperlichen und den seelischen Schmerzen. Und fühle mich schuldig, wenn ich meinen kleinen – was ist das schon, von einem Mann verlassen zu werden, immerhin lebe ich – mit ihrem großen Schmerz, mit dieser tödlichen Krankheit vergleiche.
Wenn ich Freunde treffe, bilde ich mir ein, auf meiner Stirn stünde mit großen Lettern meine eigentliche Schuld geschrieben. Ich wurde verlassen, weil ich zu wenig, weil ich in den letzten beiden Jahren sogar gar nicht gevögelt habe. Denn das habe ich inzwischen eingestanden. Natürlich habe ich ihn geliebt. Wir haben uns geliebt. Aber wir hatten keinen Sex. Vielleicht macht sich auch niemand darüber Gedanken. Eigentlich sind alle sehr nett zu mir.
Wenn ich zaghaft frage, ob ich doch noch eine Nacht bleiben könnte, obwohl ich eigentlich gehen wollte, fallen die Schwestern regelrecht über mich her und erzählen mir, wie froh sie sind, dass ich da bin. Das ist so echt, und darüber bin dann wieder ich so froh, dass ich vor lauter Frohsinn weinen könnte.
Ein paar Tage später fahre ich aber doch zurück aufs Land. Schließlich habe ich ja einen Plan. Ich werde mich hier von meinem Kummer heilen. Denke ich. Will ich glauben. Wo ich doch sogar die Möglichkeit einer weiteren Therapierunde zurückgewiesen habe. Wer A sagt, muss auch B sagen? Ich werde es auf alle Fälle versuchen.
Nachts rascheln Tiere über mir, es ist so still, dass ich vor lauter Stille nicht einschlafen kann, und ich habe vor allem eins: Angst. Oft träume ich vom Mann. Alle Träume haben mit Abschied zu tun und mit der Endgültigkeit unserer Trennung. Nicht einmal in meinen Träumen kann ich mir etwas vormachen. Er geht, ich bleibe allein zurück. Alt und einsam.
Stopp. Ich sollte besser aufpassen, was ich denke. Das habe ich doch herausgefunden. Solche Gedanken nützen niemandem, mir schon gar nicht, denn das Ergebnis sind körperliche Reaktionen oder auch Emotionen. Nach solchen Gedanken fühle ich. Und was ich fühle, ist auf keinen Fall angenehm.
Die gute Nachricht besteht darin, dass ich entscheiden kann, was ich denke. Das sagt sich mal wieder einfacher, als es getan ist. Der Prozess ist schwierig, erfordert ein großes Maß an Aufmerksamkeit. Oder sollte ich Bewusstheit sagen? Schon ein kleines Schwelgen in Erinnerungen löst Stunden der Trauer aus.
Die Schwestern würden vermutlich sagen, ich müsse doch trauern, die Trauer gehöre zum Leben, auch Frau Luzie würde mir das erzählen. Aber eigentlich möchte ich nicht trauern. Eigentlich möchte ich das Thema Trauer so nebenbei erledigen, während ich – ganz sachlich und neutral – meine Gefühle erforsche. Ich möchte verdammt noch mal herausfinden, ob an der buddhistischen Lehre etwas dran ist, dass ich mein Leid selbst schaffe.
Und was stelle ich dabei fest? Es sind immer dieselben Geschichten, die in meinem Kopf herumhüpfen. In abgewandelter Form erzähle ich mir ständig dasselbe. Keiner liebt mich. Was bin ich ohne Liebe? Ist es nicht der Mann, der mir Sicherheit gibt?
Interessante Frage. Dann fühltest du dich also unsicher, wenn du keinen Partner hattest?
Ich kann mich nicht erinnern, wie ich mich ohne Mann gefühlt habe.
Aber du erinnerst dich, dass auch du schon Männer verlassen hast, oder? Nun erlebst du es eben aus der anderen Perspektive. So etwas nennt man ausgleichende Gerechtigkeit.
Das war aber mit diesem Mann ganz anders als mit den Männern davor. Ich war glücklich.
Himmel. Mach mich doch nicht schwach. Hast du nicht gerade in dieser letzten Beziehung herausgefunden, dass es das Schreiben ist, das dich glücklich macht?
Ja, aber ich schreibe auch viel besser, wenn ich mich geliebt fühle.
Papperlapapp. Du schreibst, egal ob dich jemand liebt oder nicht. Oder was tust du hier gerade? Du hast es außerdem selbst gesagt: Männer kommen, Männer gehen. Nur das Schreiben, das bleibt dir!
Stimmt. Das habe ich gesagt, das habe ich sogar so gemeint. Aber jetzt …
Kein Aber. Das ist deins. Das gehört nur dir. Das bist du.
Was bin ich denn schon? Eine erfolglose Schreiberin. Als Geliebte ungenügend, als Autorin ebenso. Außerdem könnten meine Hände versagen, dann bin ich nicht mal mehr eine erfolglose Autorin.
Dann bist du eine Geschichtenerzählerin. Reden wird ja wohl noch gehen.
Und wenn ich nicht mehr reden kann? Dann bin ich nur noch ich. Dann bin ich das, was in mir lebendig ist. Das sich bewegt, beobachtet, das erstaunlicherweise auch nicht älter wird, weil „es“ sich noch genauso anfühlt wie vor fünfzig Jahren.
Aha. Etwas in dir. Deine Seele?
Ich weiß es nicht. Der göttliche Funken vielleicht?
Aber du glaubst doch nicht an Gott.
Woher weißt du das?
Weil du es gesagt hast.
Ich will aber manchmal an Gott glauben. Will daran glauben, dass es irgendwo eine Kraft gibt, die mich beschützt.
So wie sie die sechs Millionen ermordeter Juden beschützt hat?
Hör mal, wer auch immer du bist, selbst Rabbis und Juden glauben an Gott, obwohl er das alles zugelassen hat.
Aber was glaubst du?
Ich will gar nichts glauben. Ich will wissen.
Also gut. Und was weißt du?
Nichts, das ist ja das Elend. Ich weiß weder, ob es etwas gibt, das alles zusammenhält, noch wer ich bin, wenn ich keine Geliebte, Freundin, Autorin bin. Bin ich dann bedeutungslos?
Du fürchtest dich davor, bedeutungslos zu sein?
Jawohl, das tu ich. Ich fürchte mich davor, für niemanden wichtig zu sein. Eine Seele allein auf ihrem Weg durch die Welt.
Sei doch nicht so theatralisch. Eine Seele, die andere berührt. Dann ist sie nicht allein.
Dann ist sie eben nicht allein. Nur ungeliebt.
Ich drehe mich im Kreis. Wenn ich mich nicht im Kreis drehe, schaue ich nach, ob ich Post von Freundinnen habe. Mein Web’n’Walk-Stick ist meine Verbindung nach draußen. Die zu einer richtigen Einkehr wohl auch gekappt werden sollte. Wenn man auf einem Berg im Himalaya sitzt, schreibt man auch nicht nach Hause. Aber ich wollte nicht auf einen Berg, ich wollte aufs Land.
Und gerade habe ich überlegt, ob ich vor drei Monaten schon wusste, was mir passieren würde. Ob ich mir diesen Platz unbewusst, aber trotzdem mit voller Absicht ausgesucht habe, weil ich hier so fern und doch so nah dran bin an Berlin, an dem Mann, den ich liebe. Ob ich damals schon wusste, dass ich mich eines Tages hierher zurückziehen würde, um meine Wunden zu lecken?
Seit zwei Wochen lecke ich die jetzt schon. Meine Stimmung wird immer schlechter, meine nächtliche Unruhe immer größer. Aller Beobachtung, aller Analysen, allen buddhistischen Theorien zum Trotz. Ich schlafe nie vor vier oder fünf Uhr ein, bis dahin liege ich oft erstarrt im Bett, unfähig zur kleinsten Bewegung. Ich weiß nicht, was neben dem Liebeskummer noch mit mir los ist, ich weiß nur, dass es so nicht weitergehen kann.
Entscheidungen müssen getroffen werden, auch wenn sie mir peinlich sind. Es nützt alles nichts. Ich werde zurück nach Berlin gehen. Dies ist nicht der richtige Zeitpunkt für ein Pendeln zwischen Stadt und Land. Und offensichtlich bin ich auch nicht in der Lage, mit meinem Liebeskummer allein fertig zu werden. Von dem geplanten Retreat, das mich, wenn schon nicht erleuchten, doch wenigstens klüger machen sollte, will ich nichts mehr wissen.
Ich rufe Frau Luzie an, kleinlauter als beim letzten Mal. „Darf ich doch noch einmal kommen?“
Natürlich darf ich.
Der nächste Anruf geht in meine alte WG. Ich rede lange mit Anidana, erzähle ihm von den neuen Entwicklungen. Es ist schon wieder zwei Jahre her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben. Damals hatte er die Rede bei Vaters Beerdigung gehalten. Eine sehr gute Rede, aber das hatte ich von einem der besten Grabredner seiner Zunft auch nicht anders erwartet.
Jetzt ist das Zimmer unter dem Dach frei, und gegen kleines Geld kann ich es nutzen, wie es mir beliebt. Ob nur ein paar Tage in der Woche oder für einen längeren Zeitraum, die Entscheidung liegt bei mir. Er klingt tatsächlich so, als würde er sich freuen, wenn ich wieder heimkehre in den Schoß der Familie.
Der Mann will sich so schnell wie möglich eine kleine Wohnung suchen. Wenn wir uns zufällig in unserer Wohnung begegnen, ist ihm das schlechte Gewissen deutlich anzusehen. Aber er stellt seine Entscheidung nicht infrage.
Als ich mir – mit seiner Erlaubnis – meinen Film über das Buch, das einen Verlag sucht, von seinem Computer herunterladen will, entdecke ich das Foto seiner Liebsten. Er verwendet es als neuen Bildschirmschoner, so wie am Anfang unserer Beziehung mein Foto dort war. Das bricht mir ein weiteres Mal das Herz.
Dazu der große Sommerblumenstrauß, den er extra für sie gekauft hat. Sie war also hier. Hier in unserer Wohnung. Sogar in unserem Bett hat er mit ihr geschlafen. Das gibt er bereitwillig zu und versteht überhaupt nicht, warum mich das so wütend macht.
„Nach zwei Wochen geht sie hier schon ein und aus? Das findest du selbstverständlich?“
Es fühlt sich an, als wäre mein Zuhause plötzlich vergiftet. In der Wohnung erinnert mich alles an das Leben, das ich einmal hatte.