Einfach leben (46) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008 – 2012

Ab Oktober wird in der WG ein weiteres Zimmer frei. Bisher hatte es eine Schauspielerin aus Köln gemietet, die nur ab und zu in Berlin ist. Ich könnte also nicht nur zurückziehen, ich hätte sogar die Wahl zwischen den Zimmern unter dem Dach und denen im Erdgeschoss. Ich könnte auch in unserer Wohnung im Tiergarten bleiben, ich müsste mir dann allerdings Mitbewohner suchen.

Sogar nach Frankreich gehen könnte ich. Eine alte Freundin ist fest entschlossen, Deutschland zusammen mit ihren Töchtern für mindestens ein Jahr zu verlassen. Wenn ich wüsste, womit ich dort mein Geld verdienen soll, würde ich sie begleiten. Aber eigentlich ist es noch zu früh für Entscheidungen. Zumal ich nicht weiß, was ich will.

Ich weiß nicht nur nicht, was ich will, ich kann auch nicht mehr schreiben. Es kommt mir vor, als könne ich im Moment nichts anderes tun als warten. Darauf, dass wieder ein Tag vergeht. Ich möchte mich ablenken. Etwas Sinnvolles tun. Eine Antwort auf die Frage finden, wie ich in Zukunft leben will. Nicht allein, so viel ist mir fürs Erste klar. Ich brauche Menschen. Sie müssen nicht ständig anwesend sein, es genügt, wenn ich weiß, dass sie irgendwann nach Hause kommen. Die WG ist also eigentlich ideal.

Nachts habe ich eigenartige Träume. Ich soll meine Adresse angeben, aber mir fällt keine ein. Stattdessen versuche ich es mit dem Wagnerweg, dort habe ich mit den Großeltern gelebt. Anscheinend macht dieses Gefühl des Unbehaustseins etwas mit mir. Dieses Pendeln zwischen Tiergarten und Nikolassee, mal mit leichteren, mal mit schwereren Taschen. Ich sehne mich nach Beständigkeit. Oder nach einem Mann? Vielleicht muss ich akzeptieren, dass es für mich keinen mehr geben wird.

Der Gebrauchtbuchhändler schreibt mir nicht mehr. Vielleicht hat er sich in eine andere Frau verliebt. Vielleicht hat er die Nase voll von der Online-Suche. Oder er hat meinen Blog gelesen und denkt sich seinen Teil. Vielleicht glaubt er, ich wäre noch nicht in der Lage, eine neue Beziehung einzugehen. So wie ich das damals vom Mann eigentlich auch dachte. Weil seine letzte große Verliebtheit gerade mal ein paar Wochen her war, und schon behauptete er, sich neu verliebt zu haben. Schon wieder ganz groß. In mich. Dafür schrieb er sogar schnell die Hauptfigur seines Romans um, ich sollte mich in ihr erkennen können.

Schon wieder weine ich. In mir ist so viel Trauer. So viel Schmerz. Immerhin kann ich ihn lokalisieren, das ist aber auch der einzige Vorteil, den dieses ganze Beobachten mit sich bringt. Er sitzt in meinem Bauch. In meinen Eingeweiden. Im Magen. Dort verknotet er sich, dort scheint es ihm zu gefallen.

Vielleicht ist Wotan nur klug, wenn er einen Bogen um mich macht. Wenn er sich nicht von mir ablenken lässt. Wenn er eine ernsthafte Beziehung sucht, keine Frau, die von einem Mann zum anderen hüpft. Von einem Gefühl zum nächsten, die in einem Augenblick weint und im nächsten eine Gänsehaut bekommt, weil sie sich vorstellt, wie eine männliche Hand ihren Körper berührt.

Frau Luzie ist der Ansicht, ich würde herumflippen. Die Schwestern denken ähnlich. Aber ist es wirklich so schlimm, wenn man nach Jahren der Dürre ein wenig Farbe in sein Leben bringen will? Ein wenig Sex? Aufmerksamkeit?

Und was mache ich mit Martina Krawczyk? Der Protagonistin meines Drehbuchs? Lasse ich sie sterben? Begleite ich sie noch eine Weile? Schreibe ich ihr einen neuen Mann auf den Leib? Ich könnte einen neuen Anfang wagen. Sie sitzt im Café. Sie schreibt dort an ihren Übersetzungen. Sie hat immer Männer gesucht. Da könnte ich aus meinem reichen Erfahrungsschatz berichten. Oder aus dem Nähkästchen plaudern, wie man so schön sagt.

Mein Sohn bekommt eine Festanstellung. Und ich bin so froh. Schluss mit Zeitarbeit für sieben Euro die Stunde. Endlich haben sie erkannt, was für ein zuverlässiger und pünktlicher Arbeiter er ist. Einer, der morgens um sechs oder abends um zwanzig Uhr am Fließband steht und ohne zu murren Zwölf-Stunden-Schichten absolviert. Ich habe sehr viel Hochachtung vor ihm, aber das hört er nicht gern. Angeblich ist ein solcher Arbeitseinsatz völlig normal.

Immer wieder habe ich das Gefühl, allein im All zu treiben. Ob das jemals vorbeigeht? Ob ich mich immer so fühlen muss? Es geht wohl nicht um das „immer“. Es geht darum, überhaupt zu fühlen. Nicht gleich weiterzumachen mit dem Alltag, sich dem auszusetzen, was da ist.

Vielleicht sollte ich doch ein Buch mit dem Titel „Liebeskummer in hundert Tagen überwinden“ schreiben. Zumindest hoffe ich, dass es dann wirklich vorbei ist.

So lange fühle ich. Und warte. Darauf, dass es kühler wird. Auf eine kleine Entscheidung von mir. Gehe ich schwimmen? Bleibe ich im Garten sitzen? Werde ich jemanden finden, dem ich mich nah fühle? Oder war es das jetzt mit den Männern?

Es ist gerade mal acht Wochen her, dass mir der Mann seine neue Liebe gestanden hat, da passiert es. Ich verliebe mich in diesen Wotan. Nachdem wir uns lange Mails geschrieben und ein paar Mal miteinander telefoniert haben. Er ist ein Schreiber, ob er das nun weiß oder nicht. In seinen Mails erzählt er kleine Geschichten, und er scheut sich auch nicht, mir von seinen Träumen und Wünschen zu berichten.

Ob ich jemanden fürs letzte Lebensdrittel suche, hatte er mich gleich am Anfang gefragt. Oder jemanden, der mit mir in die Toskana zieht oder das Frühstück ans Bett bringt. So etwas hätte er in den Online-Profilen nämlich schon gelesen. Seine Empörung über derartige Vorstellungen ist so offensichtlich, dass ich lachen muss. Keine Frage: Ich will ihn kennenlernen.

Wir sehen uns, umarmen uns, reden, ich fahre nach Hause, wir rufen uns an und reden weiter, treffen uns ein zweites Mal, reden wieder stundenlang, es ist einfach und gleichzeitig sehr vertraut zwischen uns. Allerdings gestehe ich auch schnell meine Ambivalenz. Ich weiß nicht, ob ich wirklich schon so weit bin.

Er hat keine Angst vor dem Ende, sagt er. Hört Patti Smith und tanzt dabei durch den Laden. Vielleicht stellt er sich dabei vor, dass ich ihn sehe? Und obwohl ich ihn nicht wirklich sehe, sehe ich ihn doch.

Es ist eigenartig, oder auch nicht, ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber ich möchte immer über das schreiben, was mir gerade widerfährt. Am liebsten hätte ich damals vor acht Jahren sofort über die große Liebe geschrieben, die mir noch einmal begegnet war. Heute überlege ich, ob das Scheitern nicht ein schöneres Thema wäre. Eine Liebe, die scheitert, weil es keine Leidenschaft gibt.

Bei Wotan löse ich Empfindungen aus, die ich bei dem Mann offensichtlich nicht auslösen konnte. Ich wünschte, ich könnte das Vergleichen sein lassen. Aber ich kann es nicht. Wotan ist verzaubert. Er hätte nicht gedacht, dass er noch einmal eine Frau findet, die so wunderbar, so zärtlich ist. Damit meint er mich. Ich kann es kaum glauben.

Es gibt vieles, was ich an ihm mag. Seinen kalten Humor, der unvermittelt aufblitzt. Seinen schmalen Kopf. Seine zarten Hände. Seine Vorsicht. Als könne er etwas kaputt machen. Ein sehr sinnlicher Mann. Ein treuer noch dazu. Behauptet er jedenfalls. Und fragt mich, ob ich es auch bin. Ich bin es. Zumal ich diesen sanften Mann auf keinen Fall verletzen möchte.

Warum denke ich überhaupt darüber nach? In der jetzigen Phase unserer Beziehung, am Anfang also, ist das doch dumm. Ich sollte abwarten, was passiert. Mich in den Augenblick hinein entspannen. Aber wie so oft habe ich mal wieder ein ziemliches Tempo vorgelegt am Anfang. Erst wollte ich ihn sehen. Dann wollte ich ihn nicht nur sehen, sondern anfassen. Wollte zu ihm ins Bett. Wollte ihn in meinem Bett haben.

Und jetzt bin ich schon wieder müde und erschöpft. Spüre außer dieser Müdigkeit – nichts. Aber das kenne ich von anderen Anfängen, anderen Verliebtheiten. Das sollte oder müsste mich nicht beunruhigen.

Es ist noch viel zu organisieren, bevor ich mich für vier Wochen auf den Hof der Stille verabschiede. Die Wohnung im Tiergarten muss hergerichtet werden für den Untermieter. Ein letzter Zahnarzttermin. Und dann: ein Treffen mit dem Mann. Ob ihm auffällt, wie schlank ich geworden bin? Wie gut ich aussehe? Falls ja, verliert er kein Wort darüber.

Wir wollen versuchen, befreundet zu bleiben. Er, der sich so schwertut mit dem Pflegen von Freundschaften, der sich mit den Freunden seiner jeweiligen Partnerin begnügt, der will nun ausgerechnet mit mir befreundet bleiben?

Ein letzter Termin – immer diese letzten Termine – mit Frau Luzie. Aber diesmal ist es wirklich der letzte. Wir reden noch einmal über das Thema Schmerzen. Es kommt mir vor, als würden sie sich verändern, seit ich mich wieder als Frau fühle. Seit ich wieder Sex habe, mich nicht nur berührt, sondern oft auch gerührt fühle. Es kommt mir vor, als würde ich mich besser fühlen. Sage ich.

Der Mann hatte vor ein paar Wochen eine ähnliche Bemerkung gemacht. Es wäre vielleicht gut für mich, wenn er mich verließe. Vielleicht würden dann meine Schmerzen verschwinden. Damals dachte ich: Ich hau dir gleich eine, was für eine dumme Idee, du willst mir dein mieses Verhalten als gute Tat verkaufen. Inzwischen bin ich mir nicht mehr sicher. Vielleicht wusste er intuitiv mehr als ich.

Frau Luzie rät mir zu vertrauen. Darauf, dass es immer eine Lösung gibt. Soll ich die Wohnung behalten oder aufgeben? Wovon werde ich leben, wenn es weiterhin mit dem Schreiben nicht klappt? Werde ich einen Job finden? Muss ich Hartz IV beantragen? Werde ich Wotan lieben oder werde ich ihn wieder verlassen?

All das beunruhigt mich. Andererseits: Ich kann jederzeit sterben. Und dann würde ich mich hinterher fragen, wenn ich mich denn noch etwas fragen könnte, warum ich mir ständig Sorgen gemacht habe. Wo es doch immer weitergegangen ist. Ich hätte mir gar keine Gedanken machen müssen. Einfach leben genügt. Wenn ich das doch nicht immer wieder vergessen würde.

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