Meine Reise mit Goloka (1) – Aus dem Langzeitprotokoll 2016 – 2020

Es kommt mir vor, als hätte ich stundenlang geweint. Der Dokumentarfilm über den Irak, den ich gestern im Kino gesehen habe, war nur der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Das Schicksal der Menschen, die aufgrund ihrer politischen Ansichten eingesperrt, gefoltert, ermordet wurden, hatte mich aufgewühlt und mein Inneres durcheinandergebracht.

Im Thai-Restaurant direkt neben dem Kino ist es losgegangen. Über meinem Essen, den Mund mit Reis und Currysoße gefüllt, bin ich in Tränen ausgebrochen. Die ganze Fassade, die ich in den letzten Wochen aufrechterhalten habe, scheint plötzlich zu bröckeln.

Dabei habe ich mich mit so viel Elan in diese Fortbildung gestürzt. Wir sind die Ersten bundesweit, die zu Flüchtlingshelfern ausgebildet werden. Und das war mein Ziel, das wollte ich. Aber eigentlich wollte ich mehr von diesem Gefühl, das mich nach ein paar Stunden freiwilliger Arbeit in der Notunterkunft zu überschwemmen schien. Nach vier oder fünf Stunden dort war ich ein anderer Mensch. Lebendiger. Heiterer.

Deswegen hatte ich darüber nachgedacht, wie sich aus diesem freiwilligen Engagement eine bezahlte Arbeit machen ließe. Sogar meinen Sachbearbeiter beim Jobcenter habe ich mit meiner Begeisterung anstecken können.

Der Kurs dauert sechs Monate. Vier Monate Theorie, zwei Monate Praktikum in einer Notunterkunft. Unterricht täglich von neun bis vierzehn Uhr, danach Hausaufgaben und Selbststudium. Ich habe mich regelrecht hineingestürzt in das neue Gebiet, habe mich mit Asylgesetzgebung beschäftigt, habe mir Filme und Dokumentationen angesehen, was nicht selten bis in die Nacht dauerte und mich an der Welt zweifeln ließ. Wie viel Leid wir in Kauf nehmen, nur weil es sich nicht direkt vor unseren Augen abspielt.

Nun also der Absturz. Die Erschöpfung. Nachts liege ich wach, von diffusen Ängsten geplagt, tagsüber bin ich müde und lustlos, ich weiß nicht mehr, warum ich diese Fortbildung unbedingt machen wollte. Der Körper schmerzt, ich fühle mich krank, mein Leben erscheint mir sinnlos. Das ganze Unterfangen kommt mir vor, als hätte eine andere für mich entschieden, als wäre ich zwangsverpflichtet worden.

Dabei habe ich so für dieses Leben gekämpft, das ich bis vor ein paar Wochen geführt habe. Der kleine Job in der Buchhaltung lässt mir Zeit zum Schreiben, zur Muße, zusammen mit den ergänzenden Leistungen vom Jobcenter komme ich über die Runden, wie man so schön sagt. Wichtiger als Geld ist mir die Zeit, die ich habe, über die ich frei verfügen kann. Und nun will ich das aufgeben.

Natürlich ist das alles nicht neu für mich, auch wenn es sich so anfühlt. Diese Episoden begleiten mich seit vielen Jahren. Ein Auslöser scheint die Tatsache zu sein, dass ich mich mit großem Anfangselan in Situationen, Umstände stürze – Verliebtheiten, Aus- und Weiterbildungen, Jobs –, die mir manchmal schon nach kurzer Zeit völlig absurd erscheinen. Darauf folgt dann eine Art Zusammenbruch, eine Phase von Depression. Wenn ich am Anfang etwas genauer schauen, mir mehr Zeit für meine Entscheidungen nähme, würden mir diese Zustände vielleicht erspart bleiben.

Meine Hausärztin, die ich zitternd und aufgelöst aufsuche, schreibt mich für drei Wochen krank. Sie kennt meine Geschichte, meine Verletzungen. Sie ist ohnehin sehr erstaunt, als ich ihr von der Fortbildung und meinen neuen Berufsplänen erzähle.

„Aber dazu sind Sie doch gar nicht in der Lage. Wollten Sie nicht in Rente gehen? Sie hatten mir doch erzählt, dass Sie das könnten?“

Das hatte ich tatsächlich so geplant. Ich habe einen GdB (Grad der Behinderung) von fünfzig, der es mir erlaubt, schon vor der Zeit und mit einem Abschlag Rente zu bekommen. Nur ist dann diese Fortbildung aufgetaucht. Denn ein Teil von mir glaubt immer noch, dass ich etwas leisten muss. Einfach nur da zu sein wie die Blumen auf dem Felde erlaube ich mir nicht. Aber so weitermachen wie bisher kann ich auch nicht. Dazu fehlt mir die nötige Kraft. Und wollen will ich auch nicht.

Eine Freundin – auch sie hat in ihrer Kindheit sexuelle Übergriffe erlebt, die mit dem Wort „Missbrauch“ lieblich umschrieben werden – hat mir schon vor vielen Jahren von einem Mann erzählt, der ihr in schwierigen Situationen zur Seite steht. Er wäre der Einzige, der ihr bisher hatte helfen können.

Nachdem ich während eines Telefonats in Tränen ausbreche, bittet sie mich noch einmal, es mit Goloka zu versuchen. Dieser Coach ist kein Therapeut im klassischen Sinn, obwohl er auch eine therapeutische Ausbildung hat. Er arbeitet seit vielen Jahren mit Alten und Sterbenden, außerdem ist er Hindu. Daher sein merkwürdiger Name.

Bisher habe ich immer dankend abgelehnt. Meist mit dem Hinweis, ich hätte ja einen Therapeuten. Und das stimmte auch. Zusammengerechnet komme ich auf zehn Jahre Therapie bei drei verschiedenen Therapeuten. Erst in der dritten – ein paar Jahre nach Frau Luzie – habe ich über das geredet, was mein Großvater mit mir gemacht hatte.

Nur während eines stationären Aufenthaltes Anfang der Neunzigerjahre – ich kämpfte damals schon seit zwanzig Jahren mit Panikattacken – habe ich mich einigen wenigen Menschen offenbart, unter anderem meiner Mutter. In den Jahren danach habe ich das Thema wieder sorgfältig verschlossen. Ich habe nie wieder darüber gesprochen. Mit keinem Partner, keinem Freund. Und auch jene Freunde, denen ich mich in der Klinik anvertraut hatte, fragten nie wieder nach.

Als ich kurz vor Beginn der Traumatherapie ein Buch von Peter Levine über Trauma und seine Folgen geschenkt bekam, konnte ich es nur in winzigen Häppchen lesen. Zu schmerzhaft war die Erkenntnis, wie sehr sich mein Leben ohne dieses Wissen entlang dieser Linien entwickelt hatte: Panikattacken, Depressionen, Schmerzen.

Vielleicht liegt es an dem Wort, an dem, was ich damit verbinde, dass ich mich all die Jahre so verschlossen habe. Ich will kein Opfer sein. Ich will kein Mitleid, keine Erklärung für alles, was an mir schwierig ist.

Aber dieses Nicht-wahrhaben-Wollen hat mir nicht geholfen. Auch die Traumatherapie nicht. Sonst stünde ich jetzt nicht an diesem Punkt. Ich kann so nicht weiterleben. Ich brauche Hilfe. Und die möglichst schnell. Allein schaffe ich das nicht.

Die Trauma-Therapeutin werde ich nicht kontaktieren. Sie ist ohne Frage eine sympathische Frau, kompetent, sie besitzt einen Doktor in Psychologie, hat diverse Fortbildungen im Bereich Traumatisierung gemacht. Sie hat mich ermutigt, mich von meiner Mutter abzugrenzen, den Kontakt sogar für eine Weile einzustellen, nachdem sie ihrer Verwunderung Ausdruck verliehen hatte, dass ich es überhaupt so lange in diesem Familien-System ausgehalten habe.

Ihr war wichtig, dass ich mich auf meine Stärken besinne. Vielleicht hatte sie mir deswegen auch immer wieder versichert, wie großartig sie es findet, dass aus einem Menschen mit meiner Geschichte eine solch besondere Person geworden ist. Und bei ihr hatte das Wort „besonders“ nicht nach „besonders schräg“ geklungen.

Allerdings ist sie nicht nur Therapeutin, sie bezeichnet sich selbst auch als spirituelle Heilerin, noch dazu als eine, die alles heilen kann. Wenn nun aber bei mir nichts passiert, wenn sie mir alle paar Wochen nach unserem therapeutischen Gespräch die Hände auflegt – angenehm warm wird es, weinen muss ich auch oft –, dann kann das doch nur bedeuten, dass es in meinem Inneren eine Barriere gegen ihre Heilung gibt. Darüber ist sie bekümmert. Was wiederum mich bekümmert und mir gleichzeitig ein schlechtes Gewissen macht. Frau B. kommt also nicht infrage.

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von AM RAND EIN ZUHAUSE

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen