In der Hollywoodschaukel trage ich ein Jäckchen über dem Kleid, ohne wäre es mir zu frisch. Im Moment kann ich mir die für Donnerstag prognostizierten 38 Grad nicht vorstellen. Von mir aus können sie auch bleiben, wo der Pfeffer wächst.
Mutter und Tochter sind nach einem ausgiebigen Frühstück nach Hause gefahren. Eine knappe Woche war das Mädchen jetzt bei mir. Die Zeit ist schnell vergangen. Wir sind gut miteinander ausgekommen. Immer wieder staune ich über ihr Interesse an anderen Menschen, an deren Geschichten.
Begeistert hat sie im Schätze-Katalog gelesen. Sie wollte genau wissen, wie wir die Menschen gefunden haben und wie die Interviews entstanden sind. Das gesamte Projekt hat ihr gefallen. Zu guter Letzt fragte sie mich, ob der Brief meines Vaters, den er 1961 aus dem Gefängnis an seine Mutter geschrieben hatte, immer noch mein Schatz wäre – für den Fall, dass ich in einem neuen Projekt, vielleicht in einer anderen Stadt, wieder einen Text schreiben würde.
Darüber habe ich längst selbst nachgedacht. Heute würde ich von einem anderen Schatz erzählen: von dem Briefwechsel zwischen meiner Mannheimer Freundin und mir, den sie mir geheftet als Buch zum Fünfzigsten geschenkt hatte. Eine Freundschaft in Briefen. 1992 bis 2005.
Das Mädchen war aus dem Häuschen. Ob sie mal sehen dürfe. Ob sie auch darin lesen dürfe. Warum nicht.
Sie war beeindruckt. So etwas möchte sie auch einmal haben. Ein dickes Buch, in dem sie als alte Frau lesen könnte. Dafür müsste sie nur anfangen, jemandem Briefe zu schreiben. Und dann müsste sie von den Briefen auch noch Kopien anfertigen.
Hm. Aber wer könnte das sein?
Ich bin gespannt, ob ich tatsächlich einen Brief bekomme.