Meine Reise mit Goloka (2) – Aus dem Langzeitprotokoll 2016 – 2020

Bei unserem ersten Treffen hole ich Goloka am S-Bahnhof Mexikoplatz ab. Da ich gerade in der Nachbarschaft Haus, Hund und Katze hüte – ich mache das häufiger, wenn die Eigentümer verreist sind –, habe ich den Golden Retriever dabei.

Goloka ist etwas größer als ich, jünger wahrscheinlich, aber ich kann sein Alter nicht schätzen. Der Körper kompakt, das Gesicht rund, die Bei Wangen rosig, das Haar übersichtlich. Beeindruckend sind die Augen. Ich fühle mich sofort auf nicht erklärbare Weise erkannt.

Wir gehen zum See, laufen einmal um ihn herum, wir sind fast zwei Stunden unterwegs. Goloka stellt am Anfang ein paar Fragen, dann erzähle ich. Von den ersten Monaten im Heim, an die ich mich natürlich nicht erinnern kann, und dann von der Laube, in die ich mit knapp neun Monaten gekommen bin. Von den alten Großeltern. Dem Großvater, der damit gedroht hatte, sich umzubringen, wenn meine Mutter mich ihm wegnähme. Damals war ich sechs.

Ich erzähle von meiner Großmutter, die behauptete, dass sie sterben würde, wenn ich sie verließe, und der Großvater würde natürlich auch sterben, und im Schlaf könnte man sie wegtragen, sie würde nie etwas mitbekommen, nichts hören, wirklich nichts. Davon, dass ich abends in der Küche saß, die Großmutter lag in ihrem Bett, der Großvater auf seinem Sofa. Ich schlief Kopf an Kopf mit ihm, zwischen mir und Großmutters Bett stand ein kleiner Tisch, damit war das Zimmer auch schon voll, zwölf Quadratmeter eben.

Wenn die beiden ins Bett gingen, mit den Hühnern meist, so nannte man das damals, durfte ich noch wach bleiben und lesen. Bücher bedeuteten mir alles, ich versenkte mich geradezu in sie, verschwand in den Geschichten, die mir eine andere Wirklichkeit als meine eigene offenbarten, außerdem versuchte ich den Zeitpunkt hinauszuzögern, an dem ich gerufen wurde.

„Püppi. Komm.“

Längst habe ich angefangen zu weinen. Goloka schweigt. Weder streichelt er mitfühlend meine Hand noch unternimmt er irgendetwas anderes. Trotzdem spüre ich, dass ihn meine Worte bewegen. Gleichzeitig ist er mir unheimlich. Es kommt mir vor, als könne er nicht nur in mein Herz, sondern auch in meinen Kopf sehen und meine Gedanken lesen.

„Du bist einsam.“

„Habe ich das gerade gesagt?“ Ich kann mich nicht erinnern.

„Nein. Das hast du nicht. Das musst du auch nicht. Das sieht man doch. Ich sehe es. Deine Unverbundenheit mit allem, was dich umgibt, ist spürbar.“

Wenn das so klar ist, warum sehen es dann andere Menschen nicht? Ich stelle diese Frage nicht, weil ich damit beschäftigt bin, meine Tränen zurückzuhalten. Ich mag es nicht, so durchschaut zu werden, gleichzeitig rührt es mich.

„Und das ist wirklich schade. Denn eigentlich bist du mit allem verbunden, auch wenn du das nicht so empfinden kannst.“

Ich schaue ihn an, sehe, dass es ihm ernst ist. Wir bleiben stehen.

„Der Baum hört dir zu. Er ist ein Zeuge für deinen Schmerz.“ Goloka macht eine Pause. Wartet ab, ob ich etwas erwidern will. Ich will nicht.

„Der Weg trägt dich, und die Sonne scheint für dich.“

Ich überlege kurz, ob er vielleicht doch nicht der Richtige für mich ist. Das klingt mir zu sehr nach Esoterik, und mit der bin ich seit Jahren fertig. Nur habe ich beim Weitergehen den Eindruck, die Natur würde tatsächlich auf mich reagieren. Bäume neigen sich mir entgegen, die Sonne scheint mein Gesicht zu streicheln, der See flüstert mir etwas zu, und als ich heftiger weine, verdunkelt sich der Himmel, es fängt an zu regnen. Während ich noch im Zorn an meinen Großvater denke, geht plötzlich ein Hagelschauer nieder. Als ich kurze Zeit später lache, sehe ich über mir einen Regenbogen.

„Vielleicht machst du das sogar.“

Wahrscheinlich denken Hindus in solchen Dimensionen. Jeder macht sich sein Wetter.

Obwohl eine Seite meines Ichs diese Erlebnisse ins Lächerliche ziehen möchte, ist eine andere Seite berührt, ergriffen geradezu. Denn während des Gehens hatte etwas in mir angefangen zu beben und zu sprudeln, ganz so, als würde dieses Etwas sich nach außen ergießen wollen.

Es ist nicht so, dass mir dieses Geschehen völlig fremd ist, ich habe es in meinem Leben einige Male erlebt, allerdings nie in Gegenwart eines anderen Menschen. Ich bin davon überzeugt, dass mir etwas Besonderes, nicht Alltägliches widerfährt und dass dies weiterwirken wird in eine ungewisse Zukunft hinein, auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, wie das aussehen könnte.

Am Ende unseres Spaziergangs überlegt Goloka, ob diese wiederkehrenden depressiven Episoden für mich vielleicht einen wichtigen Zweck erfüllen. Geben sie mir nicht Zeit, in mich hineinzuhorchen, auch Zeit, um das zu betrauern, was es zu betrauern gibt? Da käme ja einiges zusammen.

Mir gefällt nicht alles, was er sagt. Dass ich heute keinen anderen Menschen mehr brauche, um unglücklich zu sein, so etwas zum Beispiel. Woher will er das überhaupt wissen? Am unangenehmsten ist sein letzter Satz.

„Du hast die Laube noch nicht verlassen.“

Zuerst bin ich sprachlos. Dann ärgerlich. Nicht verlassen? Und was mache ich dann hier am See? Natürlich frage ich das nicht laut. Doch dann weiß ich plötzlich – schlagartig würde in diesem Zusammenhang sehr gut passen –, dass er recht hat.

Natürlich habe ich in meinem äußeren Leben die Laube verlassen. Ich bin sogar vierzehnmal umgezogen innerhalb Berlins. Durfte 1981 als Fünfundzwanzigjährige vom Osten in den Westen übersiedeln, weil ich dort einen Vater hatte. Und natürlich habe ich ein Leben gelebt. Ich bin Mutter geworden, habe studiert, hatte verschiedene Jobs und verschiedene Partner, etliche Liebhaber.

War als Angestellte geschätzt, da zuverlässig und fleißig, auch als Freundin und Geliebte wurde ich oft ausgesucht und gemocht, nur redete ich selten über das, was tatsächlich in mir vorging. Kaum jemand weiß etwas von der Leere und Sinnlosigkeit, die ich so oft spüre. Von diesem Unbehaustsein, das nur manchmal schwächer zu werden scheint, wenn ich in einer guten Beziehung bin. Selten also.

Die meiste Zeit meines Lebens habe ich etwas gesucht. Den richtigen Mann. Den Sinn des Lebens. Halt. Zuversicht. Und deswegen hat Goloka recht. Meine Gefühle sind immer noch dort, sind immer noch in dieser Laube. Aus ihr heraus – aus der räumlichen Enge und meinen Verpflichtungen den Großeltern gegenüber – schaue ich hinaus auf die Menschen, die alle ein Leben haben. Denn ich habe ja keins.

„Ich bin wohl nicht gemacht für das Glück.“

Goloka ist nicht zimperlich. „Und genau das beweist du dir mit allem, was du tust. Immer wieder.“

Ich muss in diesem Moment sehr unglücklich wirken, sonst würde der Hund nicht an meiner Hand lecken.

„Aber du lebst noch. Das ist doch etwas, worüber du froh sein kannst.“

„Dazu war dieser ganze Scheiß am Ende also gut? Ich bin noch da? Ist ja super.“

„Ja und? Ist das nichts?“

Als Aufgabe bis zu unserem nächsten Treffen – dass es eins geben wird, wissen wir beide – soll ich so oft wie möglich mit nackten Füßen über Gras laufen und mir dabei vorstellen, getragen zu werden.

Obwohl das auch wieder so eine Idee ist, die ich in der esoterischen Ecke verorten würde, werde ich tun, wie mir aufgetragen wurde. Immerhin habe ich schon in Erwägung gezogen, dass ich das Wetter mache, dass die Natur real auf meine Gefühle reagiert, da scheint mir die Sache mit dem Gras harmlos.

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