In den Tagen darauf fühle ich mich eigenartig. Als hätte ich ein Aufputschmittel genommen. Ich hüte immer noch das Haus mit dem Hund und der Katze, aber meine Gefühlswelt hat sich verändert. Bisher waren die Hundespaziergänge etwas, das eben getan werden musste. Nun ist das anders.
Abends zieht es mich noch einmal nach draußen an den See. Das Licht dort scheint nur auf mich zu warten, genauso der Wald. Später setze ich mich auch nicht vor den großen Flachbildschirm, der mich sonst so begeistert, stattdessen lese oder schreibe ich.
Ich denke sogar wieder einmal darüber nach – schreibend vor allem –, ob ich nicht davon erzählen soll, was mir widerfahren ist und wie es sich anfühlt, das Ganze überlebt zu haben. Das Wort Trauma kennen die meisten Menschen, die wenigsten wissen, mit welchen Spätfolgen die Opfer zu tun haben. Früher dachte ich zum Beispiel, weil ich nicht ständig Flashbacks habe, weil ich nicht meinen Großvater vor mir sehe, der zu mir ins Bett kommt, wäre mein Leiden weniger schlimm. Mir war nicht bewusst, welcher Art das Gepäck ist, das ich mit mir herumtrage.
In der Nacht bekomme ich Halsschmerzen. Als Kind hatte ich die oft. Als ich dreizehn war, mussten sie mir die Mandeln herausnehmen, weil ich sonst erstickt wäre. Vielleicht auch erstickt an diesem Geheimnis, von dem ich ja immer noch niemandem erzählt hatte.
Am Morgen habe ich dann zusätzlich einen heftigen Anfall von Atemnot. Das Spray liegt natürlich zu Hause in der WG, ich vergesse immer, dass sich ein neues körperliches Symptom eingestellt hat. Ich bekomme keine Luft, nicht durch die Nase, nicht durch den Mund, das Gefühl zu ersticken macht mich zusätzlich panisch.
Ob es einen Zusammenhang gibt zwischen diesem plötzlichen Anfall und meiner Absicht, über mich als Überlebende zu schreiben? Weil das vermessen wäre? Allein die Wortwahl. Überlebende. Das trifft auf Menschen zu, die den Holocaust überlebt haben. Naturkatastrophen. Aber das gilt nicht für eine wie mich, der nur „so eine Sache“ passiert ist.
Meine Mutter hat kein einziges Mal das Wort Missbrauch benutzt, geschweige denn zutreffendere Wörter wie Vergewaltigung oder sexuelle Gewalt. Wenn dieses Thema überhaupt berührt wurde, dann redete sie von „dieser Sache“. Vor allem hatte sie gehofft, dass ich sie endlich überwinden würde. So praktisch nebenbei. Weil die Zeit alle Wunden heilt nämlich.
Vielleicht müssen Überlegungen dieser Art bestraft werden. Aber wer bestraft? Mache ich das selbst? Ist mein Körper dafür verantwortlich, weil er glaubt, mich schützen zu müssen? Tu das nicht, wenn du redest, schreibst, wird das üble Folgen haben?
In den Bücherregalen der Hausbesitzer finde ich ein Buch von dem amerikanischen Autor Scott Peck. Er benutzt darin das Wort Serendipität. Dabei handelt es sich um die Gnade, Dinge zu finden, die man nicht gesucht hat. So wie ich vielleicht dieses Buch gefunden habe, in dem es einige Stellen gibt, die ich als direkt auf mich gemünzt lesen könnte.
Es gibt eine Kraft, die uns auf irgendeine Weise drängt, den schwierigen Weg zu wählen und aus dem Sumpf oder Schlamm herauszukommen, in den wir so oft hineingeboren werden.
Vielleicht war es diese Kraft, die in mir gewirkt hat, wie hätte ich es sonst bis hierher schaffen können? Und ist Goloka nicht auch eine Gnade? Natürlich ist er kein Ding, aber gesucht habe ich ihn nicht. Er wurde mir serviert, so könnte man das sagen.
In der Fortbildungsgruppe hat sich während meiner Abwesenheit einiges getan. Nicht nur, dass meine Mitschüler sehr positiv auf meine Offenbarung reagiert haben – ich habe ihnen von der Depression erzählt, davon, dass es nicht die erste ist, dass sie wieder vorübergehen wird –, nein, sie haben einen neuen Dozenten, von dem sie mir mit großer Begeisterung berichten.
Der Regisseur würde mir gefallen, bei ihm würde genau das passieren, was mir so großen Spaß macht, schreibt der Däne, und dass ich doch bitte wiederkommen soll.
Anscheinend geschieht Ungewöhnliches bei diesem Lehrer. Anders kann ich mir die Nachrichten nicht erklären, die sie in der WhatsApp-Gruppe austauschen. Ich fühle mich wie ein Kind. Ich könnte platzen vor Freude. Was macht ein Regisseur mit Menschen, die zukünftig mit Geflüchteten arbeiten wollen? Warum schreiben sie Gedichte? Beklecksen sich mit Farbe? Warum ist mein redefreudiger Banknachbar, der immer alles besser weiß, plötzlich so sanft?
Auch wenn ich mich nach einem Treffen mit Goloka besser fühle als vorher, frage ich mich doch, ob es mir gut genug geht, um in die Fortbildung zurückzukehren. Ich bin hin- und hergerissen zwischen meinem Wunsch, den Kurs abzubrechen, und der Neugier, wenigstens noch zu erfahren, was es mit diesem Regisseur auf sich hat.
In den Nächten quäle ich mich mit einer Entscheidung, zu der ich mich tagsüber nicht durchringen kann. Ich habe Angst. Mir ist übel. Der Bauch tut weh. Ich werde arm und bedeutungslos sterben. Weil mein Leben sinnlos war. Und dann denke ich noch, dass ich so nicht länger leben kann.
Als es in einer Nacht besonders schlimm wird, erinnere ich mich an Goloka und daran, was er über Gott gesagt hatte. Denn natürlich ist er ein Gläubiger, während mein Verhältnis zu Gott gestört ist. Aber das wäre kein Wunder, schließlich hätte er mir nicht geholfen.
„Den sechs Millionen ermordeten Juden auch nicht.“
Goloka hatte die Augenbrauen hochgezogen. „Kannst du nicht trotzdem die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass da etwas ist, größer als du, dir wohlgesonnen? Gott musst du es ja nicht nennen, wenn es dir nicht gefällt. Zu dem könntest du beten.“
Natürlich habe ich in meinem Leben schon einige Male gebetet, das ist also nicht neu, aber ich habe es immer mit einem eigenartigen Gefühl getan. Als würde ich mich selbst belügen, weil ich doch gar keine Gläubige bin. Zumal ich meist in Situationen bete, in denen es mir oder anderen schlecht geht.
Zuletzt habe ich für den Neffen der Schwestern gebetet, der im Krankenhaus im Koma lag. Für mich bete ich meist, wenn es mir nicht nur schlecht geht, sondern wenn es unerträglich ist. Hat es mir jemals geholfen? Ich glaube nicht.
In dieser Nacht jedenfalls bete ich, sogar das Wort Gott benutze ich. Was soll dieses Feilschen um Namen. Und tatsächlich. Die Ängste verschwinden, ein angenehmer Frieden kehrt ein.
Vielleicht habe ich mich aber auch selbst mit der Erkenntnis beruhigt, dass die Lösung für das Problem mit der Fortbildung doch auf der Hand liegt. Ich werde die Rente beantragen, genau so, wie ich das vor einem halben Jahr entschieden hatte.
Zwar muss ich Abschläge in Kauf nehmen, aber ich habe dann zumindest eine Art bedingungsloses Grundeinkommen, was mir nach fünfunddreißig Arbeitsjahren in Vollzeit, dazu nicht angerechneten weiteren vier Jahren Zeitarbeit während des Studiums, in denen ich viel gearbeitet, aber nie in die Rentenkasse eingezahlt habe, nicht ungerecht erscheint.
Zumindest würde das bedeuten, dass ich nicht länger über mögliche oder unmögliche Jobs nachdenken muss. Ich kann weiterhin ein paar Stunden in der Woche Buchhaltung machen, den Hund und den behinderten Jungen betreuen, kann mich ehrenamtlich engagieren, wenn ich Lust dazu habe. Und Zeit zum Schreiben hätte ich auch.
Denn das war es doch, was ich unbedingt tun wollte. Darum bin ich vor sieben Jahren aus meinem Job ausgestiegen, den ich zunehmend als sinnlos empfunden hatte und der mich noch kränker gemacht hatte. Ich wollte nicht länger so günstig wie möglich Rohstoffe einkaufen, damit immer mehr billige Möbel produziert werden können, die die Menschen eigentlich nicht brauchen. Ich wollte nicht länger ein System unterstützen, in dem die Menschen, die darin arbeiten, lediglich Erfüllungsgehilfen des Dogmas vom „ewigen Wachstum“ sind.
Richtig, sagt die kleine innere Stimme, das wolltest du nicht. Und wie sieht nun deine Realität aus? Du schreibst für achtundvierzig Feed-Leser kleine Artikel auf deinem Blog, korrigierst gelegentlich alte Texte, schreibst neue Anfänge, aber so richtig weiter geht es nicht. Dazu fehlt dir der Elan. Die Zuversicht. Die Energie, um dranzubleiben. Was ist denn aus deinem Traum vom Leben einer Schriftstellerin geworden?
Worauf willst du hinaus? Dass ich keine bin, weil ich noch nichts veröffentlicht habe? Hatten wir das nicht schon? Und schreibe ich nicht täglich? Morgenseiten, Tagebuch, damit fülle ich viele Hefte, und Artikel für meine Webseite schreibe ich ebenfalls.
Aber ich habe tatsächlich noch keinen neuen Text angefangen, und das Buch, das ich für das beste halte, das ich bisher geschrieben habe, keine Fiktion, ein autobiografischer Text, das liegt auf meiner Festplatte. Ich habe es zwei Agenturen, einem E-Book-Verlag angeboten und später die Suche aufgegeben. Vielleicht ist es doch nicht so gut, wie ich dachte, vielleicht wird es niemanden interessieren, auch wenn ich andere Reaktionen von Testlesern bekommen habe. Wenn es um meine Interessen geht, gebe ich schnell auf.
Vielleicht könnte ich über meine Mutter schreiben. Ein Buch aus ihrer Perspektive. Über ihr Leben, ihre Lieben, ihre Beziehung zu ihrer Tochter. Aber bisher ist auch das nur eine Idee, die ich nicht weiter verfolgt habe.