Meine Reise mit Goloka (10) – Aus dem Langzeitprotokoll 2016 – 2020

Dieser Sommer hat mir einiges abverlangt. Der vorläufige Schlusspunkt ist die bewegende Trauerfeier für Anidana. Ich sitze zwischen seinem Cousin und dessen Frau, wir halten uns an den Händen. Ein anrührender Moment folgt auf den anderen, ich weine fast die ganze Zeit.

Als unsere junge holländische Freundin mit ihrer hellen Stimme eines seiner Lieblingslieder singt, bekomme ich kaum noch Luft. Es ist ein Gedicht von Joachim Ringelnatz, das Anidana selbst vertont und oft gesungen hat, einmal zu meinem Geburtstag, ich habe es damals auf Youtube gestellt.

„Aus meiner tiefsten Seele zieht
mit Nasenflügelbeben
ein ungeheurer Appetit
nach Frühstück und nach Leben.“

Ich wusste nicht, dass ich noch so viele Tränen habe.

Nach der Feier gibt es bei uns im Garten für Freunde und Weggefährten selbst gebackene Kuchen, Kaffee, später auch Wein. Und bevor alle auseinandergehen, singen wir noch einmal das Lied vom guten Freund, das mich erneut zum Weinen bringt.

Ein paar Tage später fällt mir auf, wie erschöpft ich bin, wie wenig Zeit ich selbst zum Trauern hatte. Ich melde mich für zwei Tage in meinem Kurs krank. Kurz darauf überrascht mich der Leiter des freien Trägers mit der Mitteilung, dass ich damit raus wäre aus der Fortbildung, da ich ja schon einmal einige Wochen krank gewesen bin.

Mir wird also eine Entscheidung abgenommen, die ich viel lieber selber getroffen hätte, die ich lange vor mir hergeschoben habe, und die ich jetzt sofort als richtig erkenne. Meine morgendlichen Grübeleien, die sich anbahnende neue depressive Episode, das hatte mit diesen Überlegungen zu tun. Ich wollte doch die Rente beantragen, die mir endlich den ersehnten Freiraum gewähren würde, von dem ich schon so lange geträumt habe. Zeit zum Schreiben. Zeit für ehrenamtliche Arbeit, die ich mir selber aussuchen könnte, ohne auf ein notwendiges Einkommen schielen zu müssen.

Leider glaubt ein Teil von mir, dass mir eben dies nicht zusteht. Weil ich mir den Grad der Schwerbehinderung, der einen vorgezogenen Renteneintritt möglich macht, „irgendwie erschlichen“ habe, weil ich eigentlich gar nicht krank bin, weil ich mir und den behandelnden Ärzten und Therapeuten das nur eingeredet habe.

Natürlich erzähle ich Goloka von meinen Zweifeln. Er findet sie normal. Menschen wie mir fällt es oft schwer, für sich selbst Entscheidungen zu treffen. Sie gehören sich nicht. Ihre Erlebnisse haben ihnen das immer wieder bestätigt. Ein anderer Mensch bestimmte darüber, was mit ihnen geschah.

Da ich mich in der Vergangenheit nie mit den Ereignissen in meiner Kindheit auseinandergesetzt habe, da er nie Gegenstand einer Therapie war, konnte ich – häufig unbemerkt von den mich umgebenden Menschen, unbemerkt auch von mir selbst – eine Gefühlswelt entwickeln, die ich für normal halte. Ich kenne mich ja nicht anders.

Zu diesen für mich normalen Gefühlen gehört leider auch, dass ich dafür verantwortlich bin, wie sich andere Menschen mit meinen Entscheidungen fühlen, wie sie sich überhaupt in meiner Gegenwart fühlen. Deswegen versuche ich, ein gutes Klima zu erzeugen und fühle mich schlecht, wenn es Missstimmungen gibt, da ich für diese verantwortlich bin.

Eigentlich bin ich für alles, was passiert, verantwortlich. Kinder denken so. Wir haben selbst schuld an dem, was uns angetan wird. Und auch, wenn mir als Erwachsene völlig klar ist, dass das Blödsinn ist, das Kind in mir ist manchmal anderer Ansicht. Das glaubt nicht nur, dass es für die Gefühle anderer Menschen verantwortlich ist, es glaubt auch, dass es Anerkennung und Zuneigung erst einmal verdienen muss.

Diese Überzeugungen zu verändern, zu überschreiben, dafür braucht es mentale Kraft, Anstrengung, Aufmerksamkeit. Wie soll ich z. B. anderen Menschen die Frage beantworten, warum ich als schwerbehindert gelte? Wo ich doch nach außen ganz gesund wirke? Wie soll ich das Posttrauma erklären? Über das ich noch dazu all die Jahre geschwiegen habe?

Es erscheint mir unmöglich, unfreundlich sogar, eine solche Frage mit „Darüber möchte ich nicht reden“ zu beantworten. Von „Das geht dich nichts an“ ganz zu schweigen.

Mir bleibt nichts anderes übrig, als darauf zu vertrauen, dass mein Verständnis, mein neu erlangtes Wissen über mich, diesen alten bösen Fluch eines Tages auflösen wird. Denn natürlich kann ich mich nur mit einem Gegner auseinandersetzen, den ich kenne. Wenn ich nicht einmal weiß, welche Mechanismen in mir wirken, bin ich ihnen immer weiter ausgeliefert.

Dank Goloka weiß ich inzwischen schon eine Menge. Auch, wie anfällig mein psychisches Gleichgewicht ist. Wie sehr mich ungelöste Konflikte, Zeitmangel, Unaufrichtigkeit aus jener Balance bringen, die so mühsam herzustellen und noch mühsamer zu halten ist. Manchmal genügt dafür die Fliege an der Wand.

Ist es meine Aufgabe, das Haus für eine WG zu erhalten? So wie Anidana das in den vergangenen Jahren getan hat? Soll womöglich auch ich bis zu meinem Tod hier bleiben?

Immerhin habe ich den Aufstieg in Anidanas altes Zimmer geschafft. Vielleicht würde es mir sogar gelingen, aus unserer kleinen Gruppe – mit dem einen oder anderen Neuzugang – eine echte Gemeinschaft zu entwickeln. Doch zuerst muss ich mich um das Mädchen kümmern, das ich aus der Laube befreit habe.

Wenn ich Angst bekomme, mich überfordert fühle, dann muss ich sie zu mir holen. Auf meinen Schoß, in meinen Arm, in mein Bett. Es genügt offensichtlich nicht, dass ich ihr versichert habe, dass ich sie liebe, dass ich mich um sie kümmern und immer die für uns beide richtigen Entscheidungen treffen werde. Ich muss dies immer wieder tun.

Bei dem nächsten Treffen mit Goloka überlege ich, ob ich nicht einen weisen Mann auf meine Insel versetzen könnte. Dort sind bisher ja nur das Mädchen, die Hunde und ich. Wäre ein wenig Abwechslung nicht angebracht?

„Aha, du willst also einen Partner.“

„Will ich gar nicht.“

„Wie wäre es mit einer weisen Frau?“

Ich möchte keine weise Frau auf meiner Insel. Allerdings dauert es eine Weile, bis mir klar wird, woher meine Abneigung rührt. Auch hier wirkt ein altes Muster. Von Frauen erwarte ich nichts. Keine Hilfe. Keine Heilung. Sie haben mich fortgegeben, haben mich nachts dem Schwarzen Mann überlassen.

Mutter Teresa lässt mich kalt. Und Mutter Maria hätte auch nichts für mich tun können. Ich habe übrigens erst vor kurzem gelesen, dass Mutter Teresa eine Abtrünnige geworden ist. Ab einem bestimmten Zeitpunkt gab es Gott in ihrem Leben nicht mehr. Wie komme ich jetzt auf Gott?

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