Nebenan rauscht es, als würde es regnen. Irgendwo läuten Glocken. Ein Hund bellt. Eine dicke Mücke surrt um mich herum. Regen liegt in der Luft.
In den letzten drei Wochen habe ich mit der Spanierin zusammen drei Gedichte erarbeitet und sie dabei selber gelernt. Eine gute Methode zur Sprachvermittlung, wie ich finde. Mir tut das Lernen ebenfalls gut. Vielleicht führt auch meine Arbeit mit Goloka dazu, dass sich ein paar Synapsen neu verschalten. Ich weine weniger und fühle mich freier.
Vielleicht müssen wir uns den traumatischen Erlebnissen in unserem Leben nur einmal zuwenden. Aber wir müssen dies mit all unserem heutigen Wissen tun, unserer heutigen Empathie und vor allem mit Liebe. Vielleicht muss ich so auch mit der jungen Mutter umgehen, die ich einmal war. Muss ihr Mut zusprechen für die Aufgabe, die vor ihr liegt.
Vielleicht muss ich das auch bei meiner eigenen Mutter anwenden. Vielleicht ist Liebe die Lösung. Wenn es so ist, dann werde ich gerade durch Glockenläuten bestätigt. Im Nachbargarten sagt eine Stimme laut „ja“.
Neulich tauchte in einem Gespräch der Satz auf, jemand wäre hemmungslos er selbst. Offensichtlich sind nicht viele Menschen so. Mir fällt Anidana ein. Aber was bedeutet solch eine Aussage? Doch nur, dass wir anderen nicht wir selbst sind.
Wenn ich nicht ich selbst bin, wer bin ich dann? Jemand, der so tut, als ob. Der sich Konventionen – echten oder eingebildeten – anpasst. Das kann aber nicht Sinn und Zweck des Lebens sein. Doch so leben wir.
Ich vermute, ich bin da nicht die Einzige, die sich mit dem „hemmungslos“ schwertut. Dabei wünsche ich mir, man würde mir genau dies nach meinem Ableben zuschreiben. Ich möchte nämlich hemmungslos ich sein. Dafür müsste ich allerdings zu all den Eigenschaften stehen, die weniger angenehm sind. Wankelmütig, ungeduldig, unberechenbar – das sind ja Zuschreibungen, mit denen andere sich schwertun, wenn sie mit mir in Beziehung sind.
Dabei wollen wir doch alle irgendwie „brav“ sein. Wollen, dass unsere Chefs und Partner uns mögen, die Lasten, die wir uns aufbürden oder aufbürden lassen, mit Würde und ohne Murren tragen. Freundlich, kompetent, politisch korrekt. Bloß nicht aus der Reihe tanzen. Woher soll da das „hemmungslos“ kommen?
Die Schwestern reagieren auf meine Idee, mein Zimmer aufzugeben und für ein Jahr durch Europa zu reisen, nicht gerade mit Jubel. Vielleicht sind ihre Überlegungen sogar berechtigt. Wer weiß, ob mir das tatsächlich Spaß macht. Wie wir wissen, begeistere ich mich schnell, aber ebenso schnell erlischt diese Begeisterung auch wieder. Ich habe mich trotzdem für drei Monate in Kreisau beworben. Sie suchen dort jemanden, der Schulklassen durch das Haus, das Museum führt und ihnen etwas vom Kreisauer Kreis erzählt. Zwar habe ich das meiste aus meiner Studienzeit schon wieder vergessen, aber ich bin mir sicher, dass ich mir das schnell wieder anlese. Ein erster Schritt. Vielleicht muss ich nur einen Fuß vor den anderen setzen, und dann folgt das Eine aus dem Anderen.
Der Moppedfahrer hat mich gefragt, ob wir nicht ein paar Tage an die Ostsee fahren wollen. Vor zwei Jahren haben wir uns als Liebespaar versucht, nach ein paar Monaten war uns beiden klar, dass es mit uns nichts wird.
Wie so oft folgte bei mir auf die anfängliche Begeisterung – da passt so viel, der Mann ist wunderbar, herzlich und offen, mir zugewandt – der Versuch, auch körperlich möglichst schnell dort anzukommen, wo eine Liebesbeziehung meiner Vorstellung nach anzukommen hat. Also bitte, dann gehe ich auch zügig mit ihm ins Bett.
Nur wollte mein Körper offenbar etwas anderes. Wieder einmal zeigte er mir, dass er eigene Vorstellungen hat, über die ich mich hinwegsetzen kann – allerdings nicht ohne Folgen.
Ich erinnere mich vor allem an eine Nacht, die ich nach harmlosen Zärtlichkeiten allein und schlaflos im Gästezimmer verbracht habe, zitternd wie ein verängstigtes Kind. In dieses Kind verwandle ich mich immer wieder, wenn ich etwas mache, was ich eigentlich nicht will.
Offensichtlich geschieht dies vor allem am Anfang einer neuen Beziehung, in der Phase des Kennenlernens. Dann rede ich mir ein, dieses oder jenes wäre jetzt richtig für mich. Denn ich habe eine Vorstellung davon, was jetzt richtig sein müsste. Was zu einer Beziehung gehört. Was der andere vermutlich von mir erwartet. Dabei ist dies ein eher unbewusster Prozess.
In mir übernimmt dann eine Instanz die Führung, die stärker ist als dieser kindliche oder emotionale Anteil, der sich vielleicht Zeit lassen möchte, der vielleicht gar keine sexuellen Handlungen wünscht.
Ich weiß dann nicht, was ich brauche bzw. habe vergessen, was mir guttut. Stattdessen orientiere ich mich an dem, was ich beim anderen vermute. Der will doch bestimmt mit mir ins Bett, oder etwa nicht? So läuft das doch in einer Beziehung. Also versuche ich mich dahingehend zu überzeugen, dass auch ich das möchte. Man könnte sagen, ich vögle, damit ich mich wieder entspannen kann.
Allerdings klappt das mit der Selbstüberredung nur bis zu einem bestimmten Punkt. Der Übergang von der Anpassung zur totalen körperlichen Verweigerung dauert manchmal nur Sekunden.
In diesem Fall kam noch etwas anderes hinzu. Eine dunkle Erinnerung an eine Situation, in der ich noch klein war. Eine Erinnerung an meinen Großvater, der nachts in mein Bett kommt. Er seufzt leise, in einer hohen Tonlage.
Was damals geschehen ist, wirkt offenbar bis in meine heutigen Beziehungen hinein. Nicht weil sich die Situationen gleichen. Sie gleichen sich nicht. Sondern weil mein Körper auf etwas reagiert, das längst vergangen ist, während ich selbst damit beschäftigt bin, mir einzureden, alles sei in Ordnung.
Goloka sagt, nicht zum ersten Mal übrigens, ich würde immer wieder Situationen herstellen, in denen ich meine eigenen Grenzen übergehe. Vielleicht meint er genau das: dass ich mein Nein erst wahrnehme, wenn mein Körper längst angefangen hat, es für mich auszusprechen.
Mit dem Moppedfahrer habe ich es nach ein paar Wochen Abstand und klärenden Gesprächen geschafft, befreundet zu bleiben. In seiner Gegenwart fühle ich mich jetzt, wo wir kein Liebespaar mehr sind, sehr entspannt. Ich mag seinen Humor, seine Lebendigkeit. Nun fahre ich sogar ein paar Tage mit ihm ans Meer, schlafe mit ihm zusammen – in getrennten Ebenen und Betten – in seinem Bus.
Der erste Tag ist unangenehm, aber das liegt an der Hitze, an unserem Stellplatz, der zwar gleich hinter der Düne am Meer liegt, auf dem es allerdings kein einziges schattiges Plätzchen gibt. Derartige Umstände bringen mich oder mein System ebenfalls aus dem Gleichgewicht. Doch nachdem wir einen schönen Platz in Born gefunden haben, abseits der großen Touristen-Hotspots, geht es mir gut.
Gut geht es mir, wenn die äußeren Umstände stimmen und wenn ich spüre, dass jemand keine Erwartungen hat bzw. wenn er es nicht übelnimmt, wenn seine Erwartungen nicht erfüllt werden. Dann kann ich mich entspannen und das Zusammensein genießen.
Allerdings träume ich auch hier von einer Frau, die nicht länger mit mir befreundet sein will, weil ich mich anders verhalte, als sie das von mir gewöhnt ist.
Immer dasselbe Thema. Meine Freundschaften sind auf unsicherem Grund gebaut. Sie sind anfällig und nicht belastbar. Immer wieder werde ich verlassen, wenn ich mein wahres Gesicht zeige.
Ich erzähle dem Mopedfahrer zwar von diesem Traum, aber irgendwie gelingt es mir, von der Tatsache abzulenken, dass manche meiner Freundschaften offensichtlich eher auf Angst vor Repressalien beruhen denn auf Freiwilligkeit. Wenn ihm dies aufgefallen ist, behält er das für sich. Und ich muss über meine Befindlichkeiten nicht unbedingt reden.
Dafür reden wir darüber, was wir aus manchen Beziehungen dann doch gelernt haben. Eins scheint uns beiden inzwischen klar zu sein: Wir müssen uns so zeigen, wie wir wirklich sind. Dazu gehört, dass wir dem anderen sagen, was in uns vorgeht. Ehrlich. Ohne Beschönigung.
Zeigt er sich mir so, wie er ist? Zeige ich mich ihm? Erzähle ich von meinen Ängsten? Ich mache es häppchenweise, weil ich fürchte, er könnte sich von der geballten Ansammlung meiner Kompliziertheiten überfordert fühlen. Ich möchte ihn als Freund nicht verlieren. Mit anderen Worten: Ich verhalte mich so, wie ich das gewohnt bin. Mute mich dem anderen nicht vollumfänglich zu.
Obwohl Goloka ein paar hundert Kilometer entfernt ist, höre ich seine Stimme. Sie sagt, ich würde mal wieder zu hart mit mir ins Gericht gehen. Würde die kleinen Schritte, die ich doch längst gegangen bin und die ich immer weiter gehe, nicht würdigen. Darüber weine ich.