Meine Reise mit Goloka (26) – Aus dem Langzeitprotokoll 2016 – 2018

Zurück in Berlin treffe ich mich gleich mit Goloka. Wir reden über meine Gefühle des Nichtvorhandenseins in bestimmten Runden. Mit seiner Hilfe ist es mir möglich, diese Gefühle in einem Kontext zu sehen.

Einsame Menschen, vor allem solche wie ich, die ihre Einsamkeit frei wählen, brauchen vielleicht eine besondere Geste. Ich jedenfalls brauche sie. Eine Einladungsgeste. Fehlt sie mir, schließt sich meine Tür immer mehr. Trotzdem bin ich bereit, Dinge zu tun, die ich lieber lassen sollte, verharre in Situationen, in denen ich nicht sein möchte.

Goloka benutzt dafür wieder die Begriffe Täter und Opfer. Ich sträube mich dagegen. Es ist mir unangenehm, mich als Opfer zu sehen. Und noch unangenehmer ist mir die Vorstellung, einen Menschen, der nett zu mir ist, der es vielleicht tatsächlich gut mit mir meint, als Täter zu bezeichnen.

Ein Täter ist jemand, der vergewaltigt, der mordet. Aber jemand, der mit mir über Bücher diskutieren will?

Vielleicht führen mich diese Begriffe auch in die falsche Richtung. Denn viel interessanter ist doch die Frage, was in mir geschieht. Warum bleibe ich in einer Situation, die mir nicht guttut? Warum sage ich nicht, dass ich etwas nicht möchte? Warum erfülle ich Erwartungen, von denen ich manchmal nicht einmal weiß, ob der andere sie tatsächlich hat?

Wenn ich mit mir allein bin, geht es mir gut, ich bin unabhängig. Gleichzeitig bin ich ein soziales Wesen, das Gemeinschaft und Nähe sucht. Und genau da wird es schwierig. Denn aus Angst, diese Nähe zu verlieren, bin ich bereit, mich anzupassen.

Wenn ich in einer für mich unangenehmen Situation sagen würde: So gefällt mir das aber nicht, dann fürchte ich, mit Isolation bestraft zu werden und eines Tages ganz allein zu sein.

Vielleicht fällt es mir deshalb so schwer, mich überhaupt zu Wort zu melden. Hallo? Hört mir jemand zu?

Dabei kenne ich auch die andere Seite. Begegnungen, in denen ich freiwillig und spontan etwas gebe, ohne Druck und ohne das Gefühl, einer Erwartung entsprechen zu müssen.

Wenn ich zum Beispiel mit der Spanierin ein Gedicht lerne, dem Syrer bei einem Formular helfe. Wenn ich mich spontan auf einen Kaffee mit der Freundin treffe. Wenn ich in den Gruppen des Kroaten kreativ sein kann. Oder wenn ich einem fiktiven Partner sein Lieblingsessen koche, weil ich weiß, wie sehr er sich darüber freut.

Wenn es gut läuft, findet in solchen Momenten ein Geben und Nehmen statt. Dann macht es mir auch nichts aus, wenn ich zuhöre, wenn ich in den Gruppenpausen beim Kroaten nicht gefragt werde, woher ich komme und wohin ich gehe.

Von Bedeutung ist das, was wir vorher miteinander geteilt haben. Wenn ich in Bildern oder Texten gesehen oder gespürt habe: Da fühlt jemand so wie ich. Da zeigt mir jemand seine Einsamkeit, seinen Schmerz.

Darum geht es mir. Nicht darum, was jemand beruflich macht, in welchen Ländern der Erde er schon gewesen ist, welch bedeutende Freunde er hat.

Im Zusammenhang mit dem Tod, mit dem ich mich immer noch nicht so richtig angefreundet habe, hat Goloka mich einmal gefragt, was ich dem Fährmann anzubieten hätte. Was könnte er von mir wollen? Geld? Ich habe keins. Was soll man überhaupt vorweisen? Geht es um Titel? Materielles? Kunst? Etwas, das man anfassen kann? Oder sind es eher Erinnerungen an sich, die man hinterlässt?

Heute denke ich, vielleicht geht es darum, wie und auf welche Weise man andere Menschen berührt hat.

 

James Hillman schreibt, wir werden alt, damit unser Charakter sich ausformen kann. Und diese Nachtwachen, von denen ich mich schon wieder so gebeutelt fühle, die haben wir, damit wir mit der dunklen Seite in uns Kontakt aufnehmen und uns ihr stellen können.

Wir kennen uns nicht. Wir entdecken uns. Das kann eine lebenslange Aufgabe sein.

Stimmt.

Hillman schreibt auch, dass wir früher von dem Charakter eines Menschen beeindruckt waren. Heute beeindruckt uns, was einer tut. Wohin er reist – je mehr und weiter, umso interessanter –, welcher Arbeit er nachgeht, und natürlich sollte er auch andere interessante Menschen um sich versammeln, sich mit ihnen schmücken, er sollte interessant leben usw. usw.

Vielleicht ist das eine Erklärung für mein Unbehagen. Mich interessieren andere Dinge im Zusammenhang mit einem Menschen. Wovor hast du Angst? Was macht dich glücklich? Glaubst du, dass das Leben einen Sinn hat? Wann bist du ganz bei dir? Wie fühlt sich Liebe für dich an?

Auch wenn ich nachts vielleicht nicht mit der dunklen Seite in mir in Kontakt trete, dem Gefühl des Vegetierens scheine ich nicht dauerhaft entkommen zu können.

Goloka hält Menschen für gesegnet, die über diesen Zustand nachdenken. Auch jene wären es, die bis zum Ende gescheitert sind, die nicht weiterkommen, die sich nicht mehr zu helfen wissen. Ihnen könnte sich eine neue Dimension der Wirklichkeit eröffnen, wenn sie bereit wären für eine Antwort.

Bin ich bereit? Bereit für das Transzendente, nach dem ich mich sehne, das ich gleichzeitig so oft verleugne?

Gott ist tot.

Kleine Hummeln tummeln sich im Efeu. Ich weiß nicht, wo die Schmetterlinge geblieben sind.

Der Syrer möchte von mir wissen, ob es in Deutschland verbotene Wörter gibt. Adolf Hitler zum Beispiel?

Kann man sagen. Adolf Hitler war ein Genie, das sollte man vielleicht sein lassen.

Ich erkläre ihm dann auch noch die Sache mit den verfolgten und ermordeten Juden. Und dass man Frau Merkel für unfähig halten darf. Das mache ich spontan und freiwillig, danach fühle ich mich gut.

Als ich mit dem Hund spazieren gehe, mache ich wie so häufig eine Pause beim Bäcker am Mexikoplatz. Am Nebentisch unterhalten sich zwei ältere Herren. Sie glauben, dass Herr Ackermann gut schläft, obwohl er ein Nachfahre Al Capones ist.

Dann reden sie über ihr angelegtes Geld, über Verluste durch Fonds, über Indexfonds. Der eine von den beiden ist angeblich bedürfnislos. Er gibt nichts aus, ist ein Kulturmuffel.

„Ich will nicht unter die 200000 kommen.“

Der Hund schaut bei so viel Sparsamkeit verdutzt.

In der Nacht sehe ich im Traum einen Menschen, der aus einem Hochhaus fällt. Eigentlich fällt er nicht, jemand hat ihn geworfen. Vielleicht ist das ein treffendes Bild für meine Empfindungen. Man hat mich in dieses Leben geworfen.

 

Der Moppedfahrer bringt mir mein neues Rad, das einst dem Sohn eines Freundes gehörte. Nun habe ich es mit neuen Reifen und anderem Zubehör ausgestattet zum Geburtstag geschenkt bekommen.

Eigentlich hätte ich das Rad gemeinsam mit ihm von Buckow nach Nikolassee überführen sollen. Nach wie vor möchte er mich dazu bewegen, mich mehr zu bewegen. Warum eigentlich? Weil mir das gut tut?

Wir trinken mit der Spanierin und Jo Kaffee, unterhalten uns über Artenvielfalt. Das Spezialgebiet der Spanierin im Biologiestudium waren Wale und Delfine. Zuletzt hat sie im Nationalpark gearbeitet. Als den Spaniern das Geld für derartige Projekte ausgegangen ist, war sie einige Zeit arbeitslos. Man hat sie mit nicht ganz realen Versprechungen nach Berlin gelockt. Jetzt wischt sie hier den alten Leuten den Hintern ab und muss im Nachtdienst allein sechsundzwanzig demente Menschen versorgen.

Darüber beschwert sie sich auch nicht, ich spüre nur manchmal ihr Erstaunen über diese Entwicklung.

Später mache ich mit dem Moppedfahrer einen Spaziergang an den See. Er möchte noch einmal über das Sofa-Thema reden. Es tut ihm leid, dass er sich zu mir auf dieses enge Sofa gelegt hat. Er weiß schließlich, wie schwierig die sexuelle Ebene zwischen uns für mich in der Vergangenheit gewesen ist.

Dabei wird mir wieder bewusst, wie kompliziert die Sache ist. Denn auch an diesem Abend hatte ich nicht gesagt, dass ich ihn nicht bei mir haben wollte. Ich hatte ihn gelassen. Wie sollte er also in diesem Moment wissen, was in mir vorging?

Einerseits freue ich mich darüber, dass wir so offen darüber reden können. Andererseits habe ich Angst, dass er zukünftig anders mit mir umgeht. Vorsichtiger vielleicht. Denn genau das möchte ich auch nicht. Ich schätze unsere Gespräche, mir gefällt seine frische Art, seine Neugier auf das Leben.

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