Meine Reise mit Goloka (37) – Aus dem Langzeitprotokoll 2016 – 2018

Der Schlachtensee ist zugefroren. Ich laufe trotzdem mit dem Retriever am Rand. Dieses Knirschen und Schnaufen unter dem Eis irritiert mich. Und wenn es nun unsichere Stellen gibt? Dann bleibe ich doch lieber auf dem Weg. Dem Hund ist es sowieso egal.

Mitten auf dem See bewegt sich eine schwarze Gestalt. Langer Mantel, Mütze. Schlittschuhe, sonst würde sie nicht so gleiten. Ich kann nicht erkennen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. Die Gestalt läuft nicht so elegant wie viele andere, aber auch nicht unbeholfen. Ab und zu bleibt sie stehen, macht Fotos.

Diese einsame schwarze Silhouette vor einem verschwommenen Hintergrund, dazu das milchig weiße Licht, die vereinzelten Sonnenflecken, die Geräusche des gefrorenen Sees, auch dies ist einer von diesen besonderen Momenten, die mich spontan berühren und mich lebendig fühlen lassen.

Zu Hause ist dann alles wieder fort. So wie immer.

Nicht ganz wie immer, denn erstens schneit es, und zweitens habe ich wahrscheinlich einen Campylobacter. Die Mannheimer Freundin hat ihn ganz sicher, und dann darf man wohl annehmen, dass ich ihn auch habe. Sie hatte heftigen Durchfall, als sie wieder zu Hause war, ich habe weniger heftigen, aber der Auslöser wird derselbe sein. Das Hühnchen beim Thai in der Nähe der Friedrichstraße.

Ich gehe also nicht zu den geflüchteten Frauen, zumal ich sowieso nur dort war, weil man mir die Pistole auf die Brust gesetzt hat.

„Du kannst das. Du wärst genau die Richtige für uns.“

Nur ist eine Mutter-Kind-Gruppe nicht das, was ich mir unter ehrenamtlicher Tätigkeit vorstelle. Ich möchte nicht auf Kleinkinder aufpassen, schon gar nicht auf solche, die nicht hören wollen.

Es stimmt, es hat mir Spaß gemacht, einer jungen Afghanin bei ihren Hausaufgaben zu helfen. Mich beeindrucken Menschen, die lernen wollen, die von sich aus die Initiative ergreifen, die sagen: In Afghanistan müsste ich machen, was mein Mann sagt, was andere Männer sagen, aber das will ich nicht. Ich will arbeiten, will mein eigenes Geld verdienen.

Einen solchen Vorsatz kann ich nur unterstützen, zumal das der Weg ist, wie Integration gelingen kann. Wir müssen die Frauen stärken.

Aber obwohl „meine“ junge Frau ohne Kinder in die Gruppe kommt, müsste ich trotzdem ein Auge auf die Kinder der anderen Frauen haben. Und das gefällt mir nicht. Da kommt mir dieser Virus ganz gelegen.

 

Der Freund aus Kreuzberg ärgert sich, weil ich ihm geschrieben habe, dass ich mich nicht immer freue, wenn ich mich mit einem Freund oder einer Freundin treffe.

Er freut sich immer und findet es befremdlich, dass es bei mir nicht so ist.

Hätte ich lügen sollen?

Ich halte Verabredungen manchmal nur deswegen ein, weil ich nun einmal zugesagt habe, weil ich weiß, der oder die andere ist gekränkt, wenn ich absage. Aber das ist keine Freude, das ist Wohlverhalten.

Freude ist es, wenn ich mich spontan und freiwillig entscheiden kann.

Goloka hat mir noch einmal den Film Die Hütte empfohlen, weil darin das Thema Gott so behandelt wird, wie ich das vielleicht akzeptieren könnte.

Natürlich habe ich mir den Film angeschaut und beim späteren recherchieren  herausgefunden, dass der Autor des Buches missbraucht worden ist, später selber andere Jungen missbraucht hat. Deswegen hat er sich viele Jahre lang für „kaputt“ gehalten.

Kaputt, schuldig, ist das nicht dasselbe?

Ich habe mich lange schuldig gefühlt für das Dunkle in mir, für das, wofür ich keinen Namen hatte, für das, was grundsätzlich mit mir nicht in Ordnung ist. Und für das Leben, das ich gelebt habe, schämte ich mich ebenfalls.

Ich schämte mich für die wechselnden Affären, die Großzügigkeit, mit der ich meinen Körper zur Verfügung gestellt habe – ich war es nicht anders gewohnt –, für die Männer, die Abtreibungen, vor allem für das, was ich durch mein Verhalten auch meinem Sohn zugemutet habe.

Da würden einige Menschen bestimmt von „kaputt“ sprechen.

Natürlich muss ich mich nicht immer wieder damit beschäftigen. Aber es ist noch nicht vorbei. „Es“ wirkt schließlich bis heute und beeinflusst mein Leben.

Zu den Symptomen, die zu der Diagnose PTBS geführt haben, gehören nicht nur wiederkehrende Depressionen, ich habe im Laufe der Jahre auch eine Schmerzkrankheit entwickelt. Mal wurde sie Fibromyalgie genannt, dann wieder sprachen die Ärzte von einer somatoformen Schmerzstörung.

Mir ist egal, wie sie es nennen oder welchen Namen ich meiner Krankheit gebe, wenn ich danach gefragt werde. In beiden Fällen ist das zentrale Schmerz- beziehungsweise Stressverarbeitungssystem gestört, und die Behandlung in der Vergangenheit zielte nicht darauf ab, dass der Schmerz verschwindet.

Meist kann ich ganz gut mit ihm leben. Vielleicht könnte man auch sagen, ich habe mich mit ihm arrangiert. Nur manchmal wird es so schlimm, dass ich vergesse, dass ich ein Mensch bin.

Nach zwei Tagen, die ich mit Schmerzen im Bett verbringe, nicht in der Lage, mich zu bewegen, überhaupt irgendetwas zu tun, nach zwei Tagen, die mir alles abverlangen, was an Lebenskraft in mir ist, stelle ich mal wieder die eine entscheidende Frage.

Wenn dies das Ende wäre, wenn ich häufiger diese Schmerzen hätte, nicht nur alle sieben oder acht Monate, was würde ich vor meinem Tod – denn dass ich dies nicht hinnehmen werde, ist mir so klar wie sonst wenig – was möchte ich vorher noch erleben?

Die Antwort ist nach wenigen Sekunden da. Ich möchte noch einmal lieben. Möchte noch einmal für einen Mann die Nummer eins sein, möchte mich hingeben und diese besondere Nähe spüren.

Und deswegen melde ich mich bei einem Portal an, das sich speziell an Menschen über fünfzig richtet. Große Hoffnungen mache ich mir nicht, aber ich will es wenigstens noch einmal versucht haben.

Zufälligerweise sehe ich mir einen Tag später eine Dokumentation über Singles an beziehungsweise darüber, wie man heute einen Partner findet. Es gibt tatsächlich Blind Dates. Man verbindet den Menschen die Augen, und dann vergeben sie Punkte für Stimme, Gespräche, Berührungen.

Hätte ich die Männer der letzten Jahre kennengelernt, wenn ich ihre Stimme gehört, sie ertastet, gerochen oder mit ihnen gesprochen hätte?

Wie soll man also vorgehen?

Wahrscheinlich wäre es gut, sich nicht zu lange mit Emails aufzuhalten.

Das sage ausgerechnet ich, eine Frau, die sich schon in Worte verliebt hat.

Eben. Genau deswegen sollte möglichst schnell überprüft werden, ob die interessanten und klug geschriebenen Sätze zu dem Schreiber passen, ob er auch sonst interessant ist. Ob man seine Stimme, seinen Körper mögen könnte.

Aber vor allem sollte man sich nicht unter Druck setzen.

Wem erzähle ich das gerade? Einem unsichtbaren Leser oder mir selbst?

Denn ich habe mich zwar auf diesem Online-Portal angemeldet, aber weder habe ich ein Foto von mir hochgeladen noch einen kleinen Text über mich verfasst. Irgendwie schiebe ich das Thema Männersuche vor mir her, als würde ich mich vor meinen eigenen Wünschen fürchten.

Was, wenn ich tatsächlich jemanden finde? Das könnte mein Leben ganz schön auf den Kopf stellen. Aber eigentlich fürchte ich mich vor mir selbst. Ich fürchte mich davor, wieder in dieselbe Falle zu tappen, in die mich die alten Prägungen dirigieren. Dann habe ich nach ein paar Monaten mit etwas Glück vielleicht einen neuen Freund, während sonst alles beim Alten ist. Und das möchte ich auf keinen Fall.

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