Meine Reise mit Goloka (43) – Aus dem Langzeitprotokoll 2016 – 2018

Am nächsten Morgen, nach dieser seltsamen Nacht, in der meine sterbende Freundin bei mir war, fange ich einen Brief an die Tochter an.

Liebe K.,

jetzt ist es also vorbei. Deine Mutter ist gegangen. Ich weiß, dass Du sie noch viel länger bei Dir hättest haben wollen. Und wie gern wäre sie geblieben.

Aber sie war eine Gläubige, darum habe ich sie immer beneidet. Ich wünsche mir so sehr, dass sie dort ist, wohin sie nach dem Tod zu reisen glaubte.

Für die nächsten Tage und Wochen wünsche ich Dir Kraft. Kraft für Dich, für Deine Söhne, für die der Verlust ja ebenfalls groß ist. Gut, dass Ihr einander habt und Euch halten könnt.

Wenn ich etwas tun kann, lass es mich wissen.

Heute Nacht fühlte ich mich zwei Stunden lang euphorisch. Ich habe überlegt, ob sie noch einmal bei mir war, um mir zu sagen, dass ich mir keine Sorgen machen soll. Keine Sorgen über den Tod, der mich immer mal wieder ängstigt – mir gefällt die Idee überhaupt nicht, dass ich in einem schwarzen Loch lande, ohne Erinnerung, ohne Bewusstsein –, aber auch nicht über das Leben. Denn auch das beunruhigt mich immer wieder.

Seit vielen Jahren begleiten mich Ängste, Depressionen, in den letzten Jahren auch Schmerzen. Ich weiß also, wie schwer für manche Menschen das Leben ist. Wie viel Kraft es einige kostet, am Leben nicht zu verzweifeln, überhaupt am Leben zu bleiben.

Bitte lies meine Zeilen in diesem Sinn.

Du wirst Dir denken können, dass sich meine Gespräche mit Deiner Mutter in der Zeit, als ich bei ihr war, auch um Dich drehten. Das war schon immer etwas, was wir gemeinsam hatten. Die Sorge um unsere Kinder.

Wir hatten beide das Gefühl, dass es für Euch – für Dich, für meinen Sohn – schwer ist, den richtigen Platz im Leben zu finden. Vielleicht liegt es daran, dass Ihr besonders dünnhäutig seid. Besonders empfindsam.

Als ich Deine Mutter vor einigen Wochen fragte, ob Du wüsstest, wie viel Du ihr bedeutest, sagte sie, ja, das wüsstest Du. Aber weißt Du es tatsächlich?

Ich wollte damals mit Dir reden, wollte Dir sagen, dass ich den Eindruck habe, Du hättest Dich aufgegeben und würdest auf die eine oder andere Art versuchen, das Leben zu beenden.

Dieses Leben, das so kostbar ist, so wunderbar manchmal, und manchmal eben auch so schrecklich. So wie Du das heute vielleicht empfindest, nachdem Deine Mutter gestorben ist.

Und trotzdem würde sie sich wünschen, dass Du gerade jetzt alles dafür tust, ein glückliches Leben zu führen, glücklich zu sein.

Weiter bin ich bis jetzt nicht gekommen. Wahrscheinlich werde ich diesen Brief auch nie abschicken. Welches Recht habe ich überhaupt, einem anderen so etwas zu schreiben? Ist es ein Ausdruck von Sorge, oder will ich nur klug daherkommen?

 

„Wüstener hat Sie angelächelt.“

Er ist 1,76 Meter groß und wiegt hundert Kilo. Das sind zwanzig Kilo zu viel. Aber vielleicht sollte ich nicht so streng sein. Ich bin doch entspannt, was das Thema Männersuche angeht.

Obwohl mein Puls zu schnell ist, mir morgens der Hals weh tut, ich Schweißausbrüche habe. Und dafür könnte eine Fehlfunktion verschiedener Organe verantwortlich sein, wie mir meine Hausärztin mitgeteilt hat.

Herz. Lunge. Nebennieren. Sogar kleine Tumore könnten irgendwo gewachsen sein.

Einem Gelegenheitshypochonder sollte man so etwas eher nicht sagen.

Nachdem ich mit einem Mann von meinem Portal telefoniert habe, treffe ich ihn. Begleite ihn sogar in seinen kleinen Schrebergarten in Spandau. Alles ist ordentlich, aufgeräumt, von Zäunen oder Paravents eingefasst.

Er will mir zeigen, wer er ist, und das möglichst schnell. Wahrscheinlich redet er deswegen fast ununterbrochen. Erzählt von seinem Leben, von seiner verstorbenen Frau, die seine große Liebe war, von dem, was ihm wichtig ist: sein Hund, seine Laube, sein Garten. Eine neue Frau müsste sich da irgendwie einfügen.

Wir erkennen beide bei dieser ersten Begegnung, dass aus uns kein Paar werden wird, nur bin ich diejenige, die das später formuliert. Ich schreibe auch, dass ich mich von seinen vielen Worten wie erschlagen fühlte.

Seine Reaktion ist verständnisvoll. Das mit dem Reden wäre ihm auch aufgefallen, es täte ihm leid, und natürlich wünscht er mir Glück.

In der Nacht werde ich wach. Mein Herz, mein ganzer Körper befindet sich in Aufruhr. Ich weiß nicht, was los ist. Und das beunruhigt mich im höchsten Maße.

Goloka hat recht, ich habe kein Vertrauen zu mir selbst, erst recht nicht zu Gott. Vielleicht entgleitet mein Leben mir gerade. Warum glaube ich plötzlich, ich müsste noch einmal einen Partner haben? Arbeiten muss ich. Also los. Vergiss die Männer. Geh an deinen Schreibtisch.

Doch bevor ich mich dem angefangenen Text widme, schreibe ich noch schnell auf, welche Qualitäten ein potenzieller Partner in meinem Fall haben müsste. Ich notiere also noch einmal das, was ich mit Goloka herausgearbeitet habe.

Ich brauche jemanden, der mich sein lässt, der mich liebt und vor mir selbst schützt. Vor übereilten Entscheidungen, vor einem lieblosen Umgang mit mir selbst. Gleichzeitig sollte er mich aber nicht in meinem So-Sein stören.

Natürlich ist das keine Einbahnstraße. Ich biete im Gegenzug dasselbe.

Der Rhododendron im Vorgarten blüht immer noch. Über mir brummt es. Mag der Nektar süß sein, den die Bienen schlürfen, die weißen Blüten stinken. Ich weiß immer noch nicht, was das für ein Baum ist.

Eine Amsel pickt nicht weit von mir im Laub vom letzten Jahr. Das wächst irgendwie nach. Wir sind nicht Herr der Lage.

Am Pfingstsonntag kommen die Schwestern zum Essen. Unser Treffen zieht sich bis in den frühen Abend. Wir plaudern entspannt und heiter, freuen uns an den sommerlichen Temperaturen, und als Jo eine Flasche Sekt spendiert, trinken wir auf unsere zwanzigjährige Freundschaft. Ihn kennen wir erst seit zwei Jahren, aber irgendwie gehört er schon dazu.

Ich spüre so viel Zuneigung für uns alle, was ja nicht alltäglich ist.

Später, als ich mit Jo nach dem Aufräumen noch einen Absacker trinke, bitte ich ihn, im Falle meines unverhofften Ablebens meine Tagebücher zu vernichten. Falls ich das selber nicht rechtzeitig schaffe vorher. All meine Überlegungen, Zweifel, all das Hin und Her in meinem Inneren – ich möchte nicht, dass ein anderer Mensch davon liest.

Andererseits ist es vielleicht genau das, was meine Art des Menschseins ausmacht. Vielleicht könnten sich in diesem meinen Sein auch andere erkennen und am Ende akzeptieren. Du bist nicht allein. Ich bin so wie du.

Auf dem Online-Portal tausche ich mit zwei netten Männern Mails aus, einer von ihnen ein Antiquar aus dem Norden. Aber das ist alles so vage, daraus wird sich nichts entwickeln. So etwas spürt man ja.

Dafür finde ich einen Mann interessant, der für eine Kirche arbeitet und sich als religiös bezeichnet. Dann sollte er doch wohl an Gott glauben, oder nicht?

Seine Fotos gefallen mir. Ich stelle mir vor, wie es wäre, ihn zu berühren. Meine Fantasien schießen mal wieder am Ziel vorbei. Ich sollte derartige Überlegungen nicht anstellen. Zumal ich mich eigenartig fühle. Der Puls? Das Herz? Angst? Der Rest aus der Weißweinflasche?

Außerdem denke ich darüber nach, was ich eigentlich einem Mann zu bieten habe.

Ich bin arm, lebe mit wenig Geld in einem heruntergekommenen Haus. Mit mir kann man keine großen Reisen machen. Womit soll ich punkten? Mit meinem freundlichen Wesen? Meiner Intelligenz?

Der Eichelhäher schleicht herum. Wahrscheinlich sucht er nach Nestern, die er plündern kann. Ich würde ihm gern eins überbraten.

Der Moppedfahrer kommt zum Essen, wir unterhalten uns angeregt mit Jo, später gesellt sich der Syrer zu uns, auch der Spanier hat einen Auftritt, der inzwischen bei uns wohnt.

Die Frau aus Kleinmachnow hat nach zwei Monaten die Auszeit von ihrem Mann beendet. Ich hoffe, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hat, von mir und auch von Jo aus hätte sie bleiben können.

Ich fahre mit dem Moppedfahrer an den See, wo er von seinen ambivalenten Gefühlen in Bezug auf seine Mitbewohner spricht. Die er aber gleich wieder relativiert. Ist nicht so schlimm, sagt er. Ist er großzügiger als ich? Oder sind wir uns sehr ähnlich?

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